Bietigheim-Bissingen - Stephan Muck war ein respektabler Gegenkandidat. Er sitzt schon lange im Gemeinderat, ist bekannt in Bietigheim-Bissingen und hat einen engagierten Wahlkampf geführt. Aber, und das ist entscheidend: Muck ist Winzer und verfügt über keinerlei Verwaltungserfahrung. Jürgen Kessing hingegen ging mit einem erheblichen Amtsbonus und damit als klarer Favorit in die Wahl. Vor diesem Hintergrund sind 54,7 Prozent der Stimmen ein ungewöhnlich schlechtes Ergebnis. Kessing hat gewonnen und zugleich verloren: fast die Hälfte aller Wähler nämlich.
Der OB macht es sich zu einfach mit seiner Wahlanalyse
Der alte und neue Oberbürgermeister scheint das auszublenden. „Viele, die zufrieden sind, sind nicht zur Wahl gegangen“, sagte er am Sonntag, als das Ergebnis fest stand. Mit dieser Analyse macht der SPD-Politiker es sich denkbar einfach. Immerhin lässt sich der Wahlausgang problemlos genau andersherum interpretieren: Die Wahlbeteiligung lag nur bei rund 38 Prozent und damit deutlich unter dem Schnitt. Wenn aber nur wenige zur Wahl gehen und von diesen Wenigen nur etwas mehr als die Hälfte für den Amtsinhaber stimmt, ist dieser Amtsinhaber zwangsläufig geschwächt. Weil er es offenkundig nicht geschafft hat, den Großteil der Bevölkerung von sich zu überzeugen.
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Kessing sollte daher nicht mit dem Gefühl in die dritte Amtsperiode gehen, dass die Stadt geschlossen hinter ihm steht. Denn das ist nicht der Fall – und zwar, obwohl es Bietigheim-Bissingen gut geht und Kessing politisch wenig vorzuwerfen ist. Er hat sich zweifellos um diese Stadt verdient gemacht. Muck aber setzte voll auf eine Karte: Heimatgefühl, Verbundenheit, Nähe. Kessing muss, spätestens seit er Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands geworden ist, mit dem Vorwurf leben, nicht mehr mit ganzem Herzen für Bietigheim-Bissingen zu arbeiten. Er hat diesen Vorwurf stets abgeblockt.
Die Kritik an Kessing zielt auf seinen Politikstil, weniger auf die Inhalte
In anderen Situationen zeigte sich Kessing in den vergangenen Jahren oft dünnhäutig. Selbst wenn er offensichtlich einen Fehler gemacht hatte, suchte er die Schuld gerne bei anderen. Es ist genau diese Form von Kritikunfähigkeit, die dazu führte, dass der Ludwigsburger OB Werner Spec aus dem Amt gefegt wurde. Kessing ist mit einem blauen Auge davon gekommen, und wenn er hoffentlich bald beide Augen öffnet, sollte er erkennen, dass er etwas verändern muss.
Die CDU wirft ihm vor, ambitionslos zu agieren, manche bezeichnen Kessing als arrogant. Auch diese Kritik zielt weniger auf die konkreten Inhalte und vielmehr auf Kessings Politikstil. Er muss jetzt beweisen, dass er dies ernst nimmt. Er muss den Menschen zuhören. Er muss wieder ein OB für alle in Bietigheim-Bissingen werden. Nicht nur für jene, die sowieso seiner Meinung sind.