Waiblingen Für autistischen Sohn gibt Familie das Leben in Deutschland auf – „So wenig Reize wie möglich“

, aktualisiert am 27.02.2025 - 10:09 Uhr
Sie waren schon häufiger in fernen Ländern. Doch diesmal ist es kein Pauschalurlaub, sondern eine Reise durch die USA, Kanada und Mexiko – ohne Rückkehrdatum. Foto:  

Wellen, Wale, wenig Stress – Nina und Jonathan sehen keine andere Chance, ihrem autistischen Sohn zu helfen, als die Koffer zu packen und in den Flieger zu steigen. Aktuell sind sie in Mexiko, und der Neunjährige blüht endlich wieder auf.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Am liebsten parken Jonathan und Nina ihren Camper nach einem langen und anstrengenden Reisetag so abgelegen wie möglich. Sowohl sie als auch ihre Kinder sind ruhebedürftig. Besonders Lio, der älteste ihrer drei Jungs, braucht dringend Abstand, Zeit zum Durchschnaufen und so wenig Reize wie nur irgend möglich. Lio ist Autist und der Grund dafür, warum die Waiblinger Familie aktuell durch Mexiko fährt, an den dortigen Stränden Sandburgen baut und Tacos statt Maultaschen isst.

 

Fußläufig zu dem Platz, an dem ihr 30 Jahre alter und mit rund neun Metern ganz schön langer Camper momentan steht, geht es einen Hügel hoch. Auf der anderen Seite wird man am Meer Zeuge eines Naturschauspiels. Wale, wohin das Auge blickt. „Die kommen dort ganz nah an den Strand ran und liegen einfach so überall rum. Es ist total faszinierend“, sagt Papa Jonathan, der genau wie seine Frau nicht möchte, dass ihr Nachname in der Zeitung steht. Die Familie aus Waiblingen hat viel durchgemacht und will sich schützen. Aber sie wollen auch erzählen, wie es so weit gekommen ist, dass sie nur noch den einen Ausweg sahen: Alle Zelte abzubrechen und in den Flieger nach Nordamerika zu steigen.

Autismus: Jeder Tag war nur noch ein Kampf

Den Camper haben sie alleine komplett umgebaut. Foto: privat

Leichtfertig haben die Erzieherin und der Architekt diesen Entschluss nicht getroffen. Und doch sagen sie nun, nach rund vier Monaten auf Tour, dass es die beste Entscheidung war. „Nur wir wissen, was die letzten Monate alles vorgefallen ist.“ Ein Blick zurück macht wohl nur in Ansätzen deutlich, was die fünfköpfige Familie in der nahen Vergangenheit – genau genommen seit Lios Einschulung – alles durchgemacht hat. Lio hatte von Anfang an Probleme in der Schule – so massive, dass er erst nur noch wenige Stunden hinging, dann an eine spezielle Einrichtung, die Bodenwaldschule Winnenden, wechselte und nun schon länger gar nicht mehr beschult wird.

Nina und Jonathan spürten schnell, dass da mehr ist als nur kein Bock auf Schule. „Seit wir unsere Geschichte öffentlich gemacht und mit Lio über die Diagnose Autismus gesprochen haben, können er und wir zwar anders damit umgehen, aber geändert hat sich nichts, und eine geeignete Therapie finden wir auch nicht. Deshalb sind wir uns sicher, dass wir Deutschland verlassen müssen“, sagen die Eltern rund fünf Monate vor ihrem Aufbruch. In diesen Monaten vor dem Start im September hatten sie keine Kraft mehr, und jeder Tag war nur noch ein Kampf. „Wir alle, aber besonders Lio, hatten keine Lebensfreude mehr. Er sprach von Suizid und hatte schlimme Anfälle“, sagt Mama Nina.

 

Therapiereise für autistischen Lio

Sie schleppen sich nur noch von Tag zu Tag. Als gar nichts mehr geht, ziehen sie die Reißleine und starten ihr Projekt „Road to Happiness“, um und auf der Online-Spendenplattform „GoFundme“ Geld für den Roadtrip, eine Art Therapiereise, zu sammeln. Rund 8000 Euro sind es geworden. „Parallel dazu haben wir auch noch einen Hausflohmarkt veranstaltet und einiges auf Ebay verkauft, um die Reisekasse aufzustocken“, sagt Papa Jonathan. Um die Rückkehr – bisher weiß die fünfköpfige Familie noch überhaupt nicht, wie lange sie im Ausland bleiben will – abzusichern, hat das Paar sein Haus nicht verkauft, sondern nur vermietet und beide haben Elternzeit beantragt. „So bleiben wir in Deutschland krankenversichert und können bei Bedarf in unser Haus zurückkehren“, sagt Jonathan.

Langfristig wollen er und seine Frau vom Camper aus digital arbeiten und ihre zwei größeren Kinder unterrichten. Doch bisher wollen sie Lio noch in Ruhe lassen, und es gab auch einfach zu viel zu tun, denn der alte Camper mit dem coolen bunten Design musste um- und ausgebaut werden. „Wir haben alles komplett auf den Kopf gestellt. Jetzt haben wir quasi an beiden Enden des Campers Schlafräume, auf der einen Seite unseren Elternbereich und viele Meter weiter ist der Schlafbereich der Jungs.“ Alle sollen trotz der beengten Verhältnisse Raum für sich haben. „Es gibt auch hier noch Momente, wo Lio droht, an die Decke zu gehen. Aber wir kriegen ihn viel schneller wieder runter, er hat Spaß, erforscht alles und tobt mit seinen Brüdern“, sagt Nina.

Autismus: Lio soll keinen Druck verspüren

Bei allem gilt: Lio soll nicht bedrängt werden. Zu massiv waren zuletzt im Alltag in Waiblingen seine Anfälle. An guten Tagen schien alles in Ordnung. Doch kleinste Kleinigkeiten konnten einen katastrophalen Ausbruch auslösen. Lio tobte und schrie dann, rannte durch das Haus oder – viel schlimmer – auf die Straße, war nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen und wollte sterben. Seine Mama Nina lief ihm dann hinterher, hielt ihn fest, wenn er zitterte, oder kuschelte mit ihm, wenn er langsam wieder zu sich kam und Nähe zuließ. Sie selbst ging dabei weit über ihre Grenzen. „Hier liegen wir auch nicht nur in der Hängematte. Aber es gibt wieder Spaß und schöne Familienzeit, und wir können alle endlich die Akkus aufladen“, sagt Nina.

Sie richten den Fokus gerade nur auf ihre Familie. Foto: privat

Die Therapiereise scheint also die richtige Wahl gewesen zu sein. Aktuell entdecken sie die Baja California, einen mexikanischen Bundesstaat auf der gleichnamigen Halbinsel, die an Kalifornien grenzt. Doch gibt es manchmal auch Momente, wo sich das Paar zurücksehnt in den Waiblinger Alltag? „Wir hatten hier bisher keine Sekunde das Problem, dass wir uns zu sehr auf der Pelle gesessen hätten. Aber klar, das schwäbische Essen fehlt manchmal und Familie und Freunde fehlen immer. Aber der Fokus liegt auf uns und darauf, so viel wie möglich in der Natur zu sein.“ Sie würden ganz bewusst nicht darüber nachdenken, wie es zurück in der Heimat mit den Kindern, der Schule und einer Therapie für Lio weitergehe. „Wir versuchen im Hier und Jetzt zu leben, sparsam zu sein, das einfache Leben wertzuschätzen und den Roadtrip, der auch noch nach Kanada und Alaska führen soll, zu genießen. Und dann sehen wir weiter.“

Fakten zur Autismus-Spektrum-Störung

Autismus-Spektrum-Störungen sind neurologische Entwicklungsstörungen. Ihre Kennzeichen sind:

  • gestörte soziale Interaktion und Kommunikation,
  • wiederholte und stereotype Verhaltensmuster
  • ungleichmäßige geistige Entwicklung.

Die Symptome beginnen in der frühen Kindheit. Die Ursache ist bei den meisten Kindern unbekannt, eine genetische Mitbeteiligung wird vermutet.

Häufig sind:

  • eine gleichzeitig bestehende geistige Behinderung,
  • Konzentrationsstörungen,
  • Ängste,
  • Zwänge,
  • Essstörungen,
  • Tics,
  • Selbstverletzungen
  • und Epilepsie.

Betroffene zeigen Unterschiede in der Entwicklung des Nervensystems, die als Störungen der neurologischen Entwicklung betrachtet werden.

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