Eine goldene Handglocke braucht man ja eher als Landtags-, denn als Ministerpräsident. Dennoch dürfte Manuel Hagel, dem CDU-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl im März, sehr gelegen kommen, was die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) jetzt bekannt gegeben hat. Hagel soll in diesem Jahr die Goldene Narrenschelle bekommen. Die Übergabe findet mitten im Wahlkampf am 4. Februar im Europapark Rust statt. Da kann der junge Frontmann ein wenig seinen größten Schwachpunkt bearbeiten: seinen eklatanten Rückstand beim Bekanntheitsgrad gegenüber seinem Konkurrenten Cem Özdemir von den Grünen.
Es sei eine riesige Ehre – Lob und liebevolle Mahnung zugleich, sagt Hagel. Schon als Stöpsel sei er im Kinderwagen von seinen Eltern auf die Ehinger Fasnacht geschoben worden. „Heute schieben meine Frau und ich unsere Jungs in der selben Schees durch die Gassen.“ Auch die Narren sind im Glück. Schließlich gilt wie stets: Die Auszeichnung schmückt den Träger ebenso wie die Prominenz des Trägers die Auszeichnung. Ein schlechtes Gewissen, dass die Narren dadurch einseitig Kampagne machen, haben sie nicht. Mit dem Wahlkampf habe das nichts zu tun, versichert der oberste Narrenpräsident Roland Haag. Auch aus den Mitgliedszünften habe er Lob erhalten. „Nach Jahren mit Politikern, Sportfunktionären, Stars und Sternchen können wir endlich einen Narren, einen aus unseren Reihen auszeichnen“, stellt Haag fest. Zudem würden an dem Abend auch einige Verfehlungen aus Hagels Narrenleben zur Sprache kommen, droht er.
Auch mit der Narrenschelle hat Özdemir mehr Erfahrung
Im vergangenen Jahr hatte Haag für die – noch von seinem Vorgänger initiierte – Auszeichnung der Box-Weltmeisterin Regina Halmich ordentlich Prügel bezogen. Die habe doch gar nichts mit Fasnacht zu tun, hieß es. Hagel dagegen ist ein Narr von Kindesbeinen an, der in seiner Heimatstadt Ehingen schon früh ins Hexenhäs gesteckt wurde und dort auch im Zunftrat sitzt. Zudem zieht er gegenüber Özdemir ohnehin nur gleich. Auch hier ist der Grüne der Erfahrenere. Die Narrenschelle hat er schon 2018 erhalten – damals allerdings nach dem Wahlkampf. Geehrt wurde Özdemirs unerschütterlicher Glaube an die damals in Berlin nach wochenlangen Verhandlungen gescheiterte Jamaika-Koalition.
Auch der scheidende grüne Ministerpräsident – und ebenfalls begeisterte Narr – Winfried Kretschmann erhielt seine Narrenschelle erst nach der Wahl. Die Entscheidung für Hagel wird deshalb durchaus von manchen kritisch gesehen. Natürlich brauche die Fasnacht immer auch eine gewisse Nähe zur Politik, räumt Mario Böhler, der Präsident der Konstanzer Niederburg, ein. Wahlkampfzeiten seien aber ein Sonderfall.
„Wir achten bei unseren Ehrenernennungen zum Burgherrn oder zur Burgdame bewusst darauf, keine Politikerinnen oder Politiker zu ehren, die aktuell zur Wahl stehen.“ Natürlich gewinne niemand eine Wahl, weil er eine Narrenschelle erhalten habe, glaubt Böhler. „Aber da bleibt schnell ein Geschmäckle.“ Auch das Hohe Grobgünstige Narrengericht zu Stockach setzt deshalb in diesem Jahr den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) auf die Anklagebank. Der sei schließlich neutral.
Hagel steht vor einem echten Dilemma
Für Hagel tauge der Auftritt vor den Narren zumindest als Mosaiksteinchen in seinem Wahlkampf, sagt der Freiburger Politikwissenschaftler Michael Wehner. Mit einer guten Performance könne er an Persönlichkeit gewinnen. „Ich bin sicher, dass er schon an seinem Vortrag feilt.“
Allerdings sei die Narrenbühne auch ein glattes Parkett, auf dem bereits manche ausgerutscht seien. Die einstige CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer riss verkleidet als Reinemachefrau Witze über Gender-Toiletten. Die kamen nur bei der konservativen Kernklientel gut an. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann empörte, als sie in ihrer Büttenrede den heutigen CDU-Kanzler Friedrich Merz als „Flugzwerg aus dem Mittelstand“ bezeichnete. Zweimal habe ihn schon keiner haben wollen.
Hagel stehe somit auch vor einem kleinen Dilemma, sagt Wehner. Bleibe er zu brav, könne er sein jugendliches Bankberaterimage, das er bei manchen besitze, nicht ablegen. Wage er zu viel Altherrenhumor, sei dies auch nicht ratsam. „Nirgendwo gibt es so viel gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie bei der Fasnacht“, warnt Wehner.
Kommt Özdemir zur Narrenschellen-Verleihung?
Ob Özdemir als vormaliger Narrenschellen-Träger der Verleihung in Rust beiwohnen wird, ist offen. Eine Anfrage blieb unbeantwortet. Eingeladen ist er aber ebenso wie Kretschmann. In jedem Fall kann sich der Grüne an diesem Abend zurücklehnen. Wie sagte Özdemir doch 2018 in seiner Dankesrede? Die schwäbisch-alemannische Fasnacht sei eine „echte Demokratie“. „Da darf jeder mal den Deppen spielen.“
Narrenverband
Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) ist der älteste Narrenverband in Deutschland und vergibt die Goldene Narrenschelle zum 19. Mal. Bisherige Träger sind unter anderem Thomas Gottschalk, Frank Elstner, Günther Oettinger, Tony Marschall und Christian Streich.
Freude
Manuel Hagel kommentierte die Auszeichnung auf Anfrage wie folgt: „Die Fasnet begleitet mich seit meiner Geburt. Meine Eltern haben mich in Ehingen schon als kleinen Stöpsel im Kinderwagen mit auf die Fasnet genommen. Heute schieben meine Frau und ich unsere Jungs in der selben Schees durch die Gassen von Ehingen – zumindest meistens, manchmal darf auch die Oma einspringen. Dass das so ist, dafür bin ich unglaublich dankbar. Was kann sich ein echter Narr noch mehr wünschen als die Goldene Narrenschelle der schwäbisch-alemannischen Fasnacht? Diese Würdigung aus den närrischen Reihen zu erhalten, ist für mich eine riesige Ehre – und eine echte Auszeichnung.“