Wahlen 2024 Frauen bleiben in Gemeinderäten eine Minderheit

Im Wernauer Rathaus hält Christiane Krieger bereits seit Januar das Heft in der Hand. Jetzt wurde die Bürgermeisterin auch in den Kreistag gewählt – mit einem Top-Ergebnis. Foto: /Ines Rudel

Frauen sind auch nach der Kommunalwahl 2024 unterrepräsentiert. Unsere Zeitung hat sich angeschaut, wie es in den Gemeinderäten im Kreis Esslingen aussieht, und dazu Frauen befragt, die in der Kommunalpolitik aktiv sind.

Sersheim, eine Gemeinde mit etwa 5700 Einwohnern im Landkreis Ludwigsburg, ist Inhaberin eines traurigen Rekords: Nirgendwo sonst in der Region ist der Anteil an Frauen im neu gewählten Gemeinderat so gering wie dort. Unter den 14 Gemeinderäten ist nur eine einzige Frau dabei. Am anderen Ende dieser Hitliste aus den Kreisen Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg, Rems-Murr und Göppingen sowie der Stadt Stuttgart steht die 8000-Einwohner-Gemeinde Hemmingen, ebenfalls im Kreis Ludwigsburg: Zehn von 18 Gemeinderäten sind hier weiblich, was eine Quote von mehr als 50 Prozent bedeutet. Wie aber sieht es im Kreis Esslingen aus?

 

Hier liegt Leinfelden-Echterdingen mit einem Frauenanteil von 50 Prozent weit vorne – als Stadt ist sie die Nummer Eins in der gesamten Region. Vor ihr liegen nur das genannte Hemmingen und Hildrizhausen (3600 Einwohner) im Kreis Böblingen. Ebenfalls einen hohen Frauenanteil mit 46 Prozent hat die Stadt Ostfildern – die Nummer Zwei in dieser Hinsicht im Kreis Esslingen. Es folgen die Neckargemeinden Altbach und Deizisau sowie Denkendorf (alle mehr als 40 Prozent). Auch Neuhausen und Wendlingen haben einen Frauenanteil von etwas mehr als 40 Prozent.

Die Stadt Esslingen liegt im Mittelfeld

Esslingen befindet sich mit 35 Prozent im Mittelfeld. Die Stadt mit dem geringsten Frauenanteil im Kreis ist Wernau. Von 22 Ratsmitgliedern sind nur drei weiblich – also ein Anteil von rund 13 Prozent. Die eher kleine Gemeinde Erkenbrechtsweiler hat einen noch geringeren Frauenanteil: Eine einzige (bei zehn Gewählten). Männlich dominiert mit einem Anteil von 20 und weniger Prozent Frauen sind Altdorf, Neidlingen, Neuffen und Wolfschlugen.

„Ich bedauere das sehr“, sagt Carmen Tittel, Fraktionschefin der Grünen im Gemeinderat Esslingen. „Frauen begutachten Dinge anders.“ Ihre Fraktion schickt vier Frauen und vier Männer in den Gemeinderat und bringt damit einen für Esslingen, aber auch für die Region überdurchschnittlichen Frauenanteil in die Kommunalpolitik. Die anderen größeren Fraktionen haben einen überdurchschnittlichen Männeranteil. Erst bei den Kleineren wird es wieder anders. Die FDP bringt zwei Frauen und einen Mann in den Gemeinderat. Zudem gibt es die Gruppen FÜR Esslingen und Volt/ÖDP, die nur eine Person in den Gemeinderat entsenden, die aber dann jeweils eine Frau sein wird. Tittels Bedauern hat etwas mit der Perspektive zu tun, mit der Frauen, wie Tittel findet, Themen betrachten. Diese sei oft anders als die der Männer. Die Politik benötige beide Blickwinkel.

Carmen Tittel: Da geht viel Wissen verloren

„Wenn Frauen unterrepräsentiert sind, geht viel Wissen verloren.“ Sie nennt das Beispiel Stadtplanung. Frauen achteten eher auf Barrierefreiheit, sehen Stellen, an denen ein Kinderwagen oder ein Rollstuhl durchkommt – oder auch nicht. Und sie haben einen anderen Blick für dunkle Ecken, die unangenehm wirken. Carmen Tittel wünscht sich, dass mehr Frauen Frauen wählten – „und natürlich auch mehr Männer Frauen wählen würden“, fügt sie hinzu.

Christa Schimpfs kommunalpolitische Karriere hat erst im Alter von 72 Jahren begonnen: Vor fünf Jahren wurde sie für die SPD in den Wendlinger Gemeinderat gewählt – nun wurde sie mit überzeugendem Ergebnis bestätigt. „Die Arbeit als Stadträtin ist sehr zeitaufwendig, aber auch sehr spannend“, hat Christa Schimpf fünf Jahre lang erlebt. Ich bekomme unheimlich viele Anregungen. Die Bürgerinnen und Bürger sind meine Lehrer, und ich lerne ständig dazu. Es ist toll, mit so vielen unterschiedlichen Menschen arbeiten zu dürfen.“ Dass die Wendlingerin zuvor 35 Jahre lang Kirchengemeinderätin war, hat ihr manches erleichtert.

Christa Schimpf: Vieles hat sich angeglichen

Dass es Frauen in der Politik schwerer hätten, kann sie nicht bestätigen: „Da hat sich vieles angeglichen. Jeder kann wichtige Erfahrungen beisteuern, um gemeinsam zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen. Meine bevorzugten Themen sind Kinderbetreuung, Bildung, Kultur und Ehrenamt. Und ich möchte ein Baustein in der Brücke zwischen den Stadtteilen Unterboihingen und Wendlingen sein. Andere sind in anderen Themen zuhause. Wir haben zwei Ingenieurinnen im Gemeinderat. Die reden sehr sachkundig bei Baumaßnahmen mit.“ Christa Schimpf freut sich auf die nächsten fünf Jahren, die nun im Gemeinderat vor ihr liegen: „Demokratie wird in der Kommunalpolitik erlebbar. Es ist schön, wenn man daran mitarbeiten kann.“

Das macht Christiane Krieger als Bürgermeisterin von Wernau ohnehin schon – und sie wird es künftig auch im Kreistag tun. Im Wahlkreis Plochingen holte sie für die Freien Wähler auf Anhieb 11 786 Stimmen und wurde Stimmenkönigin; sie landete sogar vor ihrem Plochinger Amtskollegen Frank Buß. „Das Ergebnis hat mich riesig gefreut.“ Dass gerade viele Wernauerinnen und Wernauer sie gewählt hätten, interpretiert Krieger „als sehr schönes Feedback für meine Arbeit in den ersten Monaten meiner Amtszeit“.

Dass sich der Frauenanteil im Wernauer Gemeinderat nicht erhöht hat, bedauert die Rathauschefin indes: „Ich würde es besser finden, wenn wir mit der Zusammensetzung des Gremiums näher am tatsächlichen Bevölkerungsanteil dran wären“, sagt sie. Warum das nicht so ist, vermag die Bürgermeisterin hingegen nicht zu sagen. „Ich kann nicht in die Köpfe der Leute schauen, zumal mit Sabine Dack-Ommeln (Bürgerliste) und Petra Binz (SPD) zwei Frauen ja sogar die meisten Stimmen für ihre Listen geholt hätten. „Und ob die Arbeit im Gemeinderat mit mehr Frauen tatsächlich anders wäre, ist ohnehin reine Spekulation“, ergänzt Krieger.

Drei Viertel der Kreisräte sind Männer

Ungleichheit
Im neu gewählten Kreistag des Landkreises Esslingen haben vorwiegend Männer das Sagen: Bis auf die Grünen, deren Fraktion aus zehn Frauen und vier Männern besteht, gibt es in allen anderen künftigen Fraktionen ein deutliches Übergewicht an Männern. Die AfD und die Linke bestehen sogar zu hundert Prozent aus Männern. Bei den Freien Wählern stehen 23 Männern vier Frauen gegenüber. In der CDU ist es ähnlich: 18 Männer, vier Frauen. Auch bei der FDP: vier Männer, eine Frau. Die SPD schickt neun Männer und vier Frauen in den Kreistag. Damit stehen 71 Männern 23 Frauen gegenüber. Das bedeutet, das der Kreistag aus rund 75 Prozent Männern besteht. Auch auf der Landesebene ist die Verteilung ungleich: Im Landtag von Baden-Württemberg sind knapp 30 Prozent Frauen vertreten.

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