Waiblingen Ein Blick auf den unbekannten Loriot

Loriots knollennasige Figuren sind allgegenwärtig – auch in der erotischen Ecke. Eindrücke von der Ausstellung zeigen wir in der Bilderstrecke. Foto: Gottfried Stoppel 16 Bilder
Loriots knollennasige Figuren sind allgegenwärtig – auch in der erotischen Ecke. Eindrücke von der Ausstellung zeigen wir in der Bilderstrecke. Foto: Gottfried Stoppel

Rüde Redaktionsabsagen, nie gesehene Möpse, Schiller und Goethe mit Knollennase: In der Waiblinger Stihl-Galerie sind von Freitagabend an mehr als 250 erst jüngst veröffentlichte Werke und Dokumente aus dem Nachlass von Loriot zu sehen.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)
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Waiblingen - Lieber Vicco, anbei die Lockenwickler-Geschichte zurück, da in der ganzen Redaktion kein Mensch hinter die Pointe gekommen ist.“ Nicht nur diese Absage der Verlagsgruppe „Weltbild“ zu einer Karikatur über ein Paar vor der Hochzeitsnacht hat Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow alias Loriot in den 1950er-Jahren einstecken müssen. Obwohl er schon damals eine Familie ernähren musste, habe sich der Mann, der heute als einer der vielseitigsten und tiefsinnigsten Humoristen Deutschland geschätzt wird, nie verbiegen lassen, sagt Peter Geyer, ein früherer Mitarbeiter des im August 2011 verstorbenen Bülow: „Er hat sich seinen Humor nicht nehmen lassen und stattdessen uns dazu erzogen.“

Geyer ist der Autor und Mitherausgeber zweier Loriot-Bücher, die auch als Grundlage für eine Ausstellung mit bis dato weitgehend unbekannten Werken im Münchner Literaturhaus gedient haben. Jetzt ist die Schau in einer abgewandelten Form in der Waiblinger Stihl-Galerie zu sehen. Unter den Exponaten, die überwiegend aus Zeichnungen, aber auch aus Fotos, Filmen und Audiodokumenten bestehen, ist ein eigens für die Ausstellung erzeugter Hörspielmonolog aus einem bisher unveröffentlichten Interview von 1985. Er gibt Auszüge aus einem Gespräch mit einer Abiturientengruppe des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums wider, jener Schule, die von Bülow selbst drei Jahre lang besucht hatte. Es ist eines der wenigen Tondokumente, die den Menschen Vicco von Bülow durchscheinen lassen, nicht Loriot, der fast alle Interviews als Plattform nutzte, um auf seine ganz spezielle Art komisch zu sein.

Der Rundgang durch die in sieben Bereiche untergliederte Ausstellung beginnt mit einer Auswahl jener „Frühstücke“ aus den 50er- und 60er-Jahren, für die von Bülow wie erwähnt reihenweise Absagen erntete. In „Privates und Halbprivates“ sind eine ganze Reihe von Zeichnungen zu sehen, die Loriot als Geschenke für Freunde und Wegbegleiter anfertigte, manche gar nicht weitergab, von den meisten aber zumindest Kopien aufbewahrte. Möpse in allen Schattierungen sind ebenfalls darunter, überwiegend für die eigene Familie gestaltet.

Unvollständig sind die „Großen Deutschen“ geblieben. Die Porträtsammlung von „bedeutenden Vertretern der Nation“ wie Goethe und Schiller mit ihren prägnanten Knollennasen wurde nie komplettiert – wie auch? Denn so das Originalzitat Loriots: „Nach zuverlässigen Zahlen beträgt die Zahl der bedeutenden Deutschen gegenwärtig mehr als 82 000 000“.

Eine imposante Fotogalerie umfasst hingegen ein – ebenfalls nie erstelltes – Gästebuch. Statt sich, wie Ende der 50er-Jahre üblich, handschriftlich in ein solches einzutragen, animierte von Bülow seine Besucher zu einem Foto vor einer immer gleichen Säule und einem von seiner Frau handgenähten Vorhang. Diese Möglichkeit wird auch den Gästen der Ausstellung in der Stihl-Galerie angeboten. Entsprechende Requisiten stehen bereit.

Gänzlich unbekannt dürfte das mit „Nachtschattengewächse“ überschriebene letzte Kapitel der Ausstellung sein. Von Bülow hat die zum Teil skurrilen Zeichnungen in den schlaflosen Nächten seiner letzten Lebensjahre zu Papier gebracht. Das Spektrum reicht von einem mit einer Briefmarke beklebten Adolf Hitler bis zum Selbstporträt.

„Herren im Bad“ oder die „Nudel“ sucht man in der Retrospektive freilich vergebens. Man habe Wert darauf gelegt, weitgehend unbekannte Werke für Loriot sprechen zu lassen, sagt der Kurator Geyer. Sie alle hätten indes mindestens die gleiche Qualität wie die allgegenwärtigen Klassiker. „Sie zeigen die Präzision, die unglaubliche Genauigkeit, die Loriot auszeichnet.“




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