Waggons am Nordbahnhof „Wenn ihr so steht, stört das nicht“

Von Ina Schäfer 

Die Waggons am Nordbahnhof können nun doch länger von den ansässigen Künstlern genutzt werden als zunächst gedacht. Die hatten ihre Umzugskisten bereits so gut wie fertig gepackt.

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Stuttgart - Es war nur ein Nebensatz, und doch ist jetzt alles anders. Schon wieder. „Wenn ihr so steht, stört das nicht“, sagte Joachim Pabsch, als er vor einigen Tagen auf dem Gelände der Subkulturschaffenden der Waggons am Nordbahnhof zu Gast war. Joachim Pabsch arbeitet bei der DB Services Immobilien GmbH. Primär kümmert er sich im Moment darum die Baulogistik von Stuttgart 21 vorzubereiten.

Pabsch ist dabei unter anderem Ansprechpartner für die Ateliergemeinschaft der Waggons am Nordbahnhof, die eigentlich aufgrund der Baulogistik hätte weichen sollen. Die Kulturschaffenden hatten im Sommer wegen der Pläne der Bahn drei Waggons bereits verschrottet und die restlichen Fahrzeuge im September hinter die Gäubahn-Brücke geschoben. „Die Lage ist damit entschärft“, bestätigt Pabsch, „die Waggons stehen jetzt auf Gleisen, die rangiertechnisch nicht gebraucht werden.“

Umzugskisten waren schon gepackt

Der Nebensatz kam für die Künstler überraschend. „Dass es nur um die paar Meter geht, hätte man uns auch früher sagen können“, sagt Marco Trotta, Performancekünstler, der schon seit Jahren in den Waggons aktiv ist.

Dabei waren die Umzugskisten bereits so gut wie gepackt. Die Abschiedsparty war gefeiert – eine von vielen. In nur wenigen Wochen sollte die Fläche entlang der Gleise am Nordbahnhof endgültig geräumt werden. Jetzt aber heißt es weitermachen, bis neue Signale kommen, neue Gerüchte, auf denen wie jetzt und wie so oft die Verlängerung fußt. „Es gibt eine echte Chance, dass die Waggons bleiben können. Doch die Unsicherheit kann ich ihnen nicht nehmen, alles weitere wird der Bauablauf zeigen“, sagt Pabsch.

Neuer Schwung am Nordbahnhof

Dass die Zukunft ungewiss ist, ist für die Bewohner der Waggons kein unbekanntes Szenario. Die, die noch geblieben sind, verfallen ob der unsicheren neuen Situation nicht in Agonie. Ganz im Gegenteil: Wer dieser Tage an die Waggons kommt, sieht etwas völlig Neues entstehen – ein großes Holzkonstrukt am Ende des Zugs.

„Unser Überwinterungsroboter“, sagt Marc Dasing, der an der Akademie der Bildenden Künste Grafikdesign studiert und seit etwas mehr als einem Jahr den Großteil seiner Zeit in den Waggons verbringt. Nun, da es weiter geht, bastelt er an einer hölzernen Winterbar mit Ofen und Dachterrasse. „Jetzt gibt es hier wieder so etwas wie einen Anfangsschwung mit ambitionierten neuen Ideen“, sagt Marco Trotta.

Aus einem losen Haufen ist ein Verein geworden

Er selbst ist derweil kaum noch am Nordbahnhof, sondern meist in Bad Cannstatt am alten Güterbahnhofgelände, auf dem ein neues, ursprünglich als Alternative zu den Waggons geplantes Projekt realisiert wird. Die gut 9 000 Quadratmeter große Fläche steht den Künstlern jetzt aber nicht mehr nur als Alternative, sondern als zusätzliche Fläche zur Verfügung.

Mit zum Teil neuen, zum Teil alten Kräften aus den Waggons wird am Projekt gearbeitet, aus dem losen Haufen ist inzwischen der Verein Contain’t geworden, Marco Trotta ist der Sprecher. Zwölf Jahre Erfahrung als Subkulturkämpfer in Stuttgart und ein großes Netzwerk aus den Waggons haben der Truppe geholfen, sich durch einen Dschungel aus Anträgen, Ämtern und Verträgen zu kämpfen.

Unterschiedliche Module

Contain’t nimmt langsam Form an, auch wenn die vergangenen Monate schwierig waren. „Wir sind Künstler“, sagt Marco Trotta, „wir wollen endlich los legen. Stattdessen schneiden wir Hecken, graben Löcher und arbeiten Bebauungspläne um.“ Vor kurzem haben sie sich um acht Uhr morgens auf einem Gleisfeld in Kornwestheim getroffen, um alte Waggons frei zu schneiden, eine Sachspende der Deutschen Bahn, die sich auf diese Weise für die verfrühte Verschrottung der alten Waggons revanchieren wollte.

Wenn Contain’t steht, soll es folgendermaßen aussehen: statt der zuerst geplanten einseitigen Containerbebauung sollen unterschiedliche Module auf das Grundstück gestellt werden. Einige Container werden trotzdem dabei sein, Imbisscontainer, auch einige Waggons als Reminiszenz, dazu Holzmodule sowie eine alte Weihnachtsmarkthütte, ein runder, rundum verglaster Raum.

Anfragen von Künstlern häufen sich

Das Gelände soll wie die Waggons eine Experimentierfläche für Kreative werden. Hier sollen Künstler ihre Ateliers einrichten können, es soll Workshops geben, Ausstellungen und Gastronomie, die von unabhängigen Betreibern organisiert wird.

Anfragen von Künstlern häufen sich schon jetzt. „Uns stehen aber noch gar nicht die räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung, um vermieten zu können“, sagt Trotta. Am 19. Oktober feiert Contain’t trotzdem Richtfest. Eine Eröffnung allerdings sei das noch lange nicht. Es ist eher ein Schnappschuss vom derzeitigen Zustand, ein Etappensieg.

Auch in Cannstatt ist der Aufenthalt der Kreativen erst einmal auf zwei Jahre begrenzt. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss. Deshalb sind die Räumlichkeiten in Bad Cannstatt im Gegensatz zu denen am Nordbahnhof modular und mobil.

Viele aus der Szene sind in andere Städte gegangen

Contain’t ist ein Wortspiel, es heißt beinhalten und doch nicht, eingrenzen und doch wieder nicht. „Wer weiß“, sagt Marco Trotta, „vielleicht steht Contain’t irgendwann ganz woanders. An einer anderen Stelle in Stuttgart, in einer ganz anderen Stadt oder sogar in einem anderen Land.“

Dass das Ganze in anderen Städten vielleicht schneller voran gehen würde, könne durchaus sein, meint Trotta. Er wirft der Stadt und ihren Ämtern aber nichts vor. „Es tut sich ja was“, sagt er, „vielleicht weil der Wert solcher Projekte immer mehr ins Bewusstsein rückt – oder weil die Kreativen hartnäckiger werden.“

Viele aus der Szene gehen trotzdem in andere Städte, zum Beispiel nach Berlin, oder nach Bremen, wo derartige Kunstprojekte schon jetzt funktionieren. Verständlich vielleicht. Andere bleiben trotzdem, so wie der Verein um Marco Trotta, um eine Grundlage und Strukturen zu schaffen, damit solche Projekte in naher Zukunft auch in Stuttgart rascher in die Tat umgesetzt werden.

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