Herr Steiger, gäbe es zur Präsidentenwahl beim VfB Stuttgart die Sonntagsfrage – bei wie viel Prozentpunkten stünden Sie momentan?
Ich würde jedenfalls sehr gut im Rennen liegen und mich über anhaltenden Stimmenzuwachs freuen können – ganz klar. Denn: In meinen zahlreichen, offenen Gesprächen höre ich sehr oft: „Herr Steiger, ich werde Sie ganz sicher wählen – aber ich äußere mich dazu nicht öffentlich.“
Warum?
Weil viele – so ist mein Eindruck – befürchten, dass dies für sie nicht von Vorteil wäre, auch und gerade mit Blick auf die sozialen Medien. Das finde ich bedenklich, unabhängig vom derzeitigen Rennen um die Präsidentschaft beim VfB.
Wie lautet Ihre Erklärung?
Das ist auch ein gesamtgesellschaftlicher Prozess: dass es viel zu harschen Gegenwind und vor allem bewusstes, gezieltes Missverstehen zu nahezu jeder öffentlichen Äußerung gibt – vor allem online.
Sie sehen sich neuerdings Rassismusvorwürfen ausgesetzt, nachdem Sie in einem Podcast erklärt haben, dass es mit der Nächstenliebe in anderen Kulturkreisen nicht weit her sei.
Jeder, der mich und meine berufliche Vita kennt, weiß, dass die Vorwürfe haltlos und absurd sind. Was ich zu diesem Thema zu sagen hatte, habe ich gesagt. Ich betone aber gerne noch einmal: Ich empfinde tiefen Respekt für jedweden religiösen Glauben meiner Mitmenschen – weltweit.
Sie fühlen sich missverstanden?
Für mich ist klar: Gelebte Nächstenliebe ist eine der wichtigsten zwischenmenschlichen Tugenden, die wir kennen und die jede und jeder von uns zu leben hat.
Im Duell ums Präsidentenamt scheint die Gangart aber härter zu werden.
Das erlebe ich auch so.
Wird es am Ende eine reine Persönlichkeitswahl?
Nein, das glaube ich nicht. Ich sehe das eher als Richtungswahl. Es gibt zweifellos eine Gruppe, die Claus Vogt als Person schätzt. Es gibt aber auch eine große Gruppe in Verein und Umfeld, die sein Wirken und seinen Kurs sehr kritisch sieht und als nachteilig für den VfB empfindet. Für die zweite Gruppe bin ich mit meiner zukunftweisenden Vision und vielen frischen Ideen der Gegenentwurf.
Welche Resonanz bekommen Sie?
Ich höre von allen Seiten, dass man es beim VfB noch nicht erlebt hat, dass jemand ein so umfangreiches und fundiertes Konzept geliefert hat wie ich mit meinem Zukunftspapier für den VfB. Ich wäre glücklich, wenn es von Claus Vogt vor der Wahl ein ähnliches Papier gegeben hätte. Ich finde es sehr erstaunlich, dass er bislang kein Konzept zu den vielen drängenden Fragen vorgelegt hat.
Sie können bei ihm keinen Plan erkennen?
Klar ist aus meiner Sicht: Ein Anspruch nach dem Motto „Bei mir wisst ihr, was ihr an mir habt“ kann nicht ausreichend sein, um Präsident zu bleiben.
Zuletzt ist Vogt offensiver geworden.
Seine Offensive besteht im Kern aber doch nur darin, dass Themen meines Zukunftspapiers jetzt auch von ihm aufgegriffen werden. Ich bin der Meinung: Ich komme mit ausgestalteten Inhalten und neuen Ideen – er nur mit Überschriften.
Haben Sie das Gefühl, mit Ihren Inhalten überhaupt Gehör zu finden?
Natürlich finde ich Gehör. Das war übrigens von Anfang an so. Bei meinen Gesprächen stelle ich immer öfter fest: Immer mehr Mitglieder vertreten grundsätzlich dieselben Ansichten wie ich und begeistern sich für meine Ideen.
Ein Schwerpunkt Ihres Programms ist die Vervielfachung der Budgets der einzelnen Abteilungen. Reicht das, um VfB-Präsident zu werden? Interessiert sich nicht der größte Teil der Mitglieder allein für den Profifußball?
Ich gebe Ihnen grundsätzlich recht. Meine These ist, dass 99 Prozent wegen des Fußballs VfB-Mitglied sind – andere sagen, es seien nur 98 Prozent. Richtig ist: Unser Fußball ist und bleibt identitätsstiftender Faktor sowie Zugpferd für den gesamten VfB. Und klar ist auch: Die Verantwortung für den Fußball bleibt eine Kernaufgabe auch für den Präsidenten. Aber wir reden dabei eben immer über die AG. Und wir wählen nicht den Vorstandsvorsitzenden, der Boss der Profis ist, sondern den Präsidenten des VfB Stuttgart e. V.
Der als Aufsichtsratschef 88,25 Prozent der Anteile vertritt.
Auch das ist richtig. Das gesamte operative Geschäft in der AG läuft aber nicht über den Aufsichtsrat, sondern den Vorstand. Ich habe das Gefühl, dass man seitens des e. V. die Zuständigkeiten in einer AG bisweilen gerne aushebeln möchte. Ob es einem gefällt oder nicht: Wir bewegen uns im Aktienrecht, in dem es klare und verbindliche Regeln gibt, an die sich alle strikt zu halten haben, auch wenn das mit den Emotionen im Fußball nicht ganz einfach in Einklang zu bringen sein mag.
Mit anderen Worten: Die Mitglieder und der von ihnen gewählte Präsident haben in der AG keinerlei Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten.
Aus der Satzung des Vereins geht eindeutig hervor, dass die Mitglieder keinen Anspruch auf die Anteile der AG haben – dementsprechend also von vornherein ausgeschlossen sind. Das bedeutet, dass man, bildlich gesprochen, das Klavier als Präsident anders spielen muss. Das ist eines der Probleme, die ich bei Claus Vogt sehe. Er versucht, das Klavier nur auf seine Weise zu spielen. Diese Art und Weise funktioniert im Aktienrecht nicht. Das ist aus meiner Sicht auch der entscheidende Grund dafür, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu erheblicher Unruhe kam und bisweilen auch geknallt hat. Wenn sich das nicht ändert, wird beim VfB niemals Ruhe einkehren.
War das Sinn der Ausgliederung: dass der e. V. nichts mehr zu melden hat?
Ich war damals für die Ausgliederung, und ich bin es auch jetzt noch. Sie war alternativlos und ist grundsätzlich richtig. Allerdings sehe ich mittlerweile im Grundlagenvertrag zwischen e. V. und AG einige Punkte, die einer Überprüfung oder Veränderung bedürfen. Und ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob eine AG die geeignetste Rechtsform war. Aber dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Jetzt geht es darum, die Mechanismen einer Aktiengesellschaft zu kennen, zu verstehen und im Rahmen der Möglichkeiten bestmöglich mit ihnen umzugehen.
Sie wüssten, wie das ginge?
Ja, natürlich. Mein Ziel ist es, die Rechte der Mitglieder und ihre Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitbestimmung nachhaltig zu stärken. Daher habe ich die Idee einer Vertreterversammlung aus Reihen der Mitglieder entwickelt, die vor der Hauptversammlung der Anteilseigner – also e. V. und Daimler – in die Diskussionen im Präsidium offen einbezogen wird.
Ein solches Gremium hätte nach jetzigem Stand 72 Mitglieder. Wäre das nicht viel zu unübersichtlich?
Die genaue Zahl ist nicht entscheidend. Mir geht es darum, dass wir eine deutlich größere Gruppe an Mitgliedern haben, die ein Verständnis für die Prozesse entwickelt und dies an die Basis trägt. Wir brauchen eine neue Debattenkultur. Wir wollen mit den Mitgliedern diskutieren – auch wenn es um die Satzung geht, die in der aktuellen Form dringend reformbedürftig ist. Wir müssen Strukturen ändern und umfassend neu denken – nicht innerhalb einer kleinen Gruppe hinter verschlossener Tür. Auch dabei ist die Beteiligung möglichst vieler Mitglieder der Ausgangspunkt und zugleich der Schlüssel.
Zur Person:
Pierre-Enric Steiger (49), geboren in Backnang, ist gelernter Bankkaufmann und seit 2010 Präsident der Björn-Steiger-Stiftung in Winnenden, die sich der Verbesserung der Notfallhilfe widmet. 2017 wurde er Mitglied beim VfB Stuttgart und engagierte sich 2019 über den VfB-Freundeskreis mit einem privaten Sponsoring im Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Bundesligisten. Anfang April dieses Jahres kündigte Steiger seine Bewerbung um das Präsidentenamt beim VfB Stuttgart an und wurde am 11. Mai vom Vereinsbeirat als Gegenkandidat von Amtsinhaber Claus Vogt nominiert. Steiger lebt mit seiner Frau sowie den drei gemeinsamen Kindern in Winnenden. Seine Hobbys sind Fußball, Tauchen, Reiten und Tennis.