Wahlporträt Weiblich, wertkonservativ und grün

Von kay 

Andrea Sieber ist erst spät in die Politik gestartet. Die Fachwirtin für Kindertagesstätten aus Schorndorf tritt als Kandidatin der Grünen im Wahlkreis Waiblingen an.

Die Bundestagskandidatin Andrea Sieber bringt drei symbolträchtige Dinge mit. Foto: Stoppel 6 Bilder
Die Bundestagskandidatin Andrea Sieber bringt drei symbolträchtige Dinge mit. Foto: Stoppel

Schorndorf - Immer wieder dieses Déjàvu-Gefühl: die Figuren in diesem Buch erschienen Andrea Sieber so vertraut, die Handlung wie vorbestimmt. „Erst nach einem guten Drittel habe ich es gemerkt: Ich hatte das Buch ein paar Jahre davor schon mal gelesen.“ Trotzdem hat es Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ in Siebers ganz persönlicher Bestsellerliste auf Platz eins geschafft. Die Grünen-Kandidatin ist eine Schnell- und Vielleserin, die in die Literatur abtaucht wie Alice ins Wunderland und dabei Raum und Zeit vergisst. Sie durchlebt ein Buch, dabei ist es nicht so wichtig, ob sich die Details im Langzeitgedächtnis ablagern. Das Lesen ersetzt im Hause Sieber voll und ganz den Fernseher, den es dort nicht gibt.

„Tod eines Kritikers“ auf persönlicher Bestsellerliste

Der postmoderne Roman ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb, die auf der Folie einer Kriminalerzählung ausgebreitet wird: Ein Star-Kritiker verschwindet. Dahinter wird ein Verbrechen vermutet, doch entpuppt sich das ganze schließlich als Inszenierung. Andrea Sieber hat für sich eine lebenswichtige Botschaft aus dieser Geschichte destilliert: „Ich habe aus diesem Buch den Auftrag für mich mitgenommen, doch bitte immer zweimal und genau hinzuschauen, bevor man sich ein Bild von etwas macht.“

Das Lesen hatte bereits in ihrem Elternhaus in Rudersberg-Steinenberg einen zentralen Stellenwert, neben der Politik, die ebenso anregend wie leidenschaftlich diskutierte Gesprächsstoffe lieferte. Als älteste von drei Töchtern habe sie die Rolle der Vorkämpferin, der Verantwortungsbewussten und der Moderatorin zwischen den Eltern und den jüngeren Geschwistern eingenommen: „Ich bin eine typische Erstgeborene“, sagt die Pädagogin und Leiterin einer evangelischen Kindertagesstätte.

Die Taufkerze als Symbol des Glaubens

Doch ein eigenes Kind zu bekommen, war bislang augenscheinlich das größte Ereignis in Siebers Leben. Die Taufkerze, die sie als einen der drei Lieblingsgegenstände gewählt hat, verweist symbolisch auf das zweijährige Töchterlein. Sie ist zugleich ein Hinweis auf die Kirche: „Die Taufe fand damals im Rahmen des normalen Sonntagsgottesdienstes statt. Es war zugleich die Aufnahme unseres Kindes in die kirchliche Gemeinschaft.“ Der Glaube gebe ihr selbst den Halt im Leben, und dieses gute Fundament wolle sie auch ihrer Tochter mitgeben – aber auch fremden Kindern: Sieber arbeitet ehrenamtlich im Kleinkindgottesdienst. Mit Gott, sagt die 36-Jährige, habe man „in jedem Augenblick seines Lebens einen Gesprächspartner“. Normalerweise gehen die Siebers am Sonntagvormittag in Schorndorf zum Gottesdienst. „Ich will versuchen, das auch während des Wahlkampfes so oft es geht hinzukriegen.“

Die Grünen sind für die Kandidatin mit dem ausgeprägten Familiensinn diejenige Partei, mit der sie ihren Glauben am besten in Einklang bringen kann. „Ich schätze den Wertekonservatismus bei den Grünen.“ Ob Umweltschutz, Friedenspolitik, Energiewende, die Betonung der Bürgerrechte oder eine Familienpolitik, bei der das Kind im Mittelpunkt stehe – immer gehe es darum, zu bewahren. Beigetreten ist Sieber der Partei erst vor wenigen Jahren. „Die Initialzündung war die Mövenpick-Steuer 2009. Dass die FDP nach dem Wahlsieg ihre Klientel mit Steuerprivilegien beschenkt, hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Da habe ich beschlossen: Ich will mitentscheiden und nicht bloß wählen.“

Geliebäugelt hatte sie mit den Grünen allerdings schon als Heranwachsende. „Mir hat damals gefallen, wie politische Gestalten wie Joschka Fischer oder Jutta Dithfurt den Bundestag aufgemischt haben. Ich habe mich damit als Teenager auch gut von meinen Eltern abgrenzen können.“ Natürlich sei sie auch für den Atomausstieg gewesen und „die gelebte Gleichberechtigung“ bei den Grünen habe ihr imponiert.

Das Fahrrad mit Anhänger steht für die Familie

Dass Andrea Sieber wann immer es geht lieber das Rad als das Auto nimmt, versteht sich fast von selbst. Ihr Fahrrad mit samt dem Anhänger für den Transport des Töchterchens ist deshalb der dritte Gegenstand, den Sieber mitgebracht hat. Die Beziehung zu ihrem Fahrrad lässt sich vielleicht weniger als „große Liebe“ bezeichnen. Es hat mehr den Charakter einer Zweckehe. Im Grunde gehört ihr das Rad nicht einmal, es ist von ihrer Mutter geliehen, und den Anhänger teilt sie sich mit ihrem Mann. Das Gefährt eignet sich auch nicht so sehr für unvergesslich stramme Bergtouren, aber es ist ein zuverlässiger Begleiter wenn Sieber in Schorndorf Besorgungen zu machen hat. Und Treue ist auch was wert.




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