Wahlkampf in den USA Harris gibt die fröhliche Kriegerin

Kamala Harris Foto: dpa/Brynn Anderson

Aufbruch statt Rückschritt, Zuversicht statt Jammern, Hoffnung statt Hass: Kamala Harris bietet den Amerikanern eine Alternative zu Donald Trump – und erfindet sich in ihrer Kandidatenrede neu, findet unser Autor Thomas Spang.

Kamala Harris hat auf dem Parteitag der Demokraten den Wandel von der Stellvertreterin eines unbeliebten Präsidenten zur neuen Hoffnungsträgerin mit Starpower vollzogen. Zum Finale des Parteitags stand eine starke Frau vor der Nation, die keinen Zweifel daran ließ, die erste Madame Präsident in der Geschichte der USA werden zu können.

 

Die frischgekürte Präsidentschaftskandidatin der Demokraten reitet auf einer Begeisterungswelle, deren enorme Energie über die vergangenen Tage im United Center von Chicago zu spüren war. Barack und Michelle Obama fühlten sich an die Hochstimmung von 2008 erinnert, die sie mit dem Versprechen von „Hoffnung“ und „Veränderung“ ins Weiße Haus getragen hatte, und sie schürten den Eindruck, dass Kamala Harris all das fortsetzen wird.

Kraftvolle Narrative

Eine Wahl der 59-jährigen schwarzen Frau im November, deren Mutter aus Indien und Vater aus Jamaika stammt, wäre so historisch wie die des „Yes-We-Can“-Präsidenten Obama – weshalb die Idee nicht so weit hergeholt scheint, in ihr die weibliche Reinkarnation Obamas zu sehen. Ein Punkt, der auch den 15 000 Delegierten nicht verborgen blieb, die „Yes-She-Can“ skandierten.

Genau wie der beliebte Ex-Präsident legt sich Harris ungern auf das Kleingedruckte fest. Bei ihrer Kandidatenrede verzichtete sie auf Details und bemühte sich mehr um kraftvolle Narrative. Ganz anders als Hillary Clinton im Wahlkampf, die für jedes Thema ein Positionspapier hatte, aber die Menschen nicht mitnehmen konnte.

Unverkennbar war auf dem Parteitag die Handschrift von Obamas Wahlkampfberatern wie David Plouffe, Stefanie Cutter und Adam Franken, der Harris half, ihre umjubelte Rede zu schreiben. Respektvoll setzte sie sich von Joe Biden ab, den die Demokraten am Montag für seinen historischen Verzicht auf eine erneute Kandidatur mit „Danke, Joe“-Rufen verabschiedet hatten.

Als die Demokraten ihre neue Hoffnungsträgerin beim Finale des viertägigen Spektakels im Konfetti-Regen enthusiastisch feierten, war Onkel Joe längst nicht mehr als ein Fußnote. Biden und der 78-jährige Trump stehen für das Gestern, Kamala Harris für die Zukunft.

In ihrer Rede positionierte sich Harris konsequent als Kandidatin, die einen „neuen Weg nach vorn“ verspricht. Die frenetischen „Wir gehen nicht zurück“-Sprechchöre stehen für die „Vorwärts“-Kampagne, mit der Harris in den kommenden 75 Tagen eine Rückkehr Trumps verhindern will.

Obwohl sie politisch in Anspielung an ein auf Kamalas Mutter zurückgehende Meme nicht aus der Kokospalme fiel, blieb die Vizepräsidentin für viele Amerikaner ein unbeschriebenes Blatt. Jetzt nutzte sie in ihrer von Millionen Amerikanern verfolgten Rede die Chance, sich bei ihren Landsleuten greifbar und glaubwürdig neu vorzustellen. Als jemand, der in kleinen Verhältnissen in Berkeley aufwuchs, bei McDonalds Geld für das Studium verdiente und sich ihr Leben lang als Staatsanwältin, Justizministerin und Senatorin von Kalifornien für Benachteiligte eingesetzt hatte.

Sie zog eine harte Demarkationslinie zum sogenannten „Projekt 2025“, Trumps Plan für den autokratischen Umbau der USA in einer zweiten Amtszeit. Seiner düsteren Rhetorik von einem amerikanischen Blutbad setzte sie die Vision eines neuen Patriotismus gegenüber, der Bitterkeit, Zynismus und Spaltung hinter sich lässt.

„Never-Trump“-Kampagne

Nebenbei reklamierte sie den Anspruch der Demokraten, die Garanten persönlicher Freiheiten zu sein: bei der Entscheidung über den eigenen Körper, das eigene Leben und gegen den übergriffigen Staat. Es ist kein Zufall, dass Harris Beyoncé bat, ihren Song „Freedom“ als Wahlhymne benutzen zu dürfen.

Harris verzettelte sich nicht in Programme und Wahlversprechen, für deren Umsetzung sie Mehrheiten im Kongress bräuchte. Das ist handwerklich geschickt, weil es den Wählern erlaubt, in sie zu projizieren, was immer sie in ihr sehen wollen. Die Kandidatin hat verstanden, dass es mehr darum geht, die Richtung anzuzeigen.

Harris präsentiert sich als standfeste Verteidigerin der Demokratie in den USA und der Welt, die verstanden hat, dass es in der Ukraine auch um Amerikas Sicherheit geht. Wie sie ein klares Bekenntnis zur Nato ablegt. Wer Harris Überzeugung in der Stimme hört, versteht, warum Wladimir Putin und Kim Jong-un auf die Rückkehr des Diktatoren-Verstehers Trump setzen, der womöglich selbst gerne einer wäre.

In Chicago erlebten die Amerikaner eine Kamala Harris, die weiß, wo sie herkommt und sich mit Optimismus, Charme und Humor als fröhliche Kriegerin neu erfunden hat. Eine Kandidatin mit gewinnenden Lachen, die Trump und dessen Vice J. D. Vance zu schrägen Sonderlingen gemacht hat. Der Narzisst Trump muss ertragen, nicht ernst genommen werden. Und das von einer Frau, die nicht nur vor ihm warnt, sondern sich über ihn lustig macht.

In erstaunlichem Tempo hat Kamala Harris die Partei zu ihrer gemacht, geeint und für „Never-Trump“-Republikaner geöffnet. Sie hat Selbstzweifel durch Selbstbewusstsein ersetzt. Das rauschende Finale in Chicago gibt der „Vorwärts“-Kandidatin Rückenwind für die heiße Phase im Wahlkampf. Gewonnen sind die Wahlen im November damit nicht. Aber die Energie der „Kamalamania“ ist ein guter Anfang.

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