Waiblinger Erfindung: „Plaudertisch“ für Senioren Fitnesstraining für Körper und Geist

Von Annette Clauß 

Das „Fahrrad“ trainiert die Beine, die „Kaffeemühle“ und die „Drehorgel“ stärken den Oberkörper und die Arme. Dass man sich nebenbei gut unterhält, ist ausdrücklich erwünscht beim „Plaudertisch“. Der von der Waiblinger Firma Astro Sport entwickelte Mobilitätsförderer ist zum Beispiel im Otto-Mühlschlegel-Haus des Alexander-Stifts in Weinstadt im Einsatz.

Maria Kolf und Erich Bücheler geben am Plaudertisch kräftig Gas. Foto: Frank Eppler
Maria Kolf und Erich Bücheler geben am Plaudertisch kräftig Gas. Foto: Frank Eppler

Weinstadt - „Wo fahred m’r no?“ Maria Kolf und Erich Bücheler, beide wohnen im Endersbacher Seniorenheim Otto-Mühlschlegel-Haus, sind sich schnell einig, wohin die Fahrt an diesem Nachmittag gehen soll: dahin, wo es Most gibt. Und so brechen die Senioren zu einer Radtour der besonderen Art auf. Dabei treten sie zwar kräftig in die Pedale, kommen aber dennoch räumlich keinen Meter vom Fleck. Denn Maria Kolf und Erich Bücheler sitzen nicht auf Fahrrädern, sondern an einem speziellen Tisch, dem „Plaudertisch“. Das Möbelstück ist im Fußbereich mit Pedalen ausgestattet, an seiner Tischplatte sind Handkurbeln befestigt.

Maria Kolf und Erich Bücheler geben also mit Händen und Füßen Gas, während sie am Tisch sitzen. Den Fitnesstisch haben der Waiblinger Florian Winger und Heinz Röddiger entwickelt. Winger ist Inhaber, Röddiger Entwicklungsleiter der Firma Astro Sport, die in Waiblingen und Heubach im Ostalbkreis Fitness- und Rehageräte herstellt. Beide hatten sich vorgenommen, ein Trainingsgerät zu entwickeln, das Senioren, selbst wenn sie nur noch eingeschränkt mobil sind, Bewegung verschafft, ohne sie zu überanstrengen. Und weil am Plaudertisch gleich mehrere Menschen Platz finden, ist obendrein für Unterhaltung gesorgt, das Training wird zur Fitnessübung für Körper und Geist.

Gespräche entwickeln sich von selbst

„Als ich zum ersten Mal von diesem Tisch gehört habe, habe ich mich gefragt, wieso er Plaudertisch heißt“, erzählt Ann-Kathrin Kiefer. Inzwischen weiß die Haus- und Pflegedienstleiterin im Otto-Mühlschlegel-Haus, warum: „Kaum stehen die Füße auf den Pedalen, entwickeln sich schon Gespräche.“ Auch Erich Bücheler und Maria Kolf sind eben erst losgeradelt und schwelgen schon in Erinnerungen. Der Murrhardter lieferte mit dem Rad Erzeugnisse seiner Werkstatt aus, Maria Kolf, eine waschechte Strümpfelbacherin, transportierte mit ihrem Drahtesel sich selbst, das Töchterle und eine Hacke aufs Feld. An den Plaudertisch setzt sie sich regelmäßig. „Wenn man wie ich im Rollstuhl sitzt, ist es wichtig, dass man oben beweglich bleibt“, sagt die 93-Jährige fröhlich.

Ann-Kathrin Kiefer bestätigt das. „Wir müssen für unsere Bewohner eine Kontrakturenprophylaxe nachweisen. Während der Pflege werden zwar Gymnastikübungen gemacht, aber der Plaudertisch ist eine gute Ergänzung.“ Möglichst einmal pro Woche sollten Bewohner sich daran setzen, sagt Kiefer. Im Prinzip komme der Fitnesstisch für fast alle Bewohner in Frage – auch für solche, die im Rollstuhl säßen oder an Demenz erkrankt seien.

Biografien der Betreuten sind ein Thema

Antony Hoffer von der Firma Astro Sport bestätigt das: „Bei den Pedalen und Kurbeln lässt sich der Widerstand individuell einstellen. Dadurch ist der Plaudertisch sehr flexibel einsetzbar.“ Neben den Fußpedalen, „Fahrrad“ genannt, können am Tisch auch eine „Kaffeemühle“ und eine „Drehorgel“ fürs Training des Oberkörpers und der Arme befestigt werden. Erprobt werde der Plaudertisch, der für vier Teilnehmer rund 3000 Euro kostet, bewusst in Einrichtungen der Region, sagt Hoffer: „So können wir schnell vor Ort sein, uns die Sache anschauen und Veränderungen sofort umsetzen.“

Zum Beispiel eine Sicherung, mit der Rollstühle am Tisch fixiert werden können. Weitere Erkenntnisse erhofft man sich von einer Forschungsarbeit, die ein Student der Internationalen Berufsakademie in Heidelberg derzeit zum Plaudertisch macht. Antony Hoffer ist schon jetzt überzeugt: „Der Plaudertisch regt die Leute auch geistig an und durch ihn können Pflegekräfte die von ihnen betreuten Menschen und ihre Biografien besser kennen lernen.“

Doris Moroch ist im Mühlschlegel-Haus die Plaudertisch-Beauftragte: Sie betreut den Tisch und alle, die sich an ihn setzen. „Manchmal muss man die Leute regelrecht bremsen, weil sie sich fast ein Wettrennen liefern“, sagt Doris Moroch und lacht. Da müsse sie dann einschreiten, schließlich gebe es im Seniorenheim auch Bewohner mit Herzerkrankungen, die sich nicht überanstrengen dürften. Wichtig sei, dass die Leute um den Tisch sich gut verstehen, berichtet Doris Moroch. „Dann gibt eins das andere und sie erzählen viel von früher“. Und wenn die Bewohner mal keine rechte Lust auf eine Radtour haben, dann lädt Doris Moroch ganz einfach zu einer Fahrt mit dem Tretboot ein.