Landtagswahl Baden-Württemberg Wahlkreis Backnang: Ein Krimi geht zu Ende

Der Grüne Ralf Nentwich  hat die meisten Stimmen im Wahlkreis Backnang eingefahren. Foto: Gottfried Stoppel
Der Grüne Ralf Nentwich hat die meisten Stimmen im Wahlkreis Backnang eingefahren. Foto: Gottfried Stoppel

Im Wahlkreis Backnang setzt sich Ralf Nentwich (Grüne) knapp gegen Georg Devrikis (CDU) durch. Gernot Gruber holt dank einem hervorragenden persönlichen Ergebnis ein Überhangsmandat für die SPD.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)
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Backnang - Gut gelaunt, aber doch mit etwas brüchiger Stimme meldet sich Ralf Nentwich kurz vor 20 Uhr am Telefon. Trotz der Coronapandemie haben die Grünen eine Wahlparty für ihre Anhänger im Wahlkreis Backnang organisiert – antiviruskonform über eine Videoplattform. Nentwich ist dort bisher allerdings höchstens mit einem halben Auge dabei, seine größte Aufmerksamkeit gilt dem grünen und schwarzen Balken auf einem anderen Bildschirm. Kopf an Kopf liegt der 38-jährige Lehrer mit seinem schärfsten Widersacher, Georg Devrikis, von der CDU. Beide Balken pendeln fast gleichauf zwischen 22 und 24 Prozent. Nentwich ist im Moment knapp vor seinem Murrhardter Gemeinderatskollegen.

Ja, er habe sich schon gedacht, dass es knapp werden könnte, sagt Nentwich, „aber vielleicht nicht, dass es so knapp wird“ – zumal die ersten Hochrechnungen die vorherigen Umfragewerte ja bestätigt hätten. Aber der Wahlkreis Backnang sei nun mal auch nicht gerade als ein grünes Pflaster bekannt.

Bisher nur Direktmandate für die CDU

Tatsächlich haben dort bisher seit Anbeginn ausschließlich die Christdemokraten ein Direktmandat holen können. Auch vor fünf Jahren, als die CDU landesweit ihr bis dato historisch schlechtestes Ergebnis bei Landtagswahlen einfuhr, blieb die Farbenlehre in Backnang bei Schwarz. Allerdings war der Kandidat damals in Wilfried Klenk ein erfahrener und beliebter, langjähriger Abgeordneter. Georg Devrikis hingegen ist bisher weder kreis- noch landespolitisch nennenswert in Erscheinung getreten.

Das freilich gilt in ähnlichem Maße für seinen Murrhardter Gemeinderatskollegen von den Grünen, der um 20.18 Uhr im Videochat jedoch plötzlich virtuelle Luftsprünge macht. „Ich bin durch!“, juchzt Nentwich, darüber sei er gerade von Landrat Richard Sigel informiert worden.

Das offizielle Ergebnis freilich lässt noch auf sich warten. Der Server im kommunalen Rechenzentrum hänge, heißt es. Mehr als eine Stunde lang gibt es keine Aktualisierung. Doch die Grünen sind überzeugt: Alle drei Direktmandate im Rems-Murr-Kreis gehen an sie. CDU-Kandidat Georg Devrikis hingegen ist auf Tauchstation. Auf der vereinbarten Handynummer meldet sich beharrlich nur die Mailbox, Rückruf: Fehlanzeige.

Sensationelles Ergebnis für Gernot Gruber

Gernot Gruber hingegen spricht der Stolz über sein eigenes Ergebnis deutlich aus der Stimme. Mit fast 19 Prozent der Stimmen fährt der 58-Jährige ein für die Genossen fast sensationelles Ergebnis ein. Natürlich könne er mit den Werten seiner Partei nicht zufrieden sein, sagt der Mann, der wie Nentwich und Devrikis ursprünglich aus Murrhardt stammt. Aber sein persönliches Abschneiden wertet er – ganz Politiker – als „Anerkennung für meine politische Arbeit in den vergangenen zehn Jahren“, in denen er im Landtag gewirkt habe. In der Großen Kreisstadt Backnang ist Gruber mit 25,8 Prozent sogar der stärkste Bewerber insgesamt.

Während sich der Mathematiker Gruber, der damit wohl ein Überhangmandat sicher haben dürfte, wohl nicht wesentlich neu orientieren muss, wird auf Ralf Nentwich genau das noch zukommen. Auf die Frage, was er denn nach diesem aufregenden Wahlabend am nächsten Tag zu tun gedenke, antwortet er spontan „na, zur Arbeit gehen“. Die Arbeitsstelle ist zurzeit noch im Kreismedienzentrum des Landratsamts. Demnächst wird er in Stuttgart gefragt sein – und der Landrat wird sich eine neue Führungskraft suchen müssen.




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