Waiblingen soll bis 2035 klimaneutral sein Bürger wollen der Politik Beine machen

Jonathan Rößler, Sabine Zeiner und Willi Zierer (von links) sind optimistisch, dass ihre Initiative einiges dazu beitragen kann, dass die Stadt Waiblingen bis zum Jahr 2035 klimaneutral wird. Sie arbeiten mit weiteren Gruppen zusammen, die sich in den vergangenen Monaten im Remstal formiert haben. Foto: Gottfried Stoppel

Die Initiative „Waiblingen klimaneutral 2035“ möchte erreichen, dass die Stadt einen Klima-Aktionsplan erarbeitet und umsetzt. Dafür sammelt sie nun Unterschriften – und hofft auf die Unterstützung weiterer Engagierter.

Waiblingen - Ein einziger Satz kann manchmal sehr viel in Bewegung setzen. Solch einen Satz hat Sabine Zeiner aus Waiblingen Ende März in unserer Zeitung gelesen. In einem Artikel über den Beschluss der Stadt Schorndorf, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden, hatte eine Schorndorfer Klimaaktivistin gesagt, sie würde sich eine Gruppe wünschen, die das Ziel für Waiblingen anstrebt. „Das war die Initialzündung“, sagt Sabine Zeiner.

 

Nach der Lektüre des Berichts hat sich die Ingenieurin hingesetzt und Freunde und Bekannte angeschrieben, welche wiederum das Gleiche taten. So ist innerhalb kürzester Zeit die Initiative „Waiblingen klimaneutral 2035“ entstanden, in der schon rund 30 Waiblingerinnen und Waiblinger verschiedenster Altersgruppen aktiv sind – Tendenz steigend. Etliche waren bislang nicht politisch aktiv.

Obwohl sich die Mitglieder der Gruppe wegen der Coronapandemie bisher nur per Videokonferenzen treffen konnten, haben sie bereits einiges auf den Weg gebracht und zehn Handlungsfelder bestimmt, die in der Stadt angegangen werden müssten. Dazu gehören eine soziale und ökologische Stadtplanung ebenso wie Strom aus erneuerbaren Energiequellen, ressourcenschonendes Leben und Wirtschaften, eine regionale und nachhaltige Landwirtschaft und Bürgerbeteiligung.

Unterschriftenaktion für einen Einwohnerantrag

Die Bürgerschaft spielt eine wichtige Rolle bei dem Projekt, das die Initiatoren unter das Motto „Nicht jammern – machen!“ gestellt haben. „Die große Politik scheint es nicht zu können oder zu wollen“, sagt Jonathan Rößler über Lösungen für die Klimakrise: „Jetzt packen eben wir das an.“ Der 24-jährige Student kümmert sich in der Gruppe um den Bereich soziale Medien und sagt: „Die vielen schlechten Nachrichten in letzter Zeit waren sehr erdrückend, für mich ist es ein Befreiungsschlag, mich zu engagieren.“

Derzeit sammelt die Initiative Unterschriften in Waiblingen, um einen Einwohnerantrag stellen zu können. Mit diesem fordern die Antragsteller, dass die Stadt Waiblingen einen Klima-Aktionsplan erarbeitet, durch den die Kommune bis 2035 die Klimaneutralität erreicht. „Mindestens 1,5 Prozent der Einwohner Waiblingens im Alter von 16 Jahren oder mehr müssen den Antrag unterschreiben“, erklärt Sabine Zeiner. Sie und ihre Mitstreiter hoffen, dass sie die rund 850 Unterschriften bis vor der Sommerpause zusammentragen und die Liste an den Gemeinderat übergeben können. Dieser hat dann maximal drei Monate Zeit, den Antrag in einer Sitzung zu behandeln, in der auch die Antragsteller angehört werden. Danach entscheidet das Gremium über den Einwohnerantrag. „Wenn unser Antrag im Oktober behandelt wird, könnten wir gleich noch Haushaltsanträge für das Jahr 2022 stellen“, sagt Sabine Zeiner und betont: „Wir sind kompetente, sachkundige Gesprächspartner.“

Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze

Die 58-jährige Ingenieurin hat viele Jahre im Bereich Wärmepumpen für die Firma Bosch gearbeitet, zuletzt war sie Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebs in Bayern. „Ökonomie und Ökologie gehen Hand in Hand“, sagt Sabine Zeiner, „dass sie als Gegensätze dargestellt werden, ärgert mich schon immer. Wir haben die technischen Möglichkeiten, man muss sie einfach anwenden.“

Der Weg zur klimaneutralen Stadt solle ein strukturierter Prozess sein, sagt Willi Zierer. Ziel sei es, genaue Aktionspläne zu erarbeiten – mit konkreten Zielen und Zeitpunkten, zu denen diese umgesetzt sein sollen. „Wir wollen die Stadt unterstützen und etwas bewegen“, sagt der 70-jährige Waiblinger, der sein ganzes Berufsleben in der Erwachsenenbildung tätig war, zuletzt als stellvertretender Direktor beim Volkshochschulverband. Der Einwohnerantrag und somit die Rückendeckung der Bürgerinnen und Bürger sei eine Legitimation für die Stadt, gewisse Maßnahmen zu ergreifen, sagt Willi Zierer, der sich für die Klimakrise mitverantwortlich fühlt. „Meine Generation hat es soweit kommen lassen – das ist für mich auch ein Stück weit Motivation. Denn so will ich eigentlich nicht abgehen.“ Dieses Gefühl der Beklemmung, glaubt er, hätten viele ältere Menschen.

Bis zur Sommerpause will die Initiative mit Informationsständen, Podiumsdiskussionen und anderen Veranstaltungen auf sich aufmerksam machen und die benötigten rund 850 Unterschriften sammeln. „Wenn wir das nicht schaffen, gehen wir klingeln“, sagt Sabine Zeiner.

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