Waiblingerin ist manisch-depressiv Bipolare Patientin wird zur Mitarbeiterin – psychisch Kranke kämpft sich zurück

Blickt trotz psychischer Erkrankung und vielen Beeinträchtigungen positiv in die Zukunft: Dilara Baskurt. Foto: privat

Viel Stress, wenig Pausen: Dilara Baskurt wird psychisch krank, entwickelt eine bipolare Störung und kann nicht arbeiten. Doch sie kämpft sich zurück in den Job – dank Speziallösung.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Babysitten, Nachhilfe, Servicejobs, Mitarbeit bei der Post, Zeitung austragen – es gibt kaum einen Nebenjob, den Dilara Baskurt nicht schon gemacht hat. Von den Eltern kommt nur die nötigste Unterstützung und die junge Frau, die am Ende der Schullaufbahn steht und studieren will, braucht Geld. „Ich hatte brutal viel am Hals. Oft musste ich noch auf meine Schwester aufpassen und in der elterlichen Gaststätte helfen“, sagt die heute 45 Jahre alte Dilara Baskurt. Heute weiß sie, dass es zu viel war, was sie sich zugemutet hat – viel zu viel.

 

„Die Schule lief quasi nur noch so nebenbei“, sagt die Frau aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) und blickt selbstbewusst in die Kamera. Sie freut sich, im Videogespräch ihre Geschichte erzählen zu können – die Geschichte ihrer psychischen Erkrankung, wie sie deshalb nicht arbeiten konnte, es aber dank viel Durchhaltevermögen und Einsatz geschafft hat, doch Fuß zu fassen in der Arbeitswelt. Und zwar genau da, wo sie so lange regelmäßig als Patientin war – in der Psychiatrie. Dilara Baskurt hat einen ausgelagerten Arbeitsplatz im Zentrum für Psychiatrie Winnenden, ist aber bei den Remstal Werkstätten der Diakonie Stetten angestellt.

Dilara Baskurt versorgt sich allein und ist schon länger stabil

„Ich will von meinem Weg, wie und wo ich gelandet bin, erzählen, um gegen Stigmatisierung anzugehen. So was kann jeden treffen“, sagt die 45-Jährige an einem trüben Freitagnachmittag in der Vorweihnachtszeit und ist froh, dass die Woche geschafft ist. Sie kann wieder arbeiten, tut es auch gerne, aber es strengt sie an. Sie schafft keine vollen acht Arbeitsstunden und muss sich nach so einem Tag gut überlegen, was abends noch drin ist. „Heute möchte ich noch Plätzchen backen. Heißt, ich muss einkaufen“, sagt Dilara Baskurt, die sich aktuell komplett alleine versorgt. „Das Ordnung halten fällt mir zwar schwer, aber sonst bin ich jetzt schon länger stabil“, sagt sie und klopft dreimal auf Holz.

Die Waiblingerin hofft, dass es so bleibt, sie hat schwere Zeiten hinter sich. Sieben Jahre lang landete sie jedes Jahr etwa um die gleiche Zeit in der geschlossenen Psychiatrie. „Da konnte man die Uhr danach stellen.“ Dilara Baskurt ist manisch-depressiv, eine bipolare Störung wird diagnostiziert. An trubeligen Tagen, wenn emotional zu viel los ist oder sie schlecht schläft, kriegt sie Angst, dass es wieder los gehen und sie in eine manische Phase schlittern könnte. „Schlechter Schlaf ist ein Trigger, da kann es schnell mal kippen.“

Phasen von Hochgefühl und starke Niedergeschlagenheit wechseln sich ab

Die bipolare Störung bewege sich zwischen zwei Polen – auf der einen Seite manische Phasen voller Hochgefühl, auf der anderen Seite depressive Phasen mit starker Niedergeschlagenheit. „Ziel ist es, dass das Pendel genau in der Mitte bleibt und nicht ausschlägt“, erklärt Dilara Baskurt, bei der alles ganz schleichend mit einer Depression begann, sich dann beruhigte, bis eine erneute Depression sie runterzog und sie im Urlaub mit den Eltern eine manische Phase erlebte. „Ich habe lange Zeit sehr gelitten“, sagt die Frau, die im beschaulichen Bad Wimpfen aufwuchs.

Bei der Diskussionsrunde erzählte Dilara Baskurt (Zweite von rechts) von ihren Erfahrungen. Neben ihr: Jobcoach Torsten Unger. Foto: privat/Diakonie Stetten

Dort betreiben ihre Eltern eine Gaststätte, die Wochenenden sind durch die Bewirtung der Gäste bestimmt. Nach der Realschule wechselt die Tochter ans Wirtschaftsgymnasium. Nach dem Abitur fängt sie an einer Fachhochschule an – studiert Mathematik und Informatik. Doch in der Zeit rächt sich die ständige Überforderung – Dilara Baskurt hat ihre erste depressive Episode. „Ich kam nicht mehr aus dem Bett, konnte mich kaum konzentrieren. Meine Freundin, die mir immer beistand, hat versucht zu helfen, aber ich habe das Studium dann nach zwei Semestern abgebrochen, weil ich dachte, ich sei zu dumm dafür.“

In Behandlung begibt sie sich damals nicht. Stattdessen fängt sie eine Ausbildung zur Verlagskauffrau an und wird gemobbt. Weil in der Zeit die Depression wieder ausbricht, kommt das Angebot der Eltern, gemeinsam in Urlaub zu fahren, gerade recht. „Es war ein Lichtblick, über den ich mich total gefreut habe.“ Doch in der Türkei schlägt ihre Gemütslage komplett um – in eine schwere Manie. „Ich habe mich wie Alice im Wunderland gefühlt, war komplett drüber.“ Sie schläft sechs Tage nicht, hat Halluzinationen. „Es war ein Horrortrip.“ Sie erinnert sich, dass der Pilot sie fast nicht hatte mitfliegen lassen wollen. Sie sei kurz darauf in die Psychiatrie eingewiesen worden. „Es war schrecklich. Und ich musste viele Jahre phasenweise wieder dorthin.“

Sie macht Rehamaßnahmen und absolviert Praktika, doch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, gelingt ihr nicht. Im Jahr 2007 kommt Dilara Baskurt dann in den Remstal Werkstätten unter – und fühlt sich nicht wirklich wohl. Doch sie kämpft und schafft über verschiedene Stationen den Einstieg in die IT, und zwar dort, wo sie bisher nur als Patientin war, in der Psychiatrie – dieses Mal als Mitarbeiterin. „2016 wechselte ich auf einen ausgelagerten Arbeitsplatz im Qualitätsmanagement im ZfP Winnenden. Auch wenn es mit der Bezahlung durch die Werkstätten schwierig ist, die Arbeit ist toll und tut gut“, sagt die 45-Jährige, die auch eine Ausbildung als Genesungsbegleiterin im ZfP absolviert hat. Bei allem immer an ihrer Seite: Jobcoach und Arbeitserzieher Torsten Unger.

Aktuell ist Dilara Baskurt zwei Tage in der Woche im Qualitätsmanagement und drei Tage als Genesungsbegleiterin im ZfP unterwegs. Sie redet mit Patienten, bietet Spiele oder Spaziergänge an. Sie könne sich gut hinein versetzen in die Betroffenen. „Aber ich muss natürlich selbst gefestigt sein, um solche Begleitungen machen zu können. Daran arbeite ich weiterhin jeden Tag, mache Sport, schaue nach mir und hoffe, dass ich stabil bleibe.“

 

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