Waldheim Heslach Bierhalle der Genossen wird zum Familientreff

Von Götz Schultheiss 

Anno 1908 schufen Heslacher Sozialdemokraten mit dem Waldheim einen Erholungsort für arme Arbeiter. Später waren in dem Idyll im Dachswald SPD-Prominente wie Kurt Schumacher und Willy Brand zu Gast.

Die Bierhalle mit Ausschank, die Aufnahme stammt aus dem Jahr  1908 Foto: privat
Die Bierhalle mit Ausschank, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1908 Foto: privat

Kaltental Heslach - Auf 111 Jahre Sozialgeschichte blickt das von Sozialdemokraten gegründete und betriebene Waldheim Heslach im idyllischen Dachswald zurück. Der Veranstaltungsort der lokalen SPD mit Parteiprominenz hat sich seit seinen bescheidenen Anfängen zu einer beliebten Naherholungsstätte für Familien entwickelt.

„Die Lebensbedingungen in Heslach waren damals sehr schlecht“, sagt Udo Lutz, Stadtrat (SPD) und Vorsitzender des Waldheimvereins. Heslach war ein Stuttgarter Arbeitervorort mit miesen Wohnungen. Die Arbeiter dort konnten sich keine gute Wohnung leisten und ebenso wenig Erholung im Grünen. „Sie hatten auch kein Geld, das sie in einer Gaststätte im Freien hätten ausgeben können“, sagt Lutz. Diese Not brachte seinerzeit den Vorsitzenden der Heslacher SPD, Karl Oster, auf eine Idee: Er suchte ein Grundstück für die Stadtranderholung und fand es im Dachswald.

„Damals war der Dachswald eine Arme-Leute-Gegend. Deshalb war die Wiese zum Quadratmeterpreis von zwei Reichsmark noch erschwinglich“, erzählt Lutz. Um das Grundstück zu finanzieren, gaben die Sozialdemokraten Anteilscheine im Wert von jeweils fünf Reichsmark aus. Wer einen davon erwarb, war Mitglied des neuen Waldheimvereins. „Der größte Anteil der Finanzierung erfolgte mit einem Darlehen der Brauerei Robert Leicht, der dafür einen Liefervertrag ergatterte, der 75 Jahre, also bis 1983 laufen musste. Heute sind solche Laufzeiten sittenwidrig“, sagt Udo Lutz.

Bier und Spielgeräte markieren den Anfang

Der Anfang des Waldheims war eine Bierhalle. Sie öffnete am 1. Mai für das Maifest der Sozialdemokraten, die offizielle Eröffnung war am 31. Mai 1908. „Neben dem Bier für die Genossen waren Spielgeräte wie Schaukeln und Rutschbahnen für die Kinder wichtig, denn der Waldheimverein stieg um 1926 in die Kindererholung ein“, sagt Lutz. Ebenfalls in den 1920er Jahren baute man ein Schwimmbädle.“

1933, gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur, wurde das Heim beschlagnahmt, aufgelöst und der Paulusgemeinde im Westen zugeschlagen. Offenbar aber waren die Christen nicht so trinkfest wie die Sozialdemokraten zuvor, denn die Paulusgemeinde konnte den Bierliefervertrag nicht abdecken. Sie überantwortete das Waldheim der Landeshauptstadt, die es der Hitlerjugend zur Verfügung stellte. Nach der Befreiung 1945 gab eine Spruchkammer das Waldheim der SPD zurück.

Der Waldheimverein ließ das durch Bomben fast zerstörte Gebäude 1953 neu aufbauen und betrieb die Gaststätte selbst. „Walter Mann hat das Heim 1972 als Vereinsvorsitzender übernommen und dabei mit seiner Familie enormes geleistet.“ Der Ort wurde Begegnungsstätte mit Parteiprominenz, darunter Kurt Schumacher, Willy Brandt und Horst Ehmke.

Schüler erleben im Waldheim grüne Klassenzimmer

2005 übernahm Udo Lutz das Waldheim. Er ließ den Spielplatz für 180 000 Euro ausbauen, eine barrierefreie Toilette und mit dem neuen Parkplatz auch genügend Radstellplätze einrichten. „Mit den Schulen aus Kaltental und dem Süden, die bei uns ein grünes Klassenzimmer und Naturwochen veranstalten, versuchen wir, in das Thema Kinderwaldheim hineinzukommen“, sagt Lutz. Der Verein pflanze für Bäume, die gefällt werden müssten, immer mehr Obstbäume an: „Wir haben jetzt eine neue Form des Familienfests. Die Eltern mit ihren Kindern pflücken die Äpfel selbst und pressen sie dann zu Saft, den sie anschließend trinken.“ Dies entspreche der sozialdemokratischen Waldheimidee, nachdem sich auch Menschen mit kleinem Geldbeutel im Dachswald einen schönen Nachmittag machen sollen. „Auch wer von Hartz IV leben muss, soll sich hier erholen können“, sagt Udo Lutz.

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