Wahlkampf auf der Zielgeraden Warum die Böblinger OB-Wahl spannender wird als gedacht

Unterschiedlicher könnten die sechs Kandidaten kaum sein: Bild von der offiziellen Vorstellung in der Kongresshalle Foto: Stefanie Schlecht

Das Interesse an der Böblinger OB-Wahl ist groß – warum? Die Windkraft treibt viele Böblinger noch immer um.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Die Wiese schien auf den ersten Blick gemäht für Stefan Belz. Als am 29. Dezember des vergangenen Jahres die Frist für die Bewerbung um das Böblinger Oberbürgermeisteramt verstrichen war, sah kaum ein Beobachter eine ernsthafte Konkurrenz für den Amtsinhaber mit Grünen-Parteibuch. Alle Aspiranten waren lokalpolitisch unbeschriebene Blätter, bis auf Dauerkandidatin Fridi Miller, die zum 113. Mal ohne den Hauch einer Chance antritt. Doch nach den beiden offiziellen Kandidatenvorstellungen ist die Lage nicht mehr ganz so sonnenklar.

 

Was vor allem überrascht: Das große Interesse in der Bürgerschaft an den Veranstaltungen. Geht man vom „g’mähten Wiesle“ aus, das man zum Jahresende in der Wahl sah, wundert man sich über die prall gefüllten Stuhlreihen in der Kongresshalle am vergangenen Montag. Warum machen sich so viele Böblingerinnen und Böblinger auf den Weg zur Vorstellung, wenn der Wahlausgang für viele ohnehin klar ist?

Werteunion kämpft für Wald und Wiesen

Insbesondere Bewerber Stefan Thien schien mit seinen Forderungen den ein oder anderen Nerv im Publikum zu treffen, Stichwort: Windkraft. Zwar sind Windräder oberhalb der Diezenhalde aufgrund der Entscheidung durch die Regionalversammlung quasi vom Tisch. Doch als Wahlkampf-Thema taugen sie immer noch, wie Thien unter Beweis stellt. Der 63-jährige Finanzberater im Ruhestand, Ex-AfD-Mitglied und Werteunion-Wahlkämpfer für den Ex-AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen, schwingt sich zum Umweltschützer auf: Der „wunderbar gewachsene, tierreiche Mischwald“ müsse erhalten, gar zum Naturschutzgebiet werden, fordert Stefan Thien – und erhält mehrfach Applaus.

Volle Ränge bei der Kandidatenvorstellung am 19. Januar in Böblingen Foto: Stefanie Schlecht

Die Werteunion kämpft für Wald und Wiesen? Über die Wandelbarkeit politischer Positionen lässt sich trefflich streiten. Doch Umweltschutz gehörte bisher nicht zu den Kernthemen der Rechtskonservativen. Nebenbei: Dass der wirksamste Schutz des Waldes nachgewiesenermaßen in der Bekämpfung des Klimawandels und der Reduktion fossiler Energieträger steht, lässt Thien unter den Tisch fallen. Zumal der Konservative die Radwege in der Innenstadt gerne anders führen würde. Warum? Damit es die Autofahrer bequemer haben. Thiens Argumentation mag bei dem ein oder anderen verfangen, in sich schlüssig ist sie nicht.

Zwar berührte der ehemalige Finanzberater in seinem Wahlkampf kaum Punkte der Wirtschafts- und Standortpolitik, die für Böblingens Finanzen elementar sind. Doch wenn einer dem Amtsinhaber Belz Prozentpunkte klauen dürfte, dann ist es trotzdem Stefan Thien. Das zeigte die Resonanz auf seine Auftritte. Daneben wirkten die Ideen von Aleksandar Blazevski eher blass und vorhersehbar, als dass er nennenswert Punkte holen könnte. Lucas Guimaraes de Macedo hingegen schlägt ins andere Extrem: Seine Ideen sind allzu bunt, viele dürften ihm eine strukturierte Umsetzung kaum zutrauen.

Millers Störfeuer beschädigen Würde des Amtes

Bei Fridi Miller und Werner Schneider stellt sich auch am Ende des Wahlkampfs noch die Frage, warum sie sich in dieses kräftezehrende und nicht ganz billige Abenteuer eines OB-Wahlkampfs begeben haben. Bei Fridi Miller kommt der sehr unschöne Nebeneffekt hinzu, dass sie Wahlen nicht nur im Vorfeld mit ihren Auftritten „bereichert“, sondern im Nachgang mit ihrer Klagefreude für juristische Störfeuer sorgt. Die haben so gut wie keine Aussicht auf Erfolg, beschädigen aber die Würde des Amtes.

Demokratie lebt von der Vielfalt, vom Wettstreit der Ideen. Neue, auch abseitige Ideen hat dieser Wahlkampf aufgebracht. Gut so. Nur: Vor der Wahl verspricht sich vieles leichter, als es nach der Wahl gehalten werden kann. Das ist zwar eine Binse, aber zugleich die schmerzhafte Wahrheit.

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