Waldhorn in Stuttgart-Rohr Das kochende Ehepaar und ihre wunderschöne Liebesgeschichte

Kulinarik und Liebe: Caroline Autenrieth und José Maria González Sampedro betreiben zusammen das Waldhorn in Stuttgart. Foto: Ferdinando Iannone/Montage: Pichlmaier

Auf Einkaufstour mit dem kochenden Ehepaar Caroline Autenrieth und José Maria González Sampedro aus Stuttgart. Und dabei auf den Spuren einer drehbuchreifen Love Story.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Caroline Autenrieth sagt den französischen Satz in einem leicht schwäbischen Singsang: „C’est impossible“ – das ist unmöglich. Denn mehr passt einfach nicht in den Kofferraum. Die Blumen – leuchtend violettblaue Nigella, pinkfarbene Wicken und rosarote Pfingstrosen – müssen zuerst ins Restaurant nach Stuttgart-Rohr gebracht werden, dann kann die Tour weitergehen, nach Möhringen und nach Gäufelden. Eine halbe Stunde Fahrt für zehn Liter Schafsmilch? Gastronomen, die stets die Marge im Hinterkopf haben, würden das kochende Ehepaar für verrückt erklären. Vielleicht sind sie das auch ein bisschen. Verrückt nach sehr guter Kulinarik.

 
„Wenn man hier Blumen kauft, dann hat man schon Lust auf die Woche“, Caroline Autenrieth bei Blumen Kurz auf dem Großmarkt in Wangen. Foto: Ferdinando Iannone

Die Geschichte des Spaniers und der Allgäuerin, die sich in der Küche eines Sternelokals in der Provence kennenlernen, sich verlieben, ein Paar und Eltern werden und ihr eigenes Restaurant in Stuttgart eröffnen, taugt zum Drehbuch für eine Love Story. Denn hinter allem steht die Liebe zur Gastronomie. Caroline Autenrieth und ihr Mann mit dem großartig klingenden Namen José Maria González Sampedro rechnen natürlich Einnahmen und Ausgaben gegen, sie wissen, wie viele Schulden – „eine kleine Wohnung wäre schon drin“ – sie auf der Bank haben. Doch über allem steht immer die Liebe zu den Produkten, der Kulinarik und dem Gastgeben. Der Aufwand für die feine, aber fettere Schafsmilch, aus der ein paar Tage später eine wunderbar cremige Vanillecreme entstehen wird, zeigt, wie sehr die beiden lieben, was sie tun.

So beginnen Märchen

Caroline Autenrieth und José María González Sampedro treffen sich 2014 in der Küche des Drei-Sterne-Lokals Le Petit Nice in Marseille. So beginnen Märchen, so beginnt die Geschichte des neuen Waldhorns, so beginnt die Liebe einer Schwäbin und eines Mallorquiners in der Provence. Was nun elf Jahre, zwei Kinder und eine Existenzgründung später im schönen, behutsam renovierten Gasthaus in Stuttgart-Rohr passiert, ist bewundernswert. Da kommt zusammen, was zusammengehört: viel Mut, Liebe für gute Produkte, vor allem Handwerk und große Leidenschaft am Herd.

Der Dienstag sei ein guter Tag, sagt Caroline. Und er beginnt gegen 8.30 Uhr mit dem Einkauf in einem zartduftenden Blumenmeer des Großmarkts in Stuttgart-Wangen. Die 40-Jährige befüllt das Plastikbehältnis, schwärmt von den Pfingstrosen – und überlegt, ob die im Laufe der Woche noch schön blühen werden.

Altmodische Beantwortung von E-Mails

Freitag. Die Pfingstrosen sind in voller Blüte und haben sogar die Farbe verändert. Das Restaurant Waldhorn ist von Mittwoch bis Samstag geöffnet, mittags und abends gibt es jeweils ein Menü. Caroline sagt am Tisch an: Spargel vorneweg, Schweinerücken mit Mangold, Erdbeeren zum Dessert. Was danach auf den Tellern landet, ist so gut, dass der Frau am Nebentisch mehrmals ein „fantastisch“ über die Lippen kommt. Wer Allergien hat oder sich vegetarisch ernährt, der teilt es den beiden im Vorfeld mit. Dass sie auf jede E-Mail individuell antworten, ist – bei den automatisierten Buchungssystemen, die es sonst gibt – geradezu altmodisch.

Caroline Autenrieth mag diese Dienstage, diese Einkaufsvormittage zwischen Buchhaltung und Schwimmunterricht-Fahrten. Zwei Mal im Monat fährt sie dann am Nachmittag noch nach Baden-Baden, um dort für die SWR-Sendung „Kaffee oder Tee“ am Herd zu stehen. Seit bald sieben Jahren macht sie den Job vor der Kamera. „Das macht mir wirklich Freude, wenn man kurz darauf merkt, wie oft ein Rezept abgerufen wird“, sagt Caroline strahlend. Und fügt etwas verwundert an: „Die kochen da meine Rezepte! Das ist doch unglaublich.“

Eine Doku in der Nacht sorgt für das Umdenken

Die Gerichte aus ihrem Restaurant sind derweil eher für fortgeschrittene Hobbyköche bestimmt. Denn im Waldhorn, das die beiden Ende 2023 eröffnet haben, pflegen sie eine gehobene Küche. Es gibt Gerichte, deren Wurzeln in Frankreich und Spanien liegen, umgesetzt werden sie mit Produkten aus der Region. Was sich schlicht anhört, entpuppt sich auf dem Teller als feines Schweinefleisch mit leuchtendem Mangold, Lauch und einer glänzenden Pommery-Senfsauce, dazu gibt es einen frischen, leuchtenden Salat, dazu ein Kartoffel-Millefeuille.

Dass die beiden heute hier sind, hat viel mit ihrer Kulinarikleidenschaft zu tun. Caroline, geboren in Leutkirch im Allgäu, wächst in einer Pfarrersfamilie auf, studiert in Basel und Tübingen Theologie, und beginnt nach dem Abschluss ihr Vikariat. Doch sie zweifelt: „Ist es das wirklich, was ich machen möchte?“ Sie bleibt nachts bei einer Dokumentation über das Drei-Sterne-Restaurant Le Petit Nice in Marseille hängen und weiß, das ist das, was sie möchte: kochen! Sie schreibt in derselben Nacht aufgeregt eine E-Mail an Vincent Klink, den Häuptling der Wielandshöhe, ob er ihr weiterhelfen könne. Er kann und rät der Glückssuchenden erst mal von Frankreichs Sternen ab – und bietet ihr eine Ausbildung in der Wielandshöhe an. Damals ist Caroline Autenrieth 26 Jahre alt.

Von der Physik zum Kochen

Fast zur selben Zeit in Barcelona: der Mallorquiner José studiert Physik, obwohl er weiß, dass seine Leidenschaft das Kochen ist: Vater und Onkel sind Gastronomen, Zeit für Familie bleibt da keine. Er entscheidet sich also für ein Studium und gegen die Liebe. Ist dabei aber so unzufrieden, dass er abbricht und eben doch Koch wird: „Ich liebe das einfach. Ich muss das machen.“ Nach seiner Ausbildung hat er etwas Geld gespart, kauft sich ein Auto, fährt damit nach Frankreich. Nach Stationen in Arles und einem kleinen Dorf bei Aix-en-Provence kommt er nach Marseille, in die Küche des Le Petite Nice.

Stühle, Lampen, Besteck und Geschirr. Die Beiden legen Wert auf Qualität. Foto: Ferdinando Iannone

Sie fahren nach Gäufelden wegen der Milch, zu einer Frau und ihren Schafen. „Das sind so kleine Betriebe, die können uns nicht beliefern“, sagt Autenrieth. Und sie wollen das Gemüse sehen, das sie verarbeiten, schauen, was es gerade auf dem Reyerhof in Möhringen gibt, um sich für das Menü der Woche inspirieren zu lassen. Im Kühlhaus in Rohr hängen Schweine und Rinder aus Schwäbisch Hall. José schaut, wann sie den perfekten Reifestatus haben, um weiterverarbeitet zu werden.

Die Schwaben und ihre Sättigungsbeilagen

Nach dem Großmarkt geht die Fahrt nach Gablenberg zur Bio-Bäckerei Königsbäck. „eine Seele mit Schinken, Kringel mit Pistazien und eine Butterbrezel“, dazu ein Cappuccino, bestellt Caroline. José sagt: „Ich bin kein großer Brezelfan, aber die sind gut.“ Der Spanier musste sich nicht nur an das schwäbische Gebäck gewöhnen. Auch dass die Schwaben Sättigungsbeilage brauchen. Immer. Zu allem. Er isst zu allem Brot. Viel Brot. Für Caroline und José ist die Zeit in der Bäckerei Frühstückspause und Mittagessen gleichermaßen. Ein Moment zum Durchatmen – und zum Menüplanen für die Woche. Sonst im Restaurant, zuhause mit den beiden Söhnen, inzwischen sechs und acht Jahre alt, bleibt keine Zeit.

Zurück nach Marseille, zurück zur Liebesgeschichte, die gänzlich unromantisch begann. Nach ihrer Ausbildung in der Wielandshöhe setzt sich Caroline Autenrieth in den Zug, im Gepäck ihre Bewerbung und eine Reservierung im Le Petit Nice. Nach dem Abendessen spricht sie den Küchenchef an, bittet ihn um einen Tag Probearbeit. Sie schrubbt nachts um zwei Uhr noch die Küche und hat die Stelle als Commis. Ihr Postenchef: José. Viel Zeit für die Liebe ist da nicht. Ein Jahr lang arbeiten sie fünf Tage die Woche, sehr viele Stunden am Tag zusammen. „Da geht es zu wie beim Militär.“ Dann werden sie ein Paar. „Er ist ein guter Chef, sehr streng, aber nie fies.“

„Ich wäre am liebsten in Marseille geblieben“

Caroline schwärmt von der Zeit in Marseille, dem Meer, dem Licht, aber auch von der harten Arbeit. Sie wollte für immer am Mittelmeer bleiben, in der Stadt, die schön, aber auch rau ist, die frischen Fisch und nordafrikanische Einflüsse en masse bietet, bei diesem Licht und diesem Sturm, der vom Rhonetal herüberziehen kann. „Ich wäre am liebsten in Marseille geblieben“, sagt Caroline, während José die zehn Laibe Sauerteigbrot der Brotique einlädt. Weiter geht es an diesem Dienstag Richtung Möhringen.

Für das Paar in Marseille heißt es damals weiterziehen. Denn José möchte in anderen Küchen arbeiten. Paris ist das Ziel der beiden. „Ich habe nie an Geld gedacht, sondern immer nur, was ich noch lernen möchte“, sagt José, der eine Küchenchefstelle bei David Toutain annimmt. Caroline arbeitet im Yam’tcha, direkt neben dem Louvre. Was sie damals nicht weiß: wie wichtig die Chefin Adeline Grattard für sie sein wird. Wenn die abends in Kochkleidung Kindergeschenke einpackt, ein Team leitet und Küche und Familie unter einen Hut bringt, so denkt sie heute in Stuttgart-Rohr häufig an sie. „Was für eine coole Frau. Inzwischen hat sie drei Kinder. Ich habe erst im Nachhinein verstanden, was ich über das Kochen hinaus bei ihr alles gelernt habe“, sagt Autenrieth.

Rückkehr von Paris nach Stuttgart

Caroline und José wohnen direkt am Jardin du Luxembourg: 30 Quadratmeter, ein Zimmer mit Miniküche, 1300 Euro. 2016 wird Caroline schwanger. Sie kocht bis kurz vor der Geburt, für José sind in Frankreich – im Land der arbeitenden Eltern – zwei Tage Elternzeit drin. Nach acht Monaten kommt der Sohn in die Kita – und die kleine Familie zieht nach einem Telefonat mit Vincent Klink, den Caroline liebevoll immer nur „Chef“ nennt, zurück nach Stuttgart. Die beiden arbeiten als Souschefs in der Wielandshöhe, haben zusammen 150 Prozent, die Abende teilen sie sich auf, sodass immer einer beim Bub ist.

Zurück im Auto, auf zum Reyerhof nach Möhringen: der Mangold leuchtet, der frische Fenchel duftet. Sie laden Kohlrabi und Rohmilch ein. „Das ist alles aus einer Solidarischen Landwirtschaft“, sagt Autenrieth. Die beiden wissen, dass Stuttgart-Rohr nicht mit Paris vergleichbar ist. „Wir brauchen unsere Stammgäste“, so Autenrieth. Und sie brauchen Personal. Am Anfang sind sie zu dritt, mittlerweile sind vier Mitarbeitende fest in der Küche, drei im Service, dazu zehn Teilzeitkräfte. Und auch Konrad Autenrieth, der Pfarrer im Ruhestand, hilft mit.

Wie mutig war das, diesen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen? „Ich hatte keine Angst, wir haben alles, was man braucht“, sagt Jose. Wenn das Menükonzept in Rohr nicht aufgegangen wäre? „Dann hätten wir das Restaurant wieder zugemacht.“ Sie investieren in Qualität, hochwertiges Porzellan, in gute Stühle. Ihr Mut wird belohnt. Das Restaurant ist gut besucht. Die Gäste wissen, „schnell geht bei uns nicht“. Es gibt manche, die kommen alle zwei Wochen. Das Waldhorn ist kein Ort für ein Businesslunch. Es ist ein Ort für die Liebe. Der Liebe zur Kulinarik.

Das Restaurant

Waldhorn
Caroline Autenrieth & José María González Sampedro, Krehlstraße 111, 70565 Stuttgart, www.daswaldhorn.de

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