Wahl in Mecklenburg-Vorpommern Ein Sieg, der im Hals stecken bleibt

Von Bernhard Honnigfort 

Die AfD jubelt, SPD-Ministerpräsident Sellering bleibt vermutlich im Amt, der Rest blutet: Mecklenburg-Vorpommern hat nicht gewählt, sondern einen Wutanfall in Kreuzchen verwandelt.

Kann weiter regieren: Erwin Sellering ist noch einmal davongekommen. Foto: Getty
Kann weiter regieren: Erwin Sellering ist noch einmal davongekommen. Foto: Getty

Schwerin - Das Brinkama’s in der Schweriner Altstadt ist das Lieblingsrestaurant von Erwin Sellering. Hier isst er mehrmals die Woche, hier hat er seine Hochzeit gefeiert, hier feiert der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern am Sonntagabend seinen Wahlsieg, wenn man ihn den so nennen will. Ob ihm allerdings schmeckt, was an diesem Abend serviert wird, ist nur schwer zu sagen: Es sieht so aus, als seien auch ihm die ersten Hochrechnungen im Hals stecken geblieben.

Er hat es überstanden. Die politische Katastrophe ist an ihm vorbeigezogen und hat vor allem CDU und Linke heimgesucht. Nur knapper Jubel unter seinen Anhängern, als die ersten Zahlen der SPD über den Bildschirm huschen. Ein doch erschrockenes „Ui“, als der Absturz des Koalitionspartners CDU vermeldet wird. Noch ein erschrockenes „Ui“ als klar ist: Die AfD schafft aus dem Stand den Sprung unter die Volksparteien und liegt vor der CDU. „Meine Güte“, meint ein Schweriner SPD-Mann an einem Biertischchen. „Knöpfen die sich jetzt die Merkel vor?“ Die Linken eingebrochen, die Grünen, 2011 erstmals in den Landtag eingezogen, bibbern den ganzen Abend. Die NPD nach zehn Jahren klar raus, die FDP ohne Chance.

Sellering ist da, der kleine Held. Klatschen, Jubel. Blaues Jackett, rote Krawatte, wie auf seinen Wahlplakaten, auf denen er versprach: „Gemeinsam Kurs halten.“ Bislang war das die CDU. „Schon bedrückend“, meint Sellering zum Zustand der CDU. „Es ist schon ein Alarmsignal, wenn die CDU hinter einer Partei landet, die gar keine Lösungen anbietet.“

Sellering hat schon lange geahnt, dass es kein wirklich schöner Sonntagabend werden würde. Sehenden Auges hatten sich der seit 2008 regierende Sozialdemokrat und sein Koalitionspartner, der CDU-Innenminister Lorenz Caffier, auf einen Wahltag eingestellt, der so angenehm zu werden versprach wie eine Zahnwurzelbehandlung ohne Narkose. Der Grund dafür hat drei Buchstaben. „Der Aufstieg der AfD bereitet mir große Sorge“, hatte Sellering in Schwerin vor der Wahl noch gesagt und damit allen etablierten Parteien aus der Seele gesprochen. Aber den Aufstieg stoppen? Wie denn? Da wusste keiner ein Rezept.

Die AfD feiert an diesem Abend auf der anderen Seite des Schweriner Schlosses, das den Landtag beherbergt. Zwischen Sellerings Lieblingsitaliener und dem Strandcafé und Partyzelt, in dem Spitzenkandidat Leif-Erik Holm und seine Mitstreiter den Abend bei Sekt und Wein genießen, liegen 30 Minuten Fußweg und Welten. Man hat gewonnen, man hat abgeräumt, aber man ist nicht durch die Decke geschossen. Holm, ein 45-jähriger ehemaliger Radiojournalist, wirkt ganz zufrieden, dass es nicht mehr geworden ist: Womöglich hätte die AfD dann Gespräche über eine Regierungsbildung aufnehmen müssen. „Wir schreiben heute Geschichte“, ruft Holm seinen Leuten zu. Holm hatte zwar im Wahlkampf stets angekündigt, die AfD zur stärksten Partei zu machen. Aber nun scheint er froh über Platz zwei hinter der SPD und vor der CDU und den Linken: „Mecklenburg-Vorpommern hat endlich wieder eine Opposition“, ruft er durch das Zelt. „Jawoll“, rufen einige zurück. „Jetzt machen wir denen Feuer unterm Hintern“, meint einer.

Wie es weitergeht? Die meisten Wähler, so die Umfrageinstitute, bevorzugen das Bündnis, das seit zehn Jahren das Land regiert. Sellering, der 2008 das Amt von seinem Vorgänger Harald Ringstorff übernahm, muss sich offensichtlich selbst an den Gedanken gewöhnen, dass es kein wirklich durch und durch schöner Abend ist, denn auch die SPD hat deutlich verloren. Aber es hätte schlimmer kommen können – und eine Zeit lang sah es ja auch danach aus: „Es war mein schwerster und mein schönster Wahlkampf“, sagt er und seine Leute im Brinkama’s horchen auf: Schwer – das glauben alle sofort. Der schönste? Sellering erinnert an die schlechten Zahlen im Frühjahr, die Disziplin seiner Genossen, die nicht den Kopf verloren. Die liebevolle Unterstützung im Wahlkampf. Und dann der Schlussspurt, in dem die SPD doch wieder zulegen konnte. „Wunderschön“, sagt er.

Es hätte alles noch schlimmer kommen können, einerseits. Andererseits machen sich die wenigsten Schweriner Spitzenpolitiker an diesem Abend Gedanken über den Eigenanteil an dem schlechten Abschneiden der eigenen Partei. Alle laden die Schuld bei einer Dame ab, die sowieso gerade außer Landes ist: Angela Merkel ist in China. Die Flüchtlingspolitik habe alles überlagert, Bundesthemen hätten alles andere vom Tisch gedrückt. Von Merkel sind alle abgerückt im Wahlkampf, auch Sellering, der ihren Satz „Wir schaffen das“ erst kritisierte, als er merkte, wie die Stimmung im Land wirklich ist.

Was aus Lorenz Caffier wird, seinem Innenminister, ist an diesem Abend unklar. Die CDU hat nichts zu feiern. Die einen reden davon, dass ihm keine Schuld anzukreiden sei. Andere davon, die Union im Nordosten brauche dringend neue Köpfe an der Spitze. Sellering will abwarten und sich die Lage „genau anschauen“. Es komme darauf an, so viel SPD-Politik wie möglich durchzusetzen, sagt er. „Dann kann er ja mit der CDU weitermachen“, meint ein Rostocker Genosse vergnügt.

Schwerin ist eine kleine politische Bühne und Sellering dort eine Ausnahmeerscheinung. Die Leute mögen den 66-jährigen gelernten Verwaltungsrichter, der aus dem Ruhrgebiet in den Nordosten kam. Hätte es eine Direktwahl gegeben, niemand hätte eine Chance gegen ihn gehabt. Nun aber muss er sich aus dem Scherbenhaufen der Wahlnacht einen Partner suchen. Ganz leicht wird das nicht.