Ein Bürgerrat diskutiert über Künstliche Intelligenz und Freiheit. Am Projekt der Uni Tübingen arbeiteten auch Waiblingerinnen und Waiblinger mit. Ihre Vorschläge zeigen jetzt Wirkung.
Als Natalie Karl aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) das amtliche Schreiben in ihrem Briefkasten entdeckte, war sie irritiert. „Ich dachte erst, das ist ein Fake“, erzählt die 38-Jährige. Doch eine Recherche im Internet zeigte: Der vom Waiblinger Oberbürgermeister Sebastian Wolf unterzeichnete Brief war echt. Natalie Karl war ausgelost worden, an einem Bürgerrat zum Thema „KI und Freiheit“ teilzunehmen.
Den Bürgerrat hat die Uni Tübingen initiiert – eine Premiere in der deutschen Uni-Landschaft, sagt Patrick Klügel von der Eberhard-Karls-Universität. Ein Ziel war es, herauszufinden, wie Bürgerinnen und Bürger bei der öffentlich geförderten Erforschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) beteiligt werden können. Der gut 40-köpfige Bürgerrat sollte möglichst heterogen sein und so die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegeln.
Seine zufällig ausgewählten Mitglieder kamen daher aus allen vier baden-württembergischen Regierungsbezirken, haben ein ganz unterschiedliches Alter und leben an vier verschiedenen Orten: in der Großstadt Reutlingen, der mittelgroßen Kommune Waiblingen, der Kleinstadt Hemsbach und im Dorf Kleines Wiesental.
„Ich kannte mich mit KI überhaupt nicht aus“, sagt Natalie Karl, die beschloss: „Ich wage es einfach und melde mich zum Bürgerrat an.“ Mit ihr waren noch zwölf weitere Waiblingerinnen und Waiblinger am Start, darunter Renate Rack-Weber. Anders als Natalie Karl hatte die medizinisch-technische Assistentin schon Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz gesammelt und wollte mehr darüber erfahren.
Insgesamt gab es vier Treffen, bei denen Experten technisches Hintergrundwissen vermittelten und aufzeigten, wo Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt. Nämlich längst nicht nur in Bereichen wie dem autonomem Fahren oder bei der medizinischen Diagnostik, sondern beispielsweise in der Bodenforschung. „Dabei wurde deutlich, dass sehr viele Daten gebraucht werden“, sagt Renate Rack-Weber.
In Gruppen aufgeteilt, beschäftigte sich der Bürgerrat intensiv mit Einsatzbereichen von KI. Beim Thema Verkehr beispielsweise mit der Frage, wie KI zu mehr Sicherheit und Umweltschutz beitragen kann. Über die Empfehlungen, die der Bürgerrat für die verschiedenen Bereiche formulierte, herrschte nicht immer Einigkeit. „Aber es gab gute Ergebnisse, die Diskussionen waren konstruktiv und man hat viel gelernt“, sagt Renate Rack-Weber. Sie hat festgestellt, dass Menschen, die beispielsweise im Beruf mit KI in Berührung gekommen sind, tendenziell weniger Risiken sehen, als andere.
„KI unterstützt, ersetzt aber nicht den Arzt“
„KI kann zum Beispiel in der Medizin unterstützen, aber nicht den Arzt ersetzen. Das war uns wichtig“, sagt Natalie Karl über eine der Empfehlungen des Bürgerrats, die an die Wissenschaftsministerin Petra Olschowski übergeben wurden. Der Bürgerrat schlägt auch vor, dass Strukturen geschaffen werden, über die Bürgerinnen und Bürger ihre Daten einfacher anonym für die öffentlich geförderte KI-Forschung bereitstellen können und regt eine Sammelstelle für Vorschläge aus der Bürgerschaft zur KI-Forschung an.
Diese Schnittstelle wird nun Realität. „Letzte Woche sind die Bewerbungsgespräche für eine neue unbefristete Stelle gelaufen“, berichtet Patrick Klügel von der Uni Tübingen. Das heißt, die Arbeit des Bürgerrats war nicht für die Schublade, sondern zeigt Wirkung. Auch persönlich. „Ich verstehe jetzt viel besser, wo KI im Einsatz ist und habe Lust bekommen, das Thema weiter zu verfolgen“, sagt Natalie Karl. Renate Rack-Weber hat da einen Tipp parat: „Ich höre jetzt regelmäßig den Podcast „KI verstehen“ im Deutschlandfunk.“