„Wahllokal“ Ratskeller in Stuttgart Im Bauch des Rathauses steht die Zeit still

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Im Ratskeller in Stuttgart wurden Siege gefeiert und Niederlagen betrauert. Wie zeitgemäß ist das Lokal heute? Eine kurze Historie mit beachtlich trinkfesten Bürgermeistern und schlagfertigen Spitzenpolitikern.

1999  war  im Ratskeller die CDU-Welt noch in Ordnung: Christoph Palmer,  Michael Föll (damals Gemeinderat) und Gerhard Mayer-Vorfelder bei einem Heimspiel   (von links). Foto:  
1999 war im Ratskeller die CDU-Welt noch in Ordnung: Christoph Palmer, Michael Föll (damals Gemeinderat) und Gerhard Mayer-Vorfelder bei einem Heimspiel (von links). Foto:  

Stuttgart - Der Stuttgarter Ratskeller ist an einem Montag im Mai zur Mittagszeit wie leer gefegt. Eine ältere Dame bestellt eine Tagessuppe zur Stuttgarter Zeitung, ein älterer Herr versucht sich an Rinderbraten und Schwarztee. Im Bauch des Rathauses scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Polster spiegeln den Geist der 80er Jahre wider, die gesamte Inneneinrichtung ist rustikal und wirkt wie die Kulisse zu einer Soap-Opera über viele Dekaden christdemokratischer Herrschaft im Stuttgarter Rathaus.

Während die CDU traditionell ihre Wahlergebnisse im Bauch des Rathauses feiert (die Welt vor 2009) oder beweint (jüngste Gemeinderatswahl plus Sebastian Turner), scheint die derzeitige Ratsmehrheit, die zumindest noch bis zur Wahl am Sonntag Bestand hat, eher wenige Anknüpfungspunkte zur Rathaus-Gastronomie zu haben. „Der Ratskeller ist nicht mehr die gute Stube des Rathauses“, sagt ein Verwaltungsmitarbeiter. „Es bräuchte an der Stelle dringend frischen Wind.“

Seit 1904 wird der Gemütlichkeit gehuldigt

Bisher geht der Ratskeller tatsächlich zu wenig auf seine Geschichte ein, auf die Schlachten, die hier geschlagen wurden, auf die Protagonisten, die hier über Wohl und Wehe der Stadt entschieden haben. Bezug zur politischen Vergangenheit des Lokals wird verwechselt mit der Zurschaustellung von Zinngeschirr und Standuhren.

2014 stehen nicht nur Gemeinderatswahlen auf der Agenda in Stuttgart, in diesem Jahr feiert der Ratskeller auch Geburtstag. Seit 1904 wird hier der Gemütlichkeit gehuldigt. Die gastronomische Bespielung des Rathauskellers geht nicht nur auf die Trinkfestigkeit der hiesigen Politik zurück, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts „die leidige Weinpanscherei immer weiter um sich greift“, wie es im Archiv der Stuttgarter Zeitung heißt.

Weinkeller mit angeschlossener Gaststätte

So beschlossen die Kollegien der Stadt damals den Einbau eines Weinkellers mit angeschlossener Gaststätte. Der Ratskeller durfte nur „naturreine Weine und Biere“ ausschenken und scheint ein großer Erfolg gewesen zu sein: In den ersten vier Wochen nach Eröffnung wurden laut Stuttgarter Zeitung vom 24. März 1956 täglich 4000 (!) Viertele ausgeschenkt. 1944 wurde der Ratskeller, der über einen Aufzug direkt mit dem Sitzungssaal verbunden war, beim Brand des Rathauses zerstört. Erst im Jahr 1956 konnte die gute Stube des Rathauses wiedereröffnet werden.

Bürgermeisters beachtliche Leistung zur Eröffnung

Am Durst hatte sich innerhalb eines halben Jahrhunderts wenig geändert. „Man freute sich angesichts der neu geschaffenen Stätte künftiger nichtöffentlicher und nicht trockener Beratungen“, heißt es in der StZ vom 24.3.56. Ebendort wird außerdem der bei der Wiedereröffnung wohltemperiert servierte Natur-Trollinger Stuttgarter Rebhalde, Jahrgang 1953 gelobt. Dazu wird ein Detail der Neueröffnung anerkennend erwähnt: „Bürgermeister Hirn brachte es auf die beachtliche Leistung von fünf Achtele Rot und zwei Achtele Weiß: Diese Sonderdarbietung wurde dann auch mit entsprechendem Beifall aufgenommen.“ Josef Hirn (SPD) war der Stellvertreter des ersten Stuttgarter Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg, Arnulf Klett. Die Trinkleistung Hirns kann es nicht gewesen sein, die Stuttgarter Mutbürger damals zu folgendem mannshohen Graffito auf dem Schlossplatz inspirierte: „Ob Klett, ob Hirn wird Bürgermeister, es bleibt doch alles Scheibenkleister.“

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