„Walküre“ in Stuttgart Drei Inszenierungen sind keine zu viel

Szene aus Hotel Moderns erstem Akt von „Die Walküre“ mit Michael König (Siegmund, links), Simone Schneider (Sieglinde) und Goran Juric (Hunding) Foto: /Martin Sigmund

Hotel Modern, Urs Schönebaum und Ulla von Brandenburg erarbeiten an der Stuttgarter Staatsoper Richard Wagners „Die Walküre“, und der Dirigent Cornelius Meister hält beim „Ring“ alle Fäden des Werks zusammen.

Gerade in dieser Zeit, wo es sich darum handelt, die Gattung ‚Oper‘ auf neue Grundlagen zu stellen und die Grenzen dieser Gattung neu zu bezeichnen, ist es eine wichtige Aufgabe, Urformen dieser Gattung herzustellen.“ Das schrieb Kurt Weill, Bertolt Brechts Hauskomponist, über seine Schuloper „Der Jasager“ von 1930. Der Musiker und der Dramatiker wollten, mit allen damals zur Verfügung stehenden medialen Mitteln und durch das Offenlegen der Produktionsbedingungen, ein nicht bourgeoises Publikum anziehen. Derart hielten die Verfremdungseffekte Einzug ins Musiktheater.

 

Figurenspieler und Kameraleute

Hotel Modern, ein niederländisches Künstlerkollektiv, das in der Staatsoper beim neuen Stuttgarter „Ring“ den ersten Aufzug von Richard Wagners „Walküre“ inszeniert, knüpft im Zeitalter von Netflix, das die Oper nicht krisensicherer macht, noch einmal hochkreativ an diese grundsätzliche Haltung an. Figurenspieler und Kameraleute in Personalunion begleiten und kommentieren die Szene im Großen Haus, indem sie ihre Modelle und Figuren, die rings um die Spielfläche im Miniaturformat angeordnet sind, live abfilmen. Das Ergebnis bildet den Hintergrund auf der Leinwand. „Die Walküre“ spielt zunächst in oder nach der Endzeit. Eine Art Postapokalypse beginnt mit einem Marionetten-Rattenrennen zwischen Häuserruinen und umgekippten Panzern, geknickten Starkstrommasten und in weiten Schneelandschaften (deren Flocken aus der Dose geschüttelt werden): Der Krieg ist in diesen Bildern die Krankheit der Menschheit an sich. Beklemmende Prophetie.

Betont wird das Kreatürliche

Über eine Stunde hinweg haben die sterbenden und sich paarenden Ratten in Stuttgart in jedem Moment enorme sinnliche Evidenz (wie sie die Hasen hatten in Christoph Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“): Sie betonen das Kreatürliche im Universalen, ein echter Wagner-Grundgedanke. Auf der Ebene der Sänger braucht es dann im Setting nicht mehr viel mehr als einen Stuhl: Aus einem Bein des Möbels gießt Sieglinde pantomimisch Wasser in Siegmunds Hand, schräg gestellt über ihren Köpfen bildet das Requisit ein Dach. Beide sind Traumatisierte, aber so sind sie geschützt. Ein Trugschluss, natürlich.

Die Heterogenität der „Walküre“, das erzählte und erinnerte Miteinander von Wälsungen-Tragödie, Wotan-Erinnerungsmythos und beginnender „Siegfried“-Handlung, hat in der Inszenierung von Hotel Modern gerade wegen der Rückgriffe auf ein quasi Brecht’sches Modell eine immense utopische Kraft. So ginge, vielleicht, auch der Rest des Stücks zu erzählen. Aber die Stuttgarter Dramaturgie hat anders entschieden: Urs Schönebaum (2. Aufzug) und Ulla von Brandenburg (3. Aufzug) gehen wesentlich stärker von einem historischen szenischen Zitat aus. Ohne direkte Absprache zwischen den Regieteams setzt Schönebaum die fast meditative Statik der Personenführung fort. Ausnahmsweise jedoch stört Stehen in Rampennähe hier kaum. Wotan (Brian Mulligan, es ist nicht unbedingt sein Tag) konserviert in distinguierter Erscheinung das neunzehnte Jahrhundert, wie es in Bayreuth beim Jahrhundert-„Ring“ 1976 Patrice Chéreau und in Stuttgart Jean-Pierre Ponelle taten.

Nebel wallt kunstvoll

Nebel wallt kunstvoll, der zweite Aufzug ist ein schwarzes Lichtspiel, dem Fricka (wohldosiert pathetisch: Annika Schlicht), Siegmund (Michael König) und Sieglinde (Simone Schneider) vokale Highlights aufstecken. Brünnhilde (Okka von der Damerau) ist eine zunächst minimal flackrige, später (Todverkündigung!) in sich ruhende Tochter. Dass der zweite Aufzug in der praktizierten Finsternis nicht auf der Stelle tritt, verdankt sich der seit dem „Rheingold“ noch einmal verfeinerten Arbeit des Dirigenten Cornelius Meister, der musikalisch Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges in eindrucksvoller Weise verschränkt. Überhaupt hat Meister mit frappierender Arbeit an Details (ein Beispiel nur: Goran Jurics gefasst brutaler Hunding) stets im Sinn, was Richard Wagner als „unendliche Melodie“ verstand: Er dirigiert mit einem ungeheuren Formverständnis, immer hat er das gesamte Werk, seine motivischen Verflechtungen und seinen Ausgang im Blick. Nie trumpft er auf mit Aha-Momenten, alles wirkt organisch entwickelt. Hellwach und klangschön selbst im Exzess korrespondiert das Stuttgarter Staatsorchester.

Künstlerische Autonomie

Die Künstlerin Ulla von Brandenburg schließlich betont, wie ihr Vorgänger Schönebaum, szenische Autonomie und überantwortet vor allem das Geschehen vor dem Feuerzauber einem opulenten Farbbad in Wellendekorationen, changierend zwischen Barock und Pop-Art. Selten einmal waren die allesamt von Esther Dierkes bis Anna Werle vokal fantastischen Walküren pointierter charakterisiert, aber auch nie näher dran an Rudolf Steiners anthroposophischem Hintergrund. Wo, wenn nicht in Stuttgart, wäre so etwas am Platz? Fast homöopathisch dosiert fällt Wotans Abschied von der Tochter aus, die in einem Himmelbett unter den Mond gelegt wird. Das Stuttgarter Publikum reagiert unterschiedlich; große Parteinahme wie Ablehnung galt vor allem dem Konzept von Hotel Modern. Drei Inszenierungsteams indes sind hier keines zu viel.

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Die Walküre
 Weitere Vorstellungen sind am 18., 23. und 29. April sowie am 2. Mai. Es gibt noch Restkarten unter 07 11 / 20 20 90 und unter www.staatsoper-stuttgart.de.

Siegfried
Das dritte Stück des „Rings des Nibelungen“ kann man in der nächsten Saison erleben. Es ist keine Premiere, sondern eine Wiederaufnahme der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus dem Jahr 1999. „Die Götterdämmerung“ folgt ebenfalls 2022/23.

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