Berlin - Der Weg ins Kanzleramt ist verschlungen. Und es ist möglich, dass er durch den Innenhof einer genossenschaftlichen Wohnanlage in Potsdam führt. Dort, wo ansonsten Kinder spielen, Familien Wäsche aufhängen und Senioren im Schillertreff der Arbeiterwohlfahrt zum Basteln zusammenkommen. Ein Sonntagvormittag Ende August: Der Mann, der bald die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt regieren will, muss heute in der Nachbarschaft Werbung in eigener Sache machen. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz tingelt derzeit durch die Metropolen und Fernsehstudios der Republik. Aber weil er auch einen Wahlkreis gewinnen möchte, tauscht er immer wieder die große Bühne gegen die ganz kleine ein.
So eine Konstellation gab es noch nie
So kommt es, dass Scholz an diesem Tag im besagten Innenhof im Potsdamer Westen zu Gast ist. Einige Dutzend Interessierte sind da, der Rentner-Anteil ist hoch, und als der Kandidat das Wort ergreift, versagt das Mikrofon. Dennoch bringt Scholz geduldig seine Botschaft unter die Zuhörer: „Ich will dafür sorgen, dass in dieser Gesellschaft mehr Respekt herrscht.“ Er verspricht sichere Renten, faire Löhne und mehr Wohnungsbau. Das hört man hier gern. Der Wahlkreis, um den es geht, ist ein besonderer. Denn nicht nur Olaf Scholz bewirbt sich hier um ein Mandat. Sondern auch Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Grünen. So eine Konstellation gab es noch nicht. Der Wahlkreis 61 umfasst neben der Stadt Potsdam auch Teile der Landkreise Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming. Auch Ludwigsfelde gehört dazu, wo Daimler den Mercedes-Sprinter baut.
Scholz und Baerbock wohnen beide in der Landeshauptstadt Potsdam – als Zugereiste aus dem Westen. Scholz zog 2018 hierher, als er den Posten des Hamburger Bürgermeisters gegen den des Bundesfinanzministers tauschte. Seine Frau Britta Ernst ist SPD-Bildungsministerin in Brandenburg. Baerbock, die aus Niedersachsen stammt, lebt hier mit ihrem Mann und den beiden Töchtern. Sie bezeichnet Potsdam als ihre Heimat. Ende August steht sie wahlkämpfend vor Publikum, der Ort des Geschehens ist ein Platz am Holländischen Viertel in der Innenstadt. Sie sagt: „Auf eine gewisse Art ist Potsdam ein Spiegel von Deutschland im Kleinen.“ Es sei eine dynamische, lebenswerte Stadt. Aber auch eine, in der sich exemplarisch zeige, wo Dinge besser gemacht werden müssten: in der Wohnungspolitik oder in der Bildung.
Für ostdeutsche Verhältnisse ist Potsdam eine SPD-Hochburg
Für ostdeutsche Verhältnisse ist Potsdam eine SPD-Hochburg. Seit der Wende ist das Rathaus beständig rot, bei Bundestagswahlen siegten fast immer SPD-Kandidaten. 2017 gewann den Wahlkreis Manja Schüle, die ihr Mandat aber später abgab und in die Landesregierung wechselte. Es war das einzige Direktmandat, dass die SPD im Osten holte. Baerbock kam bei der vergangenen Bundestagswahl auf magere acht Prozent der Erststimmen. Kurz darauf wurde sie Chefin der Grünen, jetzt hofft sie auf einen Promi-Bonus. In den Bundestag werden Scholz und Baerbock so oder so einziehen: Beide stehen auf Platz eins der jeweiligen Landesliste.
Natürlich gibt es auch Konkurrenz: CDU-Kandidatin Saskia Ludwig, die 2017 knapp das Nachsehen hatte, gehört bislang dem Landtag und – als Nachrückerin – auch dem Bundestag an. Mit dem Werbespruch „Eine von hier“ setzt sich die gebürtige Potsdamerin bewusst von den beiden bekannten West-Importen ab. Die Linkspartei geht erneut mit dem Bundestagsabgeordneten Norbert Müller ins Rennen. Die FDP bietet die ehemalige Generalsekretärin Linda Teuteberg auf. Der Kandidat der AfD heißt Tim Krause.
Der Wiederaufbau der historischen Mitte ist umstritten
Besuch in der Potsdamer Innenstadt bei Frank Bösch. Der gebürtige Lübecker, Jahrgang 1969, ist ein freundlicher Mann. Bösch ist Professor für Geschichte an der Universität Potsdam, leitet das renommierte Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung. Seine erste Begegnung mit der Stadt hatte er 1990, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Student auf einer Tour durch Osteuropa. Jetzt wohnt er hier – anders als viele Kollegen, die täglich aus Berlin pendeln. Bösch sagt: „Ich reise viel und gern, aber ich kenne kaum schönere Orte zum Leben.“
Auf einem Spaziergang durch Potsdams Mitte zeigt Bösch, wie sich die Stadt verändert hat und weiter verändert. Rund um den Alten Markt entsteht das barocke Stadtzentrum neu. Es war Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört und von der DDR nur teilweise wiederaufgebaut worden. Das neu errichtete Stadtschloss beherbergt den Landtag. Nicht weit davon entfernt hat die Rekonstruktion der Garnisonskirche begonnen. Sie spielte 1933 als Kulisse für den „Tag von Potsdam“ eine bedeutende Rolle bei der NS-Machtübernahme.
Potsdam ist die reichts Stadt Ostdeutschlands
Der Wiederaufbau der historischen Mitte und der damit verbundene Abriss von DDR-Architektur sind umstritten. Es geht um Identität, persönliche Erinnerungen und die Frage, aus welchen Traditionen sich das moderne Potsdam speist. Bösch sagt: „Potsdam ist eine Stadt, die stark politisiert ist.“ Die Trennlinien verliefen zwischen Ost und West, Arm und Reich und dem Umgang mit dem preußischen Erbe. Potsdam sei traditionell eine rote Stadt gewesen, sagt Bösch. Und sie sei es heute wieder. „In der DDR war Potsdam Bezirksstadt und Sitz wichtiger Einrichtungen. Das erwies sich nach der Wende als Startvorteil für linke Parteien.“ Hinzu komme, dass die SPD nach 1989 populäre Landespolitiker hervorbrachte – Manfred Stolpe, Regine Hildebrandt und Matthias Platzeck. „Davon profitiert die Partei bis heute.“
Potsdam, das ist viel Preußentum, Schlösser und Parks, Seen, Kultur und Geschichte. Es ist die reichste Stadt Ostdeutschlands. Zu DDR-Zeiten war sie durch die Mauer von Westberlin getrennt, auf der Glienicker Brücke tauschten Amerikaner und Sowjets Spione aus. Wer von Potsdam aus mit dem Zug nach Berlin (Ost), Hauptstadt der DDR, reisen wollte, musste einen großen Bogen ums eingemauerte Feindesland fahren. Heute profitiert Potsdam von der Nähe zur wiedervereinigten Metropole. Es ist Berlins hübsche kleine Schwester. Die Bevölkerung wächst kontinuierlich. Sie liegt bei über 180 000, Ende des Jahrzehnts dürften es 200 000 sein. Der Druck auf Wohnungsmarkt, Schulen und Kitas ist hoch. Die Arbeitslosenquote liegt unter dem Bundesdurchschnitt. Es gibt mehrere Hochschulen, weltweit renommierte Forschungsinstitute, eine starke Medienwirtschaft. Etliche Reiche und Prominente haben sich hier niedergelassen – bevorzugt in den Villen der Berliner Vorstadt. Bürger wie der Software-Milliardär Hasso Plattner oder der TV-Moderator Günther Jauch geben viel Geld dafür, dass Potsdam wieder in altem Glanz erstrahlt.
Im Süden der Stadt sind auch Plattenbauviertel
Doch Potsdam, das sind auch Plattenbauviertel im Süden der Stadt. Dort wohnen Menschen mit wenig Geld, viele wählen AfD oder die Linkspartei. Auch die Grünen haben ihre lokalen Hochburgen, etwa in Babelsberg – einer Art Berlin-Prenzlauer Berg im Kleinformat. Frank Bösch erinnert daran, dass Potsdam überdies seit jeher eine Militärstadt mit vielen Soldaten ist: Gerade in den Vororten gebe es viele eher konservative Wähler.
Zurück zu Olaf Scholz, der das Direktmandat gewinnen will. Bei seinem Auftritt verspricht er, immer für die Bürger im Wahlkreis da zu sein – auch, wenn er sich als Kanzler um viele andere Dinge kümmern müsse. Scholz hat in den bundesweiten Umfragen einen Lauf. Es müsste viel schiefgehen, wenn er am 26. September ausgerechnet in Potsdam und Umgebung durchfallen würde. Als Scholz neben dem Schillertreff der Arbeiterwohlfahrt spricht, regnet es in Strömen. Die Zuhörer rücken unter den Schirmen zusammen. Es ist eine Szene wie aus dem Bilderbuch der Sozialdemokratie.