Wahlkampf in Großbritannien Die Hoffnungsvolle und der Unbeirrbare

Die Kontrahenten in Großbritannien: Premierministerin Theresa May und ihr Herausforderer, der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbin. Foto: AP, dpa
Die Kontrahenten in Großbritannien: Premierministerin Theresa May und ihr Herausforderer, der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbin. Foto: AP, dpa

Premierministerin Theresa May war die haushohe Favoritin für die Parlamentswahl in Großbritannien an diesem Donnerstag. Der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbin erschien lange als hoffnungsloser Außenseiter. Doch das Bild hat sich gedreht.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)
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London - So hatte sich Theresa May das nicht vorgestellt mit diesen Wahlen. Ein Triumphzug auf dem Weg zu einer neuen Rekordmehrheit hätte der Wahlkampf werden sollen. Eine Prozession in Erwartung eines glorreichen Sieges hatte man ihr prophezeit. Darum war die Tory-Premierministerin ja auch im April so entschlossen vor die Tür von No 10 Downing Street getreten und hatte entgegen früheren Aussagen vorgezogene Neuwahlen ausgeschrieben. Ihre Entscheidung war begreiflich. Meinungsumfragen im April sahen ihre Konservativen 20 Prozentpunkte vor der Labour Party. May selbst übertraf den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn haushoch in allen Kategorien. Ihre Berater waren sich einig, dass es „so eine Chance nur einmal“ gab. May sollte mit einem „Erdrutschsieg“ alle Opposition – auch alle Opposition zu einem „harten Brexit“ – unter sich begraben. Ein „persönliches Mandat“ sollte sie sich verschaffen, für die britischen Austrittsverhandlungen mit der EU ebenso wie für fünf Jahre unangefochtener konservativer Innenpolitik. Doch jetzt scheint das alles ­gefährdet, die Mehrheit ist keineswegs mehr sicher.

Zwar war der Slogan, mit dem May in den Wahlkampf zog, ganz auf sie abgestimmt: „Strong and stable“, stark und stabil. Doch hier begannen die Probleme. Mit den drei Worten „strong and stable“ in jedem zweiten Satz nahmen sich ihre Reden schnell kurios aus. Viel Variation bot May nicht. Ihre Mission war ihre harte Haltung beim Brexit. Substanz, politische Vision oder neue Ideen fehlten. Ihre beharrliche Wiederholung vorgestanzter Wendungen wurde bald belächelt und dann, auch in den sozialen Medien, verhöhnt und verspottet. Nicht nur hölzern, sondern geradezu roboterhaft benehme sich die Tory-Chefin, ­fanden überall Kommentatoren.

Warum gibt es überhaupt Neuwahlen und was wird May vorgeworfen? Die wichtigsten Fragen und Antworten haben wir in einem Video-Überblick zusammengefasst:

Der Brexit ist Mays Trumpfkarte

So verwunderlich war das alles nicht. Denn so selbstsicher, wie es ihr Image glauben machen will, ist May keineswegs. Wo sie direkt konfrontiert wird, sucht sie meist eilig Distanz. Mit überraschenden Fragen tut sich Theresa May schwer. Beim Versuch, forsch zu klingen, verrät ihre leicht brüchige Stimme die Nervosität, die Unsicherheit hinter der Fassade. „Strong and stable“ war nahezu keiner ihrer Auftritte im Wahlkampf. Das minderte aber nicht den begeisterten Beifall, den sie stets einstrich für ihr Versprechen einer „großen Post-Brexit-Zukunft für Großbritannien“. Es war, was viele hören wollten, nicht nur in ihrer eigenen Partei. Mays populistische Botschaft („Brexit ist die Basis aller Dinge“) findet in vielen Teilen des Königreichs ­Beifall. Sie ist ihre Trumpfkarte.

May selbst jedoch quälte sich durch die Wahlkampf-Routine. Dazu kam, dass die rechtskonservative Pfarrerstochter, die ganz gern die neue Eiserne Lady Englands wäre und sich zugleich auch als Anwältin „hart arbeitender“ Working-Class-Briten versteht, eine Reihe fataler Fehler beging. Wohl im Glauben, dass sie nicht verlieren könne, stieß May erst die britische Geschäftswelt vor den Kopf, die den Torys immer die Treue gehalten hatte. Dann schloss sie Steuer- und Beitragserhöhungen für die Massen nicht mehr aus. Und schließlich machte sie deutlich, dass sie nach den Wahlen zehn Millionen britischen Rentnern die Heizkosten-Pauschale streichen würde. Zur wahren Katastrophe aber wurde ihr neuer, mit dem Kabinett gar nicht abgesprochener Fürsorgeplan für die Pflegebedürftigen im Land. Aus diesem Plan zogen viele Wähler den Schluss, dass im Pflegefall ihr Häuschen nach ihrem Tod nicht an den Nachwuchs, sondern an den Staat fallen würde.

Damit hatte Theresa May alle Stammwähler-Gruppen der Konservativen gegen sich aufgebracht. Fast über Nacht schrumpfte der 20-Prozent-Vorsprung ihrer Torys vor Labour auf die Hälfte. Die konservative Zuversicht schwand. Und dann brach auch noch der Terror in den Wahlkampf ein. Erst in Manchester und danach in der Hauptstadt selbst. Das gab May zwar Gelegenheit, wieder vor die Tür von No 10 zu treten und deutlich zu machen, dass innere Sicherheit Tory-Sache sei, doch Corbyn schlug zurück. Denn May hatte als Innenministerin die Personalstärke der Polizei um 20 000 Stellen gekürzt. Zu guter Letzt wusste sich May nicht anders zu helfen, als neue Polizeibefugnisse, längere Gefängnisstrafen, die Deportation „verdächtiger Ausländer“ und sogar Einschnitte beim britischen Menschenrechtsgesetz in Aussicht zu stellen. Eine harte Law-and-Order-Linie, um wieder „strong and stable“ zu sein. Ob das greift, wird sich an diesem Donnerstag zeigen.




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