Noch immer fehlen die Briefwahlen. Die Auszählung zieht sich. Helena Österle schaut mit ihrem Mann Rudolf, Sohn Erik und Tochter Emely immer wieder auf die Leinwand und plaudert dazwischen mit all den Amtsträgern, die zum Wahlabend nach Aidlingen gekommen sind – darunter Landrat Roland Bernhard sowie die Bürgermeister Martin Thüringer (Grafenau), Matthias Schöck (Hildrizhausen) und Florian Glock (Magstadt). Auch ihr Chef, der Calwer Oberbürgermeister Florian Kling, ist hier.
Enttäuschung bei Marc Weidel, Erleichterung bei Helena Österle
Nichts zu sehen ist dagegen von Marc Weidel – der steht schon unten auf dem Rathausvorplatz, wo sich bereits rund 150 Menschen versammelt haben. Um 19.24 Uhr ist es soweit: Der Musikverein spielt einen Tusch und Bürgermeister Ekkehard Fauth verkündet das Wahlergebnis. Auf Marc Weidels Gesicht zeichnet sich Enttäuschung ab, bei Helena Österle ist es Erleichterung.
„Ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt“, sagt sie, nachdem sie eben beim Musikverein Aidlingen symbolisch den Taktstock übernehmen und sich von allen Seiten Glückwünsche abholen durfte. „Berauschend“ und „ein bisschen unwirklich“ beschreibt sie ihre Gefühlslage, nach dem extrem knappen Wahlausgang und der quälenden Wartezeit auf das finale Ergebnis.
„Ich mag Krimis, aber heute Abend brauchte ich keinen zu lesen“, kommentiert Landrat Roland Bernhard den knappen Wahlausgang bei seiner Glückwunschrede. Ähnlich drückt sich Bürgermeister Fauth aus. „Ich bin froh, dass es mit der Briefwahl dann doch so eindeutig geworden ist“, sagt der nach 24 Jahren aus dem Amt scheidende Rathauschef erleichtert: Bei einem Wahlausgang so knapp an der 50/50-Marke wäre, so Fauth, eine Stichwahl nötig geworden.
Offen ist derzeit noch, ob Elke Schweizer, die nicht zur Wahl zugelassene Bewerberin, beim Landratsamt Widerspruch eingelegt hat. Das könnte die offizielle Amtseinsetzung von Helena Österle um rund ein Jahr verzögern. Die Frist für einen Widerspruch läuft am 4. Oktober ab.
Calwer OB gratuliert Aidlingen zur Bürgermeistern
Der Calwer Oberbürgermeister Kling ergreift am Ende auch noch einmal das Wort, um sich bei seiner „lieben Helena“ ganz herzlich für die gute Arbeit zu bedanken, die sie als Leiterin der Abteilung Liegenschaften und Ortsvorsteherin von Stammheim und Holzbronn geleistet habe. Den Aidlingern gratuliert er zu ihrer Bürgermeisterin und ruft zugleich zur Zusammenarbeit und Unterstützung für die neue Ortschefin auf, denn die brauche sie auch von den knapp 47 Prozent, die sie nicht gewählt haben.
Tatsächlich dürfte dies eine der kommenden Herausforderungen für die 46-jährige Verwaltungsfachwirtin werden. Denn obwohl sie und Marc Weidel im Wahlkampf selbst einen fairen Umgang pflegten, waren insbesondere in der Facebook-Ortsgruppe „Schwarzes Brett Aidlingen Umgebung“ doch immer wieder Misstöne und Sticheleien zu vernehmen. An den mitunter recht erhitzt geführten Facebook-Debatten beteiligte sich teilweise auch Jürgen Weidel, der Vater des Kandidaten. Thema waren unter anderem Österles Wohnsitz in Nagold, die Behauptung, dass Aidlingen für sie nur eine Sprosse auf der Karriereleiter sei und die Rolle von Klaus Abberger, den sich Österle als Wahlkampfberater an Bord geholt hatte.
Allerdings hatte Österle daraus nie einen Hehl gemacht. Im Gegenteil: Auf Nachfrage hatte sie darauf verwiesen, dass es normal sei, sich bei einer Kampagne Unterstützung zu holen. Ebenso war sie offen damit umgegangen, dass Abberger ihr bei der Rede für die Kandidatenvorstellung geholfen habe, sie widersprach jedoch der Unterstellung, er habe den kompletten Text für sie verfasst.
Ein Flyer als letzter Aufreger
Der letzte Aufreger auf der Zielgeraden war dann ein am Wochenende in der Gemeinde verteilter Flyer, auf dem Dutzende Personen eine Wahlempfehlung für Österle aussprachen – darunter einige Aidlinger CDU-Gemeinderatsmitglieder und deren Familienumfeld. Der Flyer provozierte auf Facebook den Vorwurf, dass hier eine Neutralitätsverletzung vorliege. Weidel und Österle sind übrigens beide CDU-Mitglieder.
Einer der Unterzeichner war CDU-Fraktionschef Thomas Rott. „Der Gemeinderat als Gremium sollte sich neutral verhalten, aber der einzelne Rat darf sehr wohl Stellung beziehen“, betont Rott im Nachgang. Zudem zeigt er sich verwundert darüber, dass Weidel als CDU-Kandidat nie das Gespräch mit der Fraktionsspitze gesucht habe.
Überzeugungsarbeit wird nötig sein
Helena Österle wird also noch Überzeugungsarbeit bei ihren Kritikern leisten müssen. „Bei meinen Haustürgesprächen ist es mir eigentlich immer gelungen, das Eis zu brechen und am Ende die Leute für mich zu gewinnen“, sagt sie zuversichtlich.
Davon abgesehen warten noch viele weitere Herausforderungen auf sie – darunter die hohen Abwassergebühren. Zuvorderst wolle sie aber die Kommunikation nach innen und außen verbessern und die seit 2019 ausstehenden Jahresabschlüsse anzugehen. „Das ist wie in einem Unternehmen. Sonst kann man auch kein Controlling machen“, sagt die Verwaltungsexpertin.
So hat Aidlingen gewählt
Gesamtergebnis
Marc Weidel: 1959 Stimmen (46,87 Prozent), Helena Österle 2196 Stimmen (52,54 Prozent). Wahlberechtigte: 7217; Wahlbeteiligung : 4200 (58,20).
Wahlbüros und Briefwahl
Lehenweiler: Marc Weidel (51,38 Prozent), Helena Österle (48,62 Prozent); Deufringen: Weidel (49,02), Österle ( 50,62); Dachtel: Weidel (56,84), Österle (42,74); Aidlingen Rathaus: Weidel (47,24), Österle (52,15); Aidlingen Buchhaldenschule: Weidel (47,45), Österle (52,34); Aidlingen Sonnenbergschule: Weidel (47,55), Österle (52,09). Briefwahl: Weidel (41,55), Österle (57,40).