An Sonntag wählen die Österreicher ein neues Parlament. Den Alltag von Deutschlands kleinerem Nachbarland prägt eine ganz spezielle Art von Sündentoleranz – das schlägt sich auch im politischen Betrieb durch.
Wien - Das grundlegende Missverständnis zwischen Deutschen und Österreichern besteht darin, dass der große Nachbar dazu neigt, den kleinen für eine Art kurioses Anhängsel zu halten – mehr denn je, seit an der Grenze nicht mehr kontrolliert wird. Aber das stimmt nicht: Österreich ist ein eigenständiges Land mit einer eigenen Sprache. Und so wie der Österreicher „oja“ raunt, wenn der Deutsche „doch“ behauptet, so wie der Österreicher vom „Übersiedeln“ erzählt, während der Deutsche vom „Umziehen“ berichtet – so unterscheiden sich die beiden Länder darin, was den persönlichen Umgang des Einzelnen mit den Gesetzen und Verordnungen angeht, die sich seine gewählten Vertreter im besten Fall zum Wohl der Bevölkerung ausgedacht haben.
Um Regeln schert sich kaum einer
Zwei alltägliche Beispiele: in Wien muss ein strenges Beißkorb-und-Leinen-Reglement befolgen, wer einen Hund spazieren führt. Nur schert sich niemand darum. Oder in der Wiener Innenstadt gab es seit der Gründerzeit strenge Vorschriften, die besagen, dass ein Haus nicht mehr als drei Stockwerke haben darf. Sechs- oder siebenstöckig wurden die Gebäude trotzdem, weil findige Bauherren neben dem laut Bauordnung erlaubten ersten, zweiten und dritten Stock eben noch Hochparterre, Mezzanin, Dachboden und Souterrain dazugemauert haben. Muss ja nicht unbedingt zählen.
Der Wiener Autor Harald Havas, der in seinen Büchern derartige Auffälligkeiten beleuchtet, hat eine historische Erklärung für den kreativen Umgang der Österreicher mit ihrem vergleichsweise stark regulierten Staat: „Das hat mit vielen Jahrhunderten Habsburger Herrschaft zu tun. In einem monarchistisch geprägten Land, das sehr bürokratisch war, kann man nur überleben, indem man Auswege und Schlupfwege sucht“, sagt er, wenn man ihn fragt.