Waldschule in Degerloch Erste Grundschule für Diabetes-Kinder

Von Heidemarie A. Hechtel 

Die Waldschule in Degerloch, bisher mit Gymnasium und Realschule, wächst um eine Grundschule. Das Besondere daran und bisher einzigartig: die Inklusion für Kinder mit Diabetes Typ 1 und das Profil.

Kerstin Vollmer (32) freut sich als Leiterin der neuen Grundschule auf die Aufgabe Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Kerstin Vollmer (32) freut sich als Leiterin der neuen Grundschule auf die Aufgabe Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Mit 36 Abc-Schützen in zwei Klassen wird im September die neue private Grundschule starten. Nach den bisherigen Anmeldungen sind darunter auch zwei Kinder, die an Diabetes Typ 1 leiden. Eine Erkrankung, die dramatisch zunimmt. Nach einer Einschätzung des Kinderkrankenhauses Olgahospital sind derzeit in der Landeshauptstadt 70 Buben und Mädchen davon betroffen. Laut Diary, dem Diabetes-Inzidenz-Register Baden-Württemberg, ist in zehn Jahren eine Zunahme von 114 Prozent zu erwarten. Wie sollen diese Kinder den Schulalltag meistern, wer betreut im Unterricht die jungen Patienten, die besondere Sorgfalt bei der Ernährung und Selbstdisziplin walten lassen müssen? Diese Frage macht seit Langem Kultusministerin Susanne Eisenmann Sorgen, die schon als Schulbürgermeisterin von Stuttgart Schirmherrin der Initiative Kinder Diabetes Stuttgart e. V. (Kidis) geworden war. Denn auch der Schulbeirat der Stadt fand vor zwei Jahren auf diese drängenden Fragen keine Antwort.

Kranke Kinder werden selbstverständlicher Teil der Klasse

Für die Waldschule eröffnete sich damit der Weg zur Grundschule, mit der die private Einrichtung im Degerlocher Georgiiweg ihr Angebot von Realschule und Gymnasium komplettieren und auf regelmäßige Anfragen von Eltern reagieren wollte: „Um eine private Grundschule gründen zu können, braucht man ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Schulleiter Kai Buschmann. Nun war es mit dem viel beklagten Defizit gefunden, denn man habe einen wirklichen Bedarf decken wollen und obendrein bereits Erfahrung mit drei Jugendlichen , die seit der siebten Klasse von dieser Erkrankung betroffen sind. Die Verhandlungen mit Kultusministerium, Regierungspräsidium und Stadt seien positiv verlaufen. Als Anerkennung und Genehmigungen im Juli 2017 vorlagen, „haben wir uns auf den Weg gemacht“. Mit einer Urkunde, auf der Kultusministerin Susanne Eisenmann ihre Schirmherrschaft für dieses Inklusionsprojekt unterzeichnet hat.

„Wir bieten damit die erste und einzige Grundschule für die betroffenen Kinder in Deutschland an“, betont Johann Heinrich von Stein, Vorsitzender des Trägervereins der Waldschule, die auf das 1872 von Heinrich Mozer gegründete „Mozer’sche Privatinstitut“ zurückgeht. Denn bisher gebe es nur acht Diabetes-Internate für pubertierende Jugendliche ab 13 Jahren. „Für Kinder mit Diabetes bringt der Schulalltag zusätzliche Herausforderungen“, sagt Eisenmann. Das Schulprojekt an der Waldschule sorge dafür, dass die Kinder ganz selbstverständlich Teil der Klassengemeinschaft bleiben können und die Themen Ernährung und Bewegung besonders beachtet werden.

Investition von 7,6 Millionen Euro

Starten wird die Grundschule noch im Altbau. Mit drei Bauabschnitten für einen neuen Musiksaal, Räume für die Ganztagsbetreuung, neue Technikräume und eine Überbauung des Pausenhofes erreicht die Investition ein Volumen von 7,6 Millionen Euro. Das Land, so von Stein, beteiligt sich mit 1,7 Millionen Euro, verteilt über zehn Jahre. Drittmittel, sprich Spenden, einzuholen sei nun eine vordringliche Aufgabe.

Schlaflos ist deshalb niemand in der Waldschule. Im Gegenteil: „Wir sind personell hervorragend aufgestellt“, sagt Buschmann und präsentiert die neue Leiterin der Grundschule: Kerstin Vollmer, 32 Jahre alt, erfahren in Montessori-Pädagogik, die auch hier gilt – offen, durchlässig, mit viel Material und dem Profil Mint, Abkürzung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Unterstützt von zwei weiteren Lehrkräften. Eine Kinderkrankenschwester, eine Diätassistenz und speziell geschulte Lehrkräfte sorgen für einen sicheren Tagesablauf. Die Eltern sollen ihre Kinder gut behütet wissen. „Aber nicht gluckenhaft“, so Buschmann, „sondern als Einübung in die Selbstständigkeit.“

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