Wahlplakate in Stuttgart Mehr Stadt, weniger statt!

Wahlplakate in Stuttgart Foto: Sellner

Bevor am 9. Juni abgestimmt und über die Zusammensetzung des neuen Gemeinderats entschieden wird, kann man in der Stadt ausgiebig Wahlplakate gucken. Eine glossierende Betrachtung von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Die Stadt hängt voller Wahlplakate. Das ist nicht ganz so anmutend, wie ein Himmel, der voller Geigen hängt. Aber es ist gut, dass sie da sind, weil es zeigt, wo wir glücklicherweise leben: in einer Demokratie, in der die Wählerinnen und Wähler, wie am 9. Juni bei der Kommunal- und Europawahl zwischen vielen verschiedenen Parteien, Listen und Personen entscheiden können und folglich eine echte Wahl haben. Zugleich heißt das auch, dass man nicht alles gut finden muss, was die Parteien – hoffentlich ohne angegriffen zu werden – plakatieren. Und es herrscht vermutlich Übereinstimmung darin, dass sich Politik nicht in Wahlplakaten erschöpft.

 

Das ist auch im aktuellen Wahlkampf zu beobachten. Wer nicht festgelegt, sondern suchend ist, und gehofft hatte, die Parteien und Kandidaten würden einem durch ihre Plakate die Entscheidung erleichtern, sieht seine Zweifel eher vergrößert. Man kommt nicht umhin, sich auf auf anderem Wege – auf Wahlveranstaltungen oder durch die Lektüre von Wahlprogrammen – zu informieren. Auch das ist gut so, weil Plakate, selbst dann, wenn sie eine Botschaft haben, allenfalls Schlaglichter sind. Das bunte Sammelsurium in den Straßen bildet lediglich die Wahlkulisse.

Auf manchen Slogan kann man sich schwer einen Reim machen

Und wie es bei Kulissen üblich ist, wird fleißig hin und her geschoben, dick aufgetragen und versucht, Eindruck zu machen. Auch mit Hilfe von reichlich Farbe – wobei die Schwarzen aktuell ein Farbthema haben. Das neue CDU-Mint – Werbeprofis sprechen von „Cadenabbia-Türkis“ – lässt die Partei seltsam abgesoftet erscheinen. Im Kontrast zu der selbstgewählten Blässe steht der markige Inhalt:„Für Sicherheit immer und überall“, heißt es da. Oder: „Grün ist nicht das neue Schwarz. Komm raus aus der grünen Ecke.“ Der Partei geht’s um Abgrenzung und, klar, auch um Stuttgart, „das endlich wieder funktionieren soll“.

Die Grünen treten gewohnt sattgrün auf und sind diesmal nicht gegen etwas, sondern ausdrücklich „dafür“ Und das in allen Variationen: „Für Stuttgart“, „Für Morgen“ - und vermutlich auch für heute. Beim Blick auf die SPD-Plakate sieht man wie immer rot. Dazu groß im Bild die Kandidaten. Für was die Partei ist, ist nicht so recht zu erkennen. Es sei denn, man kann sich einen Reim auf ihren Slogan machen: „Wer, wenn nicht Stuttgart.“ Gut, dass das nur im Kleingedruckten steht. Das gilt auch für den sibyllinischen Grünen-Spruch: „Machen, was zählt.“

Deutlicher wird die FDP, die in Magenta-Pink knallige Sätze plakatiert wie: „Bauen muss man wollen. Dann geht was.“ Oder: „Jede Innenstadt hat das Recht zu boomen.“ Endlich sagt’s mal jemand! Auch Innenstädte sind nur Menschen und haben Rechte und Gefühle. Kleine Gemeinheiten erlauben sich die Freien Wähler: Sie wollen etwas gegen den „Fachkräftemangel“ im Gemeinderat tun – und nehmen sich davon vermutlich aus. Mängel stellen auch SÖS und Linke fest. Nämlich beim Wohnen. Während die SÖS persönlich wird und das „Recht auf dein Zuhause“ propagiert, heißt es bei den Linken kantig: „Mieten runter.“ Und dann sind da noch die Stadtisten, die als Schwarz-weiß-Figuren auftreten und die Volt-Partei, die sich für „Mehr Eis“ einsetzt und die altbekannten Köpfe der neuen Stuttgart-Liste und die ÖDP, die von sich sagt, sie sei „erstaunlich ehrlich“ und die AfD, die fragt „Wer sonst?“ und damit die Antwort provoziert: alle demokratischen Parteien!

Auffällig ist: Auf den Wahlplakaten geht es oft um „statt“ und weniger um „Stadt“, obwohl es doch vor allem um sie gehen sollte: „Ingenieur statt Ideologe“. „Engagiert statt extrem“. Oder: „Gesunder Menschenverstand statt Grün-Linker Bevormundung“. Und: „Lecker Fisch statt Firlefanz“ – pardon, das war das Plakat für Tiefkühlkost.

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