Als am Sonntag kurz nach 18 Uhr die ersten Prognosen zur Europawahl im Fernsehen präsentiert werden, zeichnet sich ab, dass sich die Vertreter der Union am festesten auf die Schulter klopfen dürfen. CDU und CSU streichen demnach zusammen fast 30 Prozent ein, womit sie im Land die Nase deutlich haben vor der AfD mit 16,5, der SPD mit 14 und den Grünen mit 12 Prozent. Die FDP muss sich mit knapp fünf Prozent begnügen. Während im TV alsbald schon Einschätzungen zu all den Zahlen abgegeben werden, startet in den Wahllokalen gerade erst die heiße Phase.
Nur kurze Pause
Die Helfer vor Ort beginnen, Kreuzchen zu addieren, erst für die Europa-, direkt im Anschluss für die Regionalwahl. Die Ruhepause ist nur kurz. Gleich am Montag wird der verbliebene Schwung an Stimmzetteln ausgewertet. Zunächst zählen die Freiwilligen, wer wie viele Stimmen für den Kreistag auf sich vereinigen kann. Abschließend sind die Gemeinderatswahlen an der Reihe.
Dabei hat der Arbeitstag für die Wahlhelfer am Sonntag bereits früh begonnen. „Die erste Schicht ist von 7.30 bis 13 Uhr da. Die zweite Schicht kommt um 12.30 Uhr, übernimmt bis 18 Uhr. „Ab 17.30 Uhr sind alle da, damit wir zusammen pünktlich um 18 Uhr mit dem Auszählen beginnen können“, erklärt der Marbacher Hauptamtsleiter Jürgen Sack, Wahlvorsteher im größten Wahlbezirk, dem Rathaus. In der Regel sei man bis 21 Uhr mit allen Zetteln für die Europa- und die Regionalwahl durch. Die Urne, in der die Bürger die Umschläge für die Gemeinderats- und die Kreistagswahl eingeworfen haben, wird versiegelt und über Nacht bewacht. Am Montag wird der Behälter geöffnet, damit die Auswertung um 8 Uhr beginnen kann.
Allerdings hat das achtköpfige Team von Jürgen Sack schon den ganzen Sonntag über alle Hände voll zu tun, beantwortet teils einfache, teils komplexe Fragen zum Prozedere, muss bisweilen zudem steuernd eingreifen, weil zum Beispiel jemand zielstrebig auf eine Kabine zusteuert, obwohl dort noch jemand über den Namenslisten brütet.
Fast durchgehend großer Andrang
Aufgeschlossen wurde das Rathaus um 8 Uhr. Rund zehn Bürger, die immer gleichen bei solchen Anlässen, strömten dann auch umgehend in den Verwaltungssitz, sagt Sack. „Wir haben seitdem fast durchweg einen großen Andrang“, konstatiert er gegen 10.30 Uhr. Unter den Besuchern seien einige Minderjährige, die erstmals bei der Europawahl ihr Kreuzchen setzen dürfen. Die Jugendlichen kämen meist in Begleitung ihrer Eltern. Vor den drei Wahlkabinen bilden sich sogar Schlangen, müssen die Bürger mitunter einige Minuten warten, ehe sie an der Reihe sind.
In der Wahlbeteiligung schlägt sich dieses Bild zunächst nur bedingt nieder. „Wir liegen aktuell bei 13,85 Prozent, inklusive Briefwähler bei 38,75 Prozent“, vermeldet Beate Fähnle kurz vor 13 Uhr aus dem Marbacher Wahlamt. Für das Zwischenergebnis um 16 Uhr kann sie etwas später die Zahlen aber stark nach oben auf 60,4 Prozent korrigieren. „Damit sind wir zufrieden“, sagt sie.
In Kornwestheim gab es am Nachmittag ebenfalls einen Schub zu verzeichnen, die Beteiligung zog von 48 Prozent um 12 Uhr auf 64,2 Prozent um 17 Uhr an. „Das ist eine gute Bilanz, auch wenn wir natürlich gehofft hatten, dass noch mehr Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hätten“, sagt Pressesprecherin Lisa Degen.
Ein ordentlicher Wert deutet sich auch für Ludwigsburg an. „Um 14 Uhr haben wir beispielsweise in Poppenweiler eine Wahlbeteiligung von 56 Prozent, wenn man unterstellt, dass alle Briefwähler ihre Unterlagen auch abgegeben haben. Das ist viel, sehr viel“, sagt Jürgen Schindler, Fachbereichsleiter Bürgerdienste, kurz nach 14 Uhr.
Jungwähler auch mit dabei
Dieser Trend spiegelte sich schon früh in der Lembergschule im Ludwigsburger Stadtteil wider, wo sich von Zeit zu Zeit längere Schlangen vor den Kabinen bilden. „Wir haben jetzt schon 130 Wähler gehabt“, sagt Wahlvorsteher René Kucher gegen 12 Uhr. Darunter seien wie in Marbach einige Erstwähler. „Für mich war klar, dass ich wählen gehe“, erklärt eine 16-Jährige, die gerade ihre Unterlagen eingeworfen hat. Im Gemeinschaftskundeunterricht sei das Thema behandelt worden, und da habe es auch geheißen, man dürfe sich nur über Politiker beschweren, wenn man selbst sein Kreuzchen gemacht habe, erläutert die Gymnasiastin schmunzelnd.
Die Jugendliche scheint gut vorbereitet zu sein für den großen Tag, hat keine Fragen an die Helfer. Das ist nicht bei allen Bürgern so. Einigen wenigen müsse man das ganze Prozedere vor Ort erläutern, sagt in Marbach Jürgen Sack. Das nehme dann schon mal zehn Minuten in Anspruch. Rasch ist dagegen der Fall einer Frau geklärt, die ihre Wahlbenachrichtigung vergessen hat. Sie identifiziert sich über den Personalausweis, kann dann im Wählerverzeichnis abgehakt werden. Nichts zu machen wäre indes, wenn jemand seinen Umschlag in eine falsche Urne steckt. Die Unterlagen wären ungültig, sagt Jürgen Sack. Deshalb achten die Wahlhelfer penibel darauf, dass genau das nicht passiert. Die größte Fehlerquelle, da sind sich Sack und sein Kollege René Kucher in Poppenweiler einig, ist der Wahlzettel zum Gemeinderat. Da passiere es schon hin und wieder, dass sich jemand verrechnet und zu viele Stimmen verteilt – weshalb die Helferteams bei der Auswertung konzentriert zwei Tage lang am Ball bleiben müssen.
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