Waleri Gergijew und Münchner Philharmoniker Die Hintergründe zum Rauswurf des Stardirigenten

Eine Koryphäe auf seinem Gebiet: Waleri Gergijew Foto: dpa/Peter Kneffel

Der russische Dirigent der Münchner Philharmoniker wollte sich nicht von seinem Freund Putin und dessen Krieg gegen die Ukraine distanzieren und muss nun gehen. Bereits vorher gab es Unstimmigkeiten. Die Folgen könnten teuer werden.

München - Es kam, wie es kommen musste. In München hatte kaum jemand erwartet, dass Waleri Gergijew der Aufforderung des Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD) Folge leistet. Dieser hatte von dem Chefdirigenten der Philharmoniker bis zum Montag verlangt, sich „eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere auch gegen unsere Partnerstadt Kiew führt“. Und so teilte Reiter am Dienstagvormittag kurz vor 10 Uhr mit, dass sich die Stadt von Gergijew trennt und es „ab sofort keine weiteren Konzerte“ unter seiner Leitung geben werde.

 

Das ist eine fristlose Kündigung, ein sofortiger Rauswurf. Der weltweit hoch geschätzte russische Stardirigent, 2015 in den Konzertsaal im Gasteig geholt, ist ein Freund des Präsidenten Wladimir Putin, den er schon in der Vergangenheit immer wieder unterstützt hatte.

Farbe bekennen, trotz Schmerz

Die Philharmoniker werden von der Stadt München getragen. Derzeit wird der Gasteig saniert, als Interimsquartier wurde die viel gelobte „Isarphilharmonie“ im Stadtteil Sendling errichtet.

Dort hatte Stefan Mayerhofer letztmals ein von dem Maestro dirigiertes Konzert gehört. Mayerhofer ist Vorsitzender des Vereins „Freunde und Förderer der Münchner Philharmoniker“. Es war Freitag, der 8. Oktober 2021, das Eröffnungskonzert in der neuen Spielstätte. Beethoven und Ravel standen auf dem Programm sowie die Uraufführung eines Werkes des französischen Gegenwartskomponisten Thierry Escaich. „Es war ganz toll, wunderbare Musik“, erinnert sich Mayerhofer.

Und nun – alles vorbei mit dem 68 Jahre alten Waleri Gergijew. „Das schmerzt sehr“, meint der Vereinsvorsitzende. „Ich fand Gergijew immer sehr nett, sehr warmherzig, sehr offen. Wir hatten eine gute Beziehung, es gab sehr schöne Momente.“ Dennoch stehen die Philharmonie-Freunde ganz eindeutig hinter dem Kurs der Stadt. „Putin führt einen Angriffskrieg gegen ein souveränes, europäisches Land“, sagt Mayerhofer. „Da muss man klar Farbe bekennen.“ Und: „Der Fall zeigt auch, wie zerbrechlich alles ist.“

Andere Konzertveranstalter trennen sich ebenfalls

Waleri Gergijew wird in München nicht mehr zum Taktstock greifen, auch wenn etwa mit seinem Namen noch „Klassik am Odeonsplatz“ beworben wird. Da sollte er Tschaikowsky und Dvoraks Neue-Welt-Symphonie dirigieren. Die Engagements in der westlichen Welt schmelzen ihm in diesen Tagen dahin wie Eis in der Sonne.

Die Wiener Philharmoniker haben ihm Konzerte in New York abgesagt, die Mailänder Scala hat sich von ihm getrennt, ebenso wie das Lucerne Festival im schweizerischen Luzern und das Festspielhaus Baden-Baden. Auftritte wären sicherlich auch praktisch kaum möglich, würde es doch an den ganzen Orten zu großen Protesten gegen Gergijew kommen. Auch hat er nun niemanden mehr, der sich um seine Aktivitäten kümmert, denn seine Münchner Agentur Felsner Artists hat sich ebenso von ihm getrennt. Aufgrund des „kriminellen Kriegs“ gegen die Ukraine, so teilte Felsner Artists mit, sei es ihnen „unmöglich und eindeutig unerwünscht“, weiter die Interessen von Gergijew zu vertreten. In Russland hingegen leitet er weiterhin das Mariinski-Theater in St. Petersburg.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass München nicht erst seit der neuesten Entwicklung mit Gergijew einiges hatte aushalten müssen. So war es schon im Dezember 2013 bei einem Gastauftritt des Dirigenten zu Protesten vor dem Gasteig gekommen. Gergijew hatte ein Anti-Schwulen-Gesetz Putins unterstützt. Danach hatte er gemeint, er habe dessen Inhalt nicht gekannt und für ihn gelte null Toleranz bei Ausgrenzung und Diskriminierung. Der Start als Chefdirigent bei den Philharmonikern 2015 war in Gefahr, weil er mit anderen russischen Künstlern 2014 einen offenen Brief unterzeichnet hatte, der die Besetzung der Krim durch Russland befürwortete. Andere Künstler und Intellektuelle in Russland hatten die Einverleibung der Halbinsel scharf kritisiert. Mit einem weiteren Brief in eigener Sache konnte sich Gergijew aus der Affäre ziehen: „Der Dialog darf nicht abreißen, niemals!“ Und die Musik sei der beste „Brückenbauer“.

Wie geht es weiter?

Wie geht es nun weiter? Gergijew hat in München einen Vertrag bis zum Ende der Spielzeit 2024/25. Die Höhe seines Gehaltes ist strengstes Geheimnis, auch wenn es aus Steuergeldern aufgebracht wird. Beobachter schätzen, dass er jährlich rund eine Million Euro aus München erhält. Lässt sich der Vertrag vorzeitig beenden? Dazu schweigen die Stadtspitze und das Kulturreferat. Für sehr denkbar wird aber gehalten, dass man den Dirigenten bis 2025 ausbezahlen muss.

Zur Person

Karriere
 Der 1953 in Moskau geborene Waleri Gergijew absolvierte ein Dirigenten-Studium am Rimski-Korsakow-Konservatorium in Leningrad und leitete etwa das Armenische Staatsorchester und die Kirow-Oper. Seit 1996 ist er Intendant des Mariinski-Theater in St. Petersburg. 2015 kam er zu den Münchner Philharmonikern.

Vorfall
 Bislang hat sich Waleri Gergijew nicht zum Krieg Russlands gegen die Ukraine geäußert. Bis zum Dienstag gab es keine Reaktion des Dirigenten auf seinen Rauswurf bei den Philharmonikern. In Edinburgh trat er nach erheblichem Druck am Montag als Ehrenpräsident des renommierten Edinburgh International Festivals zurück.

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