Waldbademeister im Schwarzwald Seine Freunde sind die Bäume
„Die Bäume sind immer da. Sie lassen mich so sein, wie ich bin“, sagt Reno von Buckenberg. Ein Tauchgang mit dem Waldtherapeuten in die Tiefen des Schwarzwalds.
„Die Bäume sind immer da. Sie lassen mich so sein, wie ich bin“, sagt Reno von Buckenberg. Ein Tauchgang mit dem Waldtherapeuten in die Tiefen des Schwarzwalds.
Der Weg führt steil bergauf, da ist nichts zu machen. Vorne geht Reno von Buckenberg. Sein Schritt ist bedächtig, beinahe meditativ. So langsam, dass man schon aufpassen muss, ihn nicht unabsichtlich zu überholen. Es ist einer der letzten warmen Spätsommertage in Bad Wildbad. Die Sonne über dem Schwarzwald spickelt durch weiße Wattewolken und macht Jacken überflüssig. Reno von Buckenberg trägt Outdoorhose und Holzfällerhemd.
An diesem Samstag sind dem zertifizierten Naturführer und Therapeuten drei Städter auf den Fersen, um mit ihm das Waldbaden zu wagen. „Shinrin Yoku“ kommt aus Japan und bedeutet, mit allen Sinnen in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen. Man könnte auch sagen, Waldbaden ist, wie ein Kind durch die Natur zu gehen und alles neu zu entdecken: die Ameisen, die Pilze, das Moos, das Licht im Kronendach. All das, was man sonst links liegen lässt, weil es wie selbstverständlich da ist.
Die Geräusche der Kurstadt sind hier oben nicht zu hören. Mal knackt ein Ast in der Stille, mal ruft ein Vogel aus der Ferne. Blätter rascheln. Wildschweinspuren kreuzen den Weg. Ein Stamm, in den der Blitz einschlug, lässt die Gruppe innehalten. Es riecht nach Erde, Moos, nach Kräutern und Kiefernadeln. Die Bäume ragen still und majestätisch empor, manche so hoch, dass ihre Kronen in den Himmel übergehen.
Immer wieder bleibt Reno stehen, um einen seiner Baumfreunde vorzustellen. Er nennt sie so. Die Douglasie, deren Nadeln nach Zitrone duften, wenn man sie zwischen den Fingern verreibt. Die Enztalkiefer, die mehr als hundert Jahre alt ist. Die Weißtanne, die ums Überleben kämpft. „Bei einem Sturm vor vier Jahren ist die Spitze abgebrochen. Jetzt harzt der Baum ohne Ende.“
Reno sagt, es mache ihn glücklich, wenn er Bäume sieht. Seit zehn Jahren wohnt er jetzt in Bad Wildbad. „Seit zehn Jahren begrüße ich die gleichen Bäume“, sagt er. „Die sind immer da, wenn ich komme, lassen mich so sein, wie ich bin. Die meckern nicht an mir rum, sondern signalisieren mir: Schön, dass du uns wieder besuchst!“
Reno von Buckenberg ist kein Guru-Typ, der Menschen um sich versammelt und sie bittet, Bäume zu umarmen. Manchmal lässt der 68-Jährige Teilnehmer aber eine Weile unter einem Baum sitzen, den Rücken an den Stamm gelehnt. Er sagt, es gebe Menschen, die könnten die Energie eines Baumes spüren. „Die einen kommen dann gar nicht mehr hoch, sie fühlen so einen tiefen Frieden, schlafen fast ein.“ Andere nehmen ein Kribbeln wahr, wollen sofort wieder aufstehen. „Denen rate ich, mehr Entspannungsübungen zu machen und zu gucken, dass sie mehr in die Ruhe kommen.“
Der Wald kann dabei helfen. Bäume geben Terpene ab – Duftstoffe, die unser Immunsystem aktivieren. „Schon ein halber Tag im Wald kann die Zahl der natürlichen Killerzellen im Blut deutlich erhöhen“, erklärt Reno. „Das ist doch genial, oder?“ Ein weiterer Pluspunkt: „Hier sinkt der Blutdruck.“ Allein das Grün der Blätter habe eine heilende Wirkung. Und Waldbaden verringere Stresshormone, man wird entspannter, schläft besser, Angstgefühle weichen. In Japan ist Waldbaden längst ein Teil der Gesundheitsvorsorge geworden. Seit den 1990er Jahren erforschen japanische Wissenschaftler die positiven Effekte. Reno sagt, er sei der Erste gewesen, der im Nordschwarzwald den japanischen Trend zelebrierte. 2017 war das. „Wenn ich was mache, dann richtig“, sagt der Waldbadepionier.
Reno von Buckenberg wuchs als Einzelkind in Schwenningen am Neckar auf, machte Abitur und ging zwei Jahre zum Militär. Anschließend studierte er Nachrichtentechnik. Gut 20 Jahre arbeitete er als Ingenieur bei einem großen Unternehmen für Telekommunikation. Auch hier gehörte er zu den Wegbereitern, sein Arbeitgeber schickte ihn ein halbes Jahr in die USA, um sich in Chip-Design fortzubilden. „Ich war immer gerne Ingenieur“, sagt er. „Ich bin jemand, der gerne nach vorne denkt und ausprobiert, was technisch alles möglich ist.“
Während er Karriere machte, heiratete Reno von Buckenberg und bekam mit seiner Frau zwei Kinder. Die Familie kaufte ein großes Haus in Simmozheim bei Calw. 2006 beschloss er dann, neue Wege zu gehen. Er verließ die Firma, weil er spürte, „das ist nur ein Bruchteil meiner Leidenschaften“. Da wollte auch noch eine andere Seite in ihm gelebt werden – die Künstlerseele.
Mit 15 Jahren hatte Reno von Buckenberg seine erste Band gegründet und war seitdem der Musik immer treu geblieben. Als Mitglied der Stuttgarter Coverband „Top Kings“ stand er jedes Wochenende auf der Bühne. Neben dem Keyboard beherrschte er Bass und Schlagzeug. „Auf der Bühne fühlte ich mich immer wohler als im Publikum“, sagt er. Außerdem malte und fotografierte er, entwickelte eigene Kunstformen wie „Painted Black“ (großformatige Porträts auf Holz) und „Diquarelle“ (digital gemalte Aquarelle).
Als er dann beschloss, sich als Künstler selbstständig zu machen, dachte er, die Welt warte nur auf seine Ideen. „Ich war sicher, dass die Menschen scharenweise zu mir kommen und sich diese Bilder machen lassen.“ Drei Jahre gab er Gas. Sein künstlerischer Höhepunkt: eine Ausstellung mit Udo Lindenberg in den Sparkassenräumen von Pforzheim. Udo zeigte seine Likörelle, daneben eine Auswahl von Renos Werken.
Diese Zeit habe ihn erfüllt, sagt Reno von Buckenberg, aber er habe auch „bluten müssen“ wie so viele Künstler. „Die Welt hat leider nicht auf meine Kunst gewartet.“ Und so reiften neue Ideen in seinem Kopf. Reno erfand „Hot Wodka“, einen Partyschnaps aus Wodka und Habanero-Chilis, stellte das Getränk in seiner eigenen Manufaktur her, meldete die Marke beim Patentamt an, gründete eine GmbH. Mittlerweile hat er die Firma wieder verkauft, weil er die Erkenntnis gewann: „Ich bin sehr kreativ, fleißig und umtriebig, aber ich bin ein schlechter Verkäufer. Klinken zu putzen ist nicht mein Ding.“
In seiner Zeit als Künstler und Erfinder veränderte sich auch Renos Inneres. Er entdeckte die Spiritualität für sich, las einschlägige Literatur und staunte: „Meine Güte, da gibt es Zusammenhänge, die sind so plausibel!“ Sollte sich ihm nun allmählich tatsächlich der lang gesuchte Sinn des Lebens erschließen? Sollte er endlich zu verstehen beginnen, wie alles zusammenhängt? „Wir sind hier, um zu lernen. Vor allem, um die Liebe zu lernen“, sagt er.
Religiös war er nie. An eine höhere Macht hat er immer geglaubt. „Heute nenne ich sie das Universum.“ Seine Frau konnte diesen Weg nicht mitgehen, 2009 trennten sie sich. Reno von Buckenberg spürte, dass er Abstand brauchte. „Manche gehen den Jakobsweg – ich bin den Westweg im Schwarzwald gegangen“, erzählt er. 220 Kilometer in neun Tagen. Allein. Reno beschreibt das Ganze als eine innere Zäsur. „Es hat mich gedanklich freier gemacht, mir Klarheit verschafft. Und darin liegt der Ursprung meiner Liebe zum Schwarzwald. Ich habe gemerkt, dass es ein Kraftort ist, der mich berührt.“
So kam er nach Bad Wildbad, das Städtchen mit 92 Prozent Waldanteil. Er hat eine Wohnung, die von Bäumen umzingelt ist. Er schläft bei offenem Fenster, damit er rund um die Uhr die wertvollen Terpene einatmen kann. „Ich bin topfit und seit zehn Jahren nicht mehr bei einem Arzt gewesen.“
Reno von Buckenberg ließ sich zum Naturführer ausbilden und zeigte Besuchergruppen den Baumwipfelpfad von Bad Wildbad. Zwei Jahre nach dem Lehrgang kam er erstmals mit dem Thema Waldbaden in Berührung und war sofort davon fasziniert. Sorgfältig entwarf er seine ideale Route, plante Touren, bündelte all sein Wissen. Dass manche Einheimische darüber nur schmunzeln, nimmt er gelassen hin. „Sie sind ja auch nicht meine Zielgruppe“, sagt er. „Meine Zielgruppe kommt aus Stuttgart – Menschen, die das Stadtleben kennen, in der Natur abschalten und noch mehr Achtsamkeit lernen wollen. Diese Menschen nehmen mein Angebot unendlich dankbar an.“
Vier Stunden Waldbaden vergehen wie im Flug. Reno von Buckenberg lässt seine Gäste ein paar Steine aufheben – ganz intuitiv, ohne vorher einen prüfenden Blick darauf zu werfen. Sie sollen ja gerade nicht den schönsten mit der glattesten Oberfläche wählen, sondern den Kopf ausschalten und nicht bewerten. Die Teilnehmer atmen tief in den Bauch hinein und sitzen eine halbe Stunde auf einer Lichtung, wo sie den Insekten zuhören.
Für Reno von Buckenberg war es vorerst die letzte Tour. Denn er steht schon wieder an einem Wendepunkt – bereit, neue Wege zu gehen. In Simmozheim renoviert er gerade das Haus, in dem er einst mit seiner Familie lebte. „Die fast fünf Meter hohen Räume haben so viel Potenzial“, sagt er und lächelt.
Künftig möchte er zwischen zwei Orten pendeln, dabei Altes bewahren und Neues gestalten. Eines steht für ihn fest: Auch in Zukunft will er Menschen etwas mitgeben. Seine Ideen wachsen langsam, nehmen nach und nach Form an. Vielleicht entstehen daraus neue Projekte, vielleicht Kooperationen, wer weiß das schon. Privat wünscht er sich wieder jemanden an seiner Seite – am liebsten einen Freigeist.