Wenn FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke ans Rednerpult tritt, zieht so mancher den Kopf ein. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
Der FDP-Fraktionschef im Landtag ist gefürchtet für seine spitze Zunge. Jetzt will er Landesvorsitzender seiner Partei werden. Wer ist der Politiker, dem auch schon mal ein Bier im Plenum des Landtags serviert wurde?
Der Fakt überrascht selbst Parteifreunde. In einem Tiktok-Video rätseln FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke und die Abgeordneten Erik Schweickert und Christian Jung, wer am häufigsten Ordnungsrufe erhalten hat. Die Überraschung: Es ist nicht Rülke, sondern Jung. Rülke ist zwar gefürchtet wegen seiner spitzen Zunge und seines scharfen Verstands. „Er geht gern an die Grenze des Sagbaren, aber er überschreitet sie nicht“, beobachtet sein Partei-Kollege Erik Schweickert. Einen Ordnungsruf hat der dienstälteste Fraktionschef im Landtag in seinen 18 Jahren im Parlament noch nie erhalten.
Seinen Spitznamen „Brülke“ erhielt er, als er 2012 in einer Debatte um die damals umstrittene Kultusministerin Gabriele Waminski-Leitheußer (SPD) laut wurde. Doch meist ist es nicht die Lautstärke, sondern die Wortwahl und scharfe Analyse, mit der Rülke im Parlament für Aufsehen sorgt. Während der Eurokrise verunglimpfte Rülke Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) als „Winfridos Kretschmannakis“, der angeblich nicht mit Geld umgehen könne. Seit Jahren arbeitet er sich an Innenminister Thomas Strobl (CDU) ab, den er schon vor der Polizei-Affäre als „Problembären“ bezeichnete. 2017 wurde eine Rede zum Youtube-Hit, in der er sich an der AfD abarbeitete.
Doch nicht selten bewegt sich Rülke im Graubereich. Für einen kleinen Eklat sorgte er 2021, als er von einem „Staatssekretärs-Volkssturm“ sprach, als es um die vielen neu geschaffenen Stellen der Landesregierung ging. Rülke indessen verwies darauf, dass der Begriff schon während der Französischen Revolution verwendet worden sei, etwa beim Sturm auf die Bastille in Paris 1789.
Es ist genau diese Art, für die Rülke in den eigenen Reihen gefeiert wird – und warum der 63-Jährige sich nun nicht nur als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026 ins Rennen wirft, sondern auch nach dem Landesvorstand greift. „Hans-Ulrich Rülke macht unsere Partei sichtbar mit seinen Ecken und Kanten“, lobt ihn seine Generalsekretärin Judith Skudelny.
Dabei sieht ihn mancher Liberaler durchaus kritisch. Doch selbst unter denen, die nichts mit seiner Art anfangen können, schätzen viele an Rülke, dass er der FDP in der Oppositionsrolle Aufmerksamkeit verschafft. Als Fraktionschef hatte er bisher keine ernsthafte Konkurrenz. Zuletzt scheiterte der Bundestagsabgeordnete Pascal Kober mit dem Versuch, sich ihm als Landesvorsitzenden in den Weg zu stellen. Am kommenden Sonntag will sich Rülke beim Landesparteitag zur Wahl stellen.
Parteifreunde bezeichnen ihn als absolut verlässlich
Rülke machte öffentlich kein großes Aufhebens darum. „Er klärt Sachen im Hintergrund“, sagt der Landtagsabgeordnete Erik Schweickert, der sich mit Rülke im gemeinsamen Wahlkreis Pforzheim ein Büro teilt und sagt, was er an seinem Parteifreund schätzt: „Ich kenne niemanden, der so zuverlässig ist.“ So beschreibt ihn auch die Generalsekretärin Judith Skudelny: „Er personifiziert für mich: ein Mann, ein Wort. Das ist in der Politik eine Seltenheit.“ In der FDP fährt Rülke, dem seit langem ein Interesse am Amt des Wirtschaftsministers nachgesagt wird, einen klaren wirtschaftsliberalen Kurs. „Wir werden im Landtagswahlkampf den Wirtschaftsstandort zum Thema machen – auch mit dem Thema E-Fuels“, kündigt er an und spart nicht mit Kritik am Kurs der Grünen. „Wir brauchen eine Lösung für die Klimaneutralität in der Bestandsflotte.“ Es schade Baden-Württemberg, wenn man den Verbrennungsmotor verbieten will. „Da geht es um den Erhalt von Arbeitsplätzen.“
Hans-Ulrich Rülke mit Manuel Hagel im Dezember bei der Landesvertreterversammlung der CDU. Foto: dpa/Bernd Weißbrod
Es ist kein Geheimnis, dass Rülke sich mit CDU-Landeschef und Wahrscheinlich-Spitzenkandidat Manuel Hagel trifft, um Gemeinsamkeiten für eine Koalition nach 2026 auszuloten. Seit vergangenem Sommer gehen die beiden demonstrativ zusammen wandern, die Angriffe im Parlament auf den CDU-Chef nehmen seitdem merklich ab. „Manuel Hagel und ich haben ein sehr gutes und vertrauensvolles Verhältnis“, sagt Rülke. Festlegen will er sich aber nicht: „Eine Entscheidung über Koalitionsmöglichkeiten werden wir in der Nähe des Wahltags treffen.“ Dass die FDP mit aktuell vier Prozent in Umfragen weit unter dem Wahlergebnis von 2021 liegt – damals waren es 10,5 Prozent, ficht ihn nicht an. „Ich bin schon einmal mit drei Prozent in den Umfragen in den Wahlkampf gestartet und am Wahltag bei über acht Prozent herausgekommen.“
Seine Parteifreunde haben Vertrauen, dass er die Liberalen auf Linie bringen wird: „Sein Führungsstil ist ehrlich, offen und direkt, nie hintenrum“, sagt Skudelny. „Er arbeitet effizient und integrierend mit den Menschen.“ Sein Bürokollege Erik Schweickert beschreibt Rülke als einen empathischen Menschen, eine Eigenschaft, die ihm politische Gegner eher nicht zuschreiben würden. Rülke sucht in der Öffentlichkeit gern den Konflikt und verriet vor einigen Jahren seinem Heimatblatt der „Pforzheimer Zeitung“: „Was mir fehlt, sind kernige Mitdiskutanten wie Stefan Mappus von der CDU und Claus Schmiedel von der SPD. Dafür gibt es jetzt zu viele Heulsusen, die zwar austeilen können, aber sofort depressiv werden, wenn man sie selbst kritisiert.“ Rülke und den Ex-Ministerpräsidenten Mappus verbindet auch nach dessen Ausscheiden aus der Politik weiterhin eine langjährige Freundschaft.
Schweickert erzählt eine Anekdote: Vor einiger Zeit habe er das Buch „Alleiner kannst du gar nicht sein“ über den Berliner Politbetrieb in seinem Büro liegen gehabt, das als Geschenk gedacht gewesen war. Rülke habe den Titel gesehen und eine Woche lang versucht, herauszufinden, was mit ihm los sei und sich Sorgen gemacht. „Rülke nimmt seine Abgeordneten mit“, sagt Schweickert. „Die Tür ist offen, jeder kann zu ihm kommen. Er ist absolut vertrauenswürdig.“
Ganz ernst nimmt sich der künftige FDP-Landeschef anscheinend nicht: Einst zeigte er sich auf Instagram als 19-Jähriger in Badehose. Nach einer Wette an der Hotelbar brachte er im Herbst die Zimmernummer 510 von Bauministerin Nicole Razavi in einer Rede zum Bürokratieabbau unter. Die ließ ihm daraufhin ein Bier im Plenum servieren – zum Erstaunen von Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die ihn schmunzelnd daran erinnerte, dass im Plenum nur Wasser am Rednerpult erlaubt sei. Einen Ordnungsruf kassierte Rülke dafür wieder nicht, denn er beteuerte: „Ich habe es nicht bestellt, und ich habe es auch nicht getrunken!“
Privat
Lehrer Hans-Ulrich Rülke ist Gymnasiallehrer. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaften, Literatur und Soziologie an der Universität Konstanz, wo zu der Zeit unter anderem der große Liberale Ralf Dahrendorf lehrte. Rülke promovierte über „Gottesbild und Poetik bei Klopstock“. Der 63-Jährige ist verheiratet und hat drei Söhne.
Politiker Seit 1985 ist Rülke Mitglied der FDP, seit 1999 sitzt er im Gemeinderat in Pforzheim. Seit 2006 sitzt er im Landtag. 2009 stürzte er den damaligen Fraktionschef Ulrich Noll.