Waldschule in Degerloch Hier lernen die Schüler im eigenen Takt
Die Waldschule Degerloch feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum. Das Ziel, Lernen individueller am Schüler auszurichten, hatte schon der Gründer Heinrich Mozer.
Die Waldschule Degerloch feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum. Das Ziel, Lernen individueller am Schüler auszurichten, hatte schon der Gründer Heinrich Mozer.
Sonnenschein über der Waldau. Die U7 entlässt eine Schar Kinder und Jugendliche in Richtung Waldschule. Neben Gymnasium und Realschule samt Realschulaufsetzer ist seit 2021 auch die anno 2018 gestartete Grundschule anerkannt. Ein Kapitel, das an die Wurzeln der Lehranstalt anknüpft: Gegründet wurde die Waldschule 1872 als Kindergarten und Elementarschule. Neben dem Mörike-Gymnasium, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1836 zurückreichen, ist sie die älteste Privatschule der Stadt.
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Kai Buschmann, seit 2006 Schulleiter am Georgiiweg, ist stolz auf den staatlichen Segen für die Grundschule, der kurz vor dem 150-Jahr-Jubiläum der Degerlocher Institution erteilt wurde. Ein Spaziergang war dieses Kapitel der Schulgeschichte nicht. Auch aus Gründen, die zunächst nicht vorhersehbar waren. „Ich wusste, dass ich als Gymnasiallehrer mich erst mal in die Grundschulpädagogik würde hineindenken müssen“, blickt Buschmann zurück. „Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde, genügend Grundschullehrer zu finden.“ Überraschend viel Zeit nahm dann aber auch die Auseinandersetzung mit dem Baurecht in Anspruch. Es ging um die Forderung nach genügend Fahrradständern für die Schüler, ungeachtet der Tatsache, dass sie erst ab Klasse 4 mit dem Rad zur Schule kommen dürfen. Es ging um die Vorgabe, eine ausreichende Zahl an Pkw-Stellplätzen zu schaffen, trotz perfekter U-Bahn-Anbindung. Buschmann seufzt und deutet aus dem Fenster: „Hier war mal ein wundervoller Garten mit Blumen“, sagt er. „Jetzt haben wir Parkplätze.“
Den neuen Schulzweig hat man aber eben auch. Und ein pädagogisches Konzept, das die stellvertretende Schulleiterin Karin Schneider sichtlich begeistert. Unter dem Motto „Lernen im eigenen Takt“ und frei von Noten sollen schon die Jüngsten lernen, sich Inhalte selbst zu erarbeiten und individuell gefördert werden. Der Leitsatz der Montessori-Pädagogik, „Hilf mir, es selbst zu tun“, prägt den Unterricht und den Alltag an der Degerlocher Ganztagsschule von der Einschulung bis zum Abitur. Immer im Einklang mit dem staatlichen Bildungsplan.
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Es gehe darum, Spielräume zu nutzen und eigene Wege zu finden, die Auflagen zu erfüllen, so Kai Buschmann. Ein Beispiel: Im Gymnasium wie an der Realschule ist in Baden-Württemberg eine „Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen“ (GFS) vorgesehen. Eine Präsentation oder Hausarbeit. In der Waldschule gibt es eine GFS-Woche, die zusätzlich Kompetenzen vermittelt. Schüler lernen zu recherchieren, korrekt zu zitieren oder Präsentationen zu erstellen. So wird die verbreitete elterliche Hilfestellung, die zur GFS-Verballhornung „Ganze Familie schafft“ geführt hat, zugunsten der Eigenleistung ausgehebelt.
Die Ausrichtung am Individuum zeichnete die Schule schon früh aus. Buschmann war selbst überrascht, im Zuge der Spurensuche zum Jubiläum auf Aufzeichnungen zu stoßen, in denen das Bezirksinspektorat, die damalige Schulaufsicht, lobend hervorhebt, das Mozersche Privatinstitut von Heinrich Mozer versuche Kinder, die im staatlichen Schulsystem Schwierigkeiten hätten, mit eigenen Mitteln zu fördern. Das war um die Jahrhundertwende. „Ich hätte erwartet, zwischen dem Kaiserreich und heute mehr Brüche zu finden“, gesteht der heutige Schulleiter. Stattdessen fand er einen roten Faden. Seit den 1960er Jahren gibt es eine weitere Kontinuität: Die Stärkung der Naturwissenschaften. Damals wurden fortschrittliche Fachräume eingerichtet. Heute hat schon die Grundschule ein Mint-Profil. „Seltsamerweise gibt es das oft in Kindergärten und an Gymnasien, aber selten in Grundschulen“, stellt Karin Schneider, selbst Physiklehrerin, fest. Auch ein Forscherclub für Fünftklässler zeugt von der Bedeutung der Mint-Fächer. Andererseits gibt es Neigungskurse für Sport oder den musischen Bereich: gemeinsame Angebote für Realschüler und Gymnasiasten. Die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen und das Gemeinschaftsgefühl aller Waldschüler ist ein zentrales Anliegen.
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1903 hatte das Töchterinstitut, das, nach dem Tode Mozers, dem Zeitgeist entsprechend eingerichtet wurde, 70 Schülerinnen. Derzeit besuchen 830 Schülerinnen und Schüler die Waldschule. In Präsenz. Zwischenzeitlich musste sich auch die Privatschule mit Fernunterricht herumschlagen. Insgesamt sei man gut durch die Coronazeit gekommen, resümiert Kai Buschmann. „Natürlich war es auch für uns eine dramatische Situation“, betont er. „Dass wir die Selbstständigkeit unserer Schüler fördern, hat sich aber spürbar ausgezahlt. Ich denke, dass wir 2021 den besten Abi-Schnitt unserer Geschichte hatten, spricht für sich.“