Waldschule in Stuttgart-Degerloch Eine Klausel gegen Elterntaxis

Von Tilman Baur 

Mütter und Väter fahren ihre Zöglinge immer öfters direkt vors Schultor. Mit gefährlichen Folgen. Die Waldschule in Stuttgart-Degerloch probiert jetzt etwas dagegen.

Bequem für die Kinder, wenn das Elternauto nach Schulschluss wartet. Aber ist es eine gute Lösung? Foto: dpa
Bequem für die Kinder, wenn das Elternauto nach Schulschluss wartet. Aber ist es eine gute Lösung? Foto: dpa

Degerloch - Einst war der Schulweg zu Fuß eine Selbstverständlichkeit, heute ist er das ganz offensichtlich nicht mehr. In den 1970er Jahren gingen 91 Prozent der Schüler zu Fuß zur Schule, mittlerweile sind es nur noch 17 Prozent. Die Folge: Vor den Schultoren stauen sich die Elternautos – und gefährden andere Kinder.

Während in Stuttgart Schulamt, Stadt, Polizei und Förderverein mit dem Projekt „Sicher zu Fuß zur Schule“ dem allgegenwärtigen Phänomen der Elterntaxis entgegenzusteuern versuchen, geht die Degerlocher Waldschule eigene Wege. Teil des Schulvertrags ist dort ein Passus, der Eltern dazu anhält, ihre Kinder möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bringen. Den Anstoß dazu hätten die Sorgen der Nachbarn gegeben, erklärt der Schulleiter Kai Buschmann. Weil die Waldschule neuerdings Grundschule ist, hätten Anwohner eine Zunahme an Elterntaxis befürchtet.

„Im Hinblick auf die Erstklässler gab es die berechtigte Frage, ob die Eltern ihre Kinder nun vermehrt mit dem Auto bringen. Deshalb haben wir ganz bewusst gesagt, dass wir das in den Schulvertrag schreiben und die Eltern darum bitten, ihre Kinder mit dem öffentlichen Nahverkehr zu bringen.“ Bei dem Passus handelt es sich freilich nicht um eine Vorschrift – diese könnte die Schule gar nicht selbstständig erlassen –, sondern um eine unverbindliche Absichtserklärung.

Gute Chancen, dass die Eltern mitziehen

Die Chancen stehen trotzdem gut, dass die Eltern mitziehen. Protest gegen den Passus sei ausgeblieben. „Wir haben hier eine günstige Situation, weil die Stadtbahnhaltestelle nur zwei Minuten entfernt ist“, so der Schulleiter. Eine schulinterne Zählung im vergangenen Jahr habe ergeben, dass von 650 Schülern 450 mit der Stadtbahn gekommen sind. Zwischen 80 und 100 werden Buschmann zufolge mit dem Auto gebracht.

Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend zum öffentlichen Nahverkehr fort. Ein Drittel der Kinder hat bereits ein Scool-Abo, andere ein Monatsticket. „Über den Daumen gepeilt kommt schon jetzt die Hälfte der Kinder mit dem ÖPNV. Das wird sich noch steigern, wenn sie sich näher kennenlernen“, glaubt Buschmann. Bald würden sich Fahrgemeinschaften bilden, bei denen ein Elternteil gleich drei oder vier Kinder in die Schule bringt.

Kein Massenauflauf befürchtet

Derzeit sind die Erstklässler noch im Bestandsgebäude untergebracht, später ziehen sie in den Neubau, dessen Zugang am Keßlerweg liegt. „Falls dann jemand mit dem Auto kommen sollte, kommt er aus einer anderen Ecke“, so Kai Buschmann, einen konzentrierten Massenauflauf am Königsträßle und Georgiiweg könne man so vermeiden.

Eine Blaupause für andere Schulen will Buschmann in dem Vertragspassus nur bedingt sehen. „Es kommt natürlich darauf an, wie Schulen an den ÖPNV angebunden sind. Es gibt Schulen, wo man weit laufen muss oder die nur mit dem Bus angefahren werden – das ist immer eine schlechtere Situation“, sagt er. Wo Schulen ans Stadtbahnnetz angeschlossen seien, sehe das anders aus: Durch Aufklärung, Werbearbeit und Appelle könne man da viel erreichen.

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