Waldorfschule in Stuttgart Waldorfschule will keinen Impfdiskurs

Der Behnisch-Neubau der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart Foto: Lichtgut//Piechowski

Ein Stuttgarter Waldorflehrer erklärt, wie man auf der Uhlandshöhe zur Coronapandemie, zu Schutzmaßnahmen und zur Freiheit steht.

Stuttgart - Mehrfach haben Waldorfschulen Schlagzeilen gemacht, weil sie Probleme mit der Umsetzung der Hygieneregeln in der Coronaverordnung hatten. Zuletzt kam es in Freiburg im Rahmen einer Zirkusaufführung zu einem Coronaausbruch mit 44 infizierten Schülern und Lehrern. Dort waren 55 Personen von der Maskenpflicht befreit, doch bei allen hat das Regierungspräsidium die Atteste nicht anerkannt. Inzwischen prüft die Staatsanwaltschaft die Atteste.

 

Wie steht die Schule zum Umgang mit der Pandemie?

Wie steht eine Privatschule, die auf der anthroposophischen Weltanschauung ihres Gründers Rudolf Steiner aufgebaut ist, grundsätzlich zum Umgang mit der Coronapandemie? Unsere Redaktion hat nachgefragt.

An der weltweit ersten Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart wird unsere Bitte nach einem Gespräch abgelehnt. Zur Coronathematik seien „derzeit nur schriftliche Stellungnahmen möglich“, erklärt Oscar Scholz, der dort Lehrer für Deutsch und Geschichte und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, per E-Mail. Unsere schriftlichen Fragen beantwortet er zeitnah. Es gebe „nur sehr wenige Ausnahmen von der Maskenpflicht aufgrund von Attesten“, versichert er. Und: „Wir legen großen Wert darauf, dass die Hygieneregeln streng eingehalten werden.“ Dies gelte auch für die Schnelltests, die die 920 Schülerinnen und Schüler alle zwei Tage absolvierten, die älteren unter Aufsicht in der Schule, die jüngeren bis zur vierten Klasse daheim.

Beim Impfen gibt es bei Waldorfianern „nicht die reine Lehre“

Und wie hält man es auf der Uhlandshöhe nun mit der Impferei? „Impfgegnerschaft ist nicht aus Waldorfpädagogik oder Anthroposophie ableitbar“, so Scholz. Anthroposophie wende sich gegen jede Art von Dogmatismus, und so müsse auch die Impffrage sehr differenziert betrachtet werden – „es gibt jedoch nicht die eine ‚reine Lehre‘“, erläutert der Pädagoge. Sondern es gebe unterschiedliche, vielfältige und teilweise gegenläufige Auslegungen. Für eine differenzierte Betrachtung wirbt Scholz auch bezüglich dem in der Anthroposophie geläufigen Gedanken, dass die Überwindung von Krankheit den Menschen stärken kann. In einem Punkt allerdings legt sich Scholz fest: „Das gilt nicht für Covid-19!“

Vor dem Hintergrund der dramatischen Infektionsentwicklung und überlasteten Intensivstationen wird immer stärker über die Einführung einer Impfpflicht diskutiert. Wie positioniert sich da die Freie Waldorfschule? An dieser Stelle weicht Scholz etwas aus: „Über eine Impfpflicht entscheidet die Politik, nicht die Waldorfschule.“ Er betont aber: „Wir unterstützen alle Maßnahmen, um die Pandemie schnellstmöglich in den Griff zu bekommen.“ Allerdings hebt Scholz auch hervor, dass die Impfentscheidung eine individuelle Entscheidung sei. „Der Diskurs hierüber muss an einer anderen Stelle geführt werden. Das ist nicht Aufgabe der Schule.“ Ein Impfmobil an die Schule zu holen, wie es staatliche Schulen in Stuttgart gemacht haben, lehnt Scholz ab. Seine Begründung: „Es gibt ausreichend niederschwellige Angebote, sich impfen zu lassen. Informationen zu Impfungen sind allgegenwärtig. Das Impfen ist nicht Aufgabe der Schule.“

Welches Freiheitsbild vermittelt die Waldorfschule ihren Schülern?

Das Motto der Waldorfschule heißt „Erziehung zur Freiheit“ und ist in Pandemiezeiten erklärungsbedürftig, zumindest für die Öffentlichkeit. Denn welche Freiheit ist damit gemeint? Und welches Freiheitsbild vermittelt die Waldorfschule ihren Schülern? Darf diese Freiheit auch zulasten anderer gehen, etwa wenn durch Ungeimpfte andere Patienten keinen Platz mehr in der Intensivstation bekommen? Auch da hat Scholz eine klare Position: „Auch in Freiheit kann und muss jeder seine Pflichten erfüllen. Das ist für uns kein Widerspruch. Die eigene Freiheit darf nie zulasten des anderen gehen! Dieses sollte sich jede/r Ungeimpfte klarmachen. Zudem leben wir in den Waldorfschulen eine hohe Gemeinwohlorientierung, das gilt auch in der Pandemie.“

Dass kürzlich im „Spiegel“ ein ehemaliger Waldorfschüler behauptet hat, der Schulgründer Rudolf Steiner habe gesagt, wer sich impfen lasse, werde „taub für die karmische Botschaft“ und damit auf den esoterischen Hintergrund Steiners anspielte, ordnet Scholz als Aussage ein, die sich bei Steiner nicht finde. „Durch die Medien geistert derzeit eine Karikatur, ein grobes Zerrbild der Anthroposophie.“ Und, so der Lehrer: „Darüber, was da Steiner in den Mund gelegt wird, kann man nur den Kopf schütteln.“

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