Wahlkampf in Deckenpfronn Parteien sind im Dorfbild unerwünscht

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Zwei konkurrierende Vereinigungen sind im Grunde einig. In der kleinsten Gemeinde des Landkreises betreiben sie Wahlkampf ohne Kampf.

Mehr Wahlkampf wird es nicht – alle Bewerber präsentieren sich zusammen. Foto: factum/Weise
Mehr Wahlkampf wird es nicht – alle Bewerber präsentieren sich zusammen. Foto: factum/Weise

Deckenpfronn - Parteien sind in der Dorfpolitik unerwünscht. Selbst wenn es jemand anders sehen würde im Saal der Zehntscheuer von Deckenpfronn, es würde dem Widerständler nichts helfen. Im kleinsten Ort im Landkreis Böblingen, stehen CDU, Grüne, SPD nicht zur Wahl für einen Sitz im Gemeinderat, genauso wenig wie irgendeine andere Partei. Einer sagt unmissverständlich, dass es so bleiben soll, Bastian Holzner: „Mir ist ganz wichtig, dass unser Ort parteilos bleibt. Ich bin für ein Miteinander statt ein Gegeneinander.“ Der 37-Jährige kandidiert für die Kommunalwahl am 26. Mai für die Liste der Unabhängigen Bürger.

Die Deckenpfronner haben ausschließlich die Wahl zwischen ihr und den Freien Wählern. So ist es bereits seit Jahrzehnten. An diesem Abend demonstrieren die vordergründig konkurrierenden Vereinigungen das geforderte Miteinander. Sie präsentieren ihre Bewerber – gemeinsam, wie immer. Zwölf Sitze sind zu vergeben. Die Unabhängigen wie die Freien Wähler bieten je neun Kandidaten auf.

Die Kandidaten verwenden das Wort Dorf im Sinne eines Adelstitels

Sie alle verwenden das Wort Dorf im Sinne eines Adelstitels. Die Kommune oder Gemeinde kommt in ihren Reden nicht vor. Sie sprechen vom dörflichen Charakter und vom Dorfbild. Die Wahlprogramme erschöpfen sich weitestgehend darin, beides zu erhalten. Trotz des Willens zu wachsen, sei es mit Wohnungen oder Gewerbefläche, soll Deckenpfronn Deckenpfronn bleiben. Der Satz fällt mehrfach, und über ihn herrscht Einigkeit. Noch heute murrt mancher über die Ortskernsanierung zur Jahrtausendwende. Daran ändern auch mehrere Auszeichnungen des Landeswettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ nichts.

In Deckenpfronn weisen Straßenschilder Autofahrern den Weg zur Apotheke und zum Zahnarzt. Der Bürgermeister Daniel Gött wirbt damit, dass die Gemeinde „über 3300 Einwohner zählt“ – knapp. Die offizielle Zahl ist 3301. Die einzige Pinte im Ort, das Bistro Dogana, versteckt sich gleichsam im Hinterhof. Im Keller einer Werkstatt im Gewerbegebiet wird Bier ausgeschenkt und Darts gespielt. Ende Juli wird das Dogana wieder Dorfgespräch sein. Die Kneipe ist Veranstalter eines Open-Air-Konzerts. Coverbands werden AC/DC und Status Quo spielen.

Der Liederkranz scheint die Wahl gewinnen zu wollen

„Einen richtigen Wahlkampf haben wir hier ja nicht“, sagt Ralph Süßer. Er ist gleichsam der Spitzenkandidat der Unabhängigen, auch wenn er diesen Parteienbegriff meidet. Gleiches gilt für sein Pendant von den Freien Wählern, Ulrich Lutz. „Die Reihenfolge hat keine Bedeutung“, sagt er, „wir bewerben uns alle gleichrangig“. Gemessen an der Zahl der Plakate, die derzeit hängen, will der Liederkranz die Wahl gewinnen. An bald jedem zweiten Masten wirbt er für sein Musical „Zeitsprung“, eine Aufführung zum 175-jährigen Bestehen. CDU und Linke plakatieren vereinzelt – für die Europawahl.

Herbert Reiss moderiert den Abend mit den Kandidaten. Er duzt sie auch vor Publikum alle – nach 42 Jahren in Deckenpfronn. „Bevor ich zum Sie wechsle, bricht mir die Zunge ab“, sagt er. Es ist aber keineswegs so, dass sich im Gemeinderat nichts ändert als das Alter der Räte. Acht der 18 Kandidaten bewerben sich zum ersten Mal. Die beiden jüngsten von ihnen sind 24 und 29 Jahre, die beiden ältesten 61 und 62 Jahre alt.

Alle Neukandidaten sind von den Altvorderen um ihre Bewerbung gebeten worden. Sie sprechen zuerst. Ansonsten hat das Los die Reihenfolge der Redner bestimmt. Ähnlich war es bei der Aufstellung der Wahllisten. Die Unabhängigen haben den amtierenden Kandidaten Vorrang gegeben, ansonsten das Alphabet die Reihenfolge bestimmen lassen. Die Freien Wähler haben die Plätze tatsächlich ausgelost. Das ansonsten übliche Gerangel mit Kampfkandidaturen um die vorderen Plätze wäre schließlich nichts anderes als das übliche Parteiengezänk.