Das Satyrspiel nach den Tragödien: Martin Walser legt seinen neuen Roman „Die Inszenierung“ vor – und beschreibt das Treiben der Geschlechter.

Stuttgart - Das Krankenhaus ist ein Ort, an dem sich Schicksale kreuzen. Jäh herausgerissen aus dem Alltag und seinen Erwartungen, konfrontiert mit Hinfällig- und Hilflosigkeit, kommt man in dieser unprivaten Intimität auf manches. Und manches kann dort unverhofft zu Tage treten. Dann verwandelt sich das Zimmer, dem der Besucher sich quasi auf Zehenspitzen nähert, in eine Bühne, dann wird glorios aufgetreten und entschieden abgegangen, wird mono- und dialogisiert, wird gelacht, geweint, gedroht, geflüstert, dann werden Anklagen und Geständnisse formuliert, auch stumme Handlung ist denkbar, und manchmal fällt ein Schuss.

 

Jedenfalls in Martin Walsers neuem Roman, der sich die theatralischen Möglichkeiten des Krankenhauszimmers in jeder Hinsicht zunutze macht und den Titel „Die Inszenierung“ trägt. Die wichtigsten Dramatis Personae in der Reihenfolge des Auftretens: Professor Augustus Baum, bekannter Theaterregisseur. Ute-Marie Wiese, 29-jährige Nachtschwester und Augustus’ Geliebte. Dr. Gerda Baum, Nervenärztin, mit Augustus verheiratet seit 29 Jahren. Lydia, Augustus’ Assistentin und ehemalige Geliebte. Andreas Breitenmüller, genannt Vinze, Ute-Maries Verlobter. Sie führen einen Dialogreigen mit dem nach einem Schlaganfall vorübergehend erblindeten, aber dank Ute-Maries tatkräftiger Hingabe praktisch genesenen Regisseur auf. Der wiederum versucht nicht nur, via Lydia seine Inszenierung der Tschechow’schen „Möwe“, sondern auch seine diversen Selbst- und Liebesinszenierungen im Griff zu behalten.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel, dessen Regeln von den Spielenden immer wieder neu gesetzt werden. Und da Gegenstand wie Preis des Spiels etwas sehr Ernstes ist, muss man jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen – und kann sich zugleich auf Überraschungen gefasst machen.

Das Satyrspiel nach den Tragödien

Obwohl Walser auch in diesem Buch viel vom „Unglücksglück“ der Liebe ohne Gegenliebe, von „Abhängigkeit, Wahn und Wirklichkeit“ (so der Titel von Dr. Gerdas druckfrischem Buch), von Herrschaft und Unterwerfung handelt, mutet „Die Inszenierung“ auf weite Strecken an wie das Satyrspiel nach den Tragödien. Anders als im „Muttersohn“, als im „Dreizehnten Kapitel“ hat hier der Tod nicht das letzte Wort. Vielmehr zeigt das Leben in vielen Spielarten – Begehren, Aufschub, Erfüllung, Witz, Eitelkeit, Verführung, Hoffnung, Verständnis, Großzügigkeit, Kunst – seinen hartnäckigen Widerstand gegen die Vernichtung.

Aus dem Vorgänger, dem Korrespondenz-Roman „Das dreizehnte Kapitel“, ragen zwei lange Briefe aus transatlantischer Ferne in diesen Theater-Roman hinein, und die darin aufscheinende Geschichte – es geht um Augustus’ Freund, dessen langjährigen Geliebten und die zutiefst verletzte Ehefrau – gibt die herzzerreißende Folie ab für das abwechslungsreiche Geschehen im Krankenzimmer. Nun sind Tschechows Drama und eine Reihe von Augustus’ früheren Regiegroßtaten, Shakespeares „Romeo und Julia“ und Sophokles’ „Antigone“, ja nicht gerade Konversationskomödien, Gleiches gilt für Goethes Ehedrama „Stella“, dessen beide Fassungen Augustus im Umgang mit Dr. Gerda und Nachtschwester Ute-Marie im Wechsel vorschweben. Dennoch bekommt das Hin und Her zwischen Liebesschwüren und Verzweiflungsanfällen durch die dauernde Reverenz ans Theatralische eine grimmige Heiterkeit. Und immerzu folgen auf schwärzeste Sätze – „Ich habe geglaubt, es sei alles vorbei. Ich habe geglaubt, ich hätte alles hinter mir. Ich habe geglaubt, ich halte es jetzt aus. Ohne alles.“ – die neueste Kantinenintrige und „Regieanweisungen“ wie: „Es kommt zum Kuss. Beide sind gleichermaßen beteiligt.“

Augustus Baum, der Regisseur, der gleich eingangs sagt, „dass ein Regisseur auch nur eine Rolle ist“, erweist sich als Figur, die ihrem Autor einen auffallend selbstironischen Umgang mit sich selbst und seinesgleichen ermöglicht. Dr. Gerda etwa bringt den Mann mit analytischer Unbestechlichkeit dazu einzuräumen, dass ihm noch für jede seiner Affären eine sublimierende Verwendung in der jeweils aktuellen Regiearbeit eingefallen ist. Eine kreative Skrupellosigkeit, die sich unter anderem auch darin ausdrückt, dass der „Promi-Regisseur“ (Ute-Marie) sich immerzu ihm interessant scheinende Bemerkungen seiner Frauen notiert.

Und die Ehefrau macht ihm die Hölle heiß

Auf die Dauer, so lautet ein Gesetz im Leben wie in der Literatur, kann so viel kunstgarnierter Eigennutz nicht gutgehen. Nachdem die Ehefrau ihm die Hölle heiß gemacht hat und die Geliebte, laut eigenem Bekunden eine „unterwürfige Frau mit starkem Willen“, sich doch für den Verlobten entschieden zu haben scheint, versucht Augustus in einem großen Monolog eine „Selbstrettungs-Aktion“: „Ich klage an vor dem Gerichtshof der Liebe. Erster und einziger Anklagepunkt: Herrschsucht. Ihr, Dr. Gerda und Ute-Marie, ihr seid, so verschieden ihr sein mögt, ein Herz und eine Seele. Wenn es um den Mann geht. Ihr verlangt seine Unterwerfung. (. . .) Das ist euer Ein und Alles. Herrschen. Und dieses Herrschen nennt ihr Liebe.“ Das ist nicht nur sehr lustig vor dem Hintergrund dessen, was Augustus zuvor an Manipulationsversuchen vom Stapel gelassen hat, sondern auch als Reminiszenz an die komischen Klagen betrogener Betrüger in der Weltgeschichte der Komödie.

Glücklicherweise geschieht kurz darauf das, was in diesem Buch alle naslang passiert: eine unerwartete Wendung. Und dann noch eine. Eine unerwartete Wendung stellt recht besehen das ganze Buch dar. Martin Walser, hoch in seinen Achtzigern, schreibt jetzt mit einer Freiheit, die angetan ist, das Spiel zu gewinnen.

Martin Walser: Die Inszenierung. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 176 Seiten, 18,95 Euro.

Der Autor ist am 12. September im Stuttgarter Literaturhaus zu Gast (Moderation Julia Schröder). Am 26. September erscheint das Hörbuch zum Roman, gelesen von Corinna Harfouch, Franziska Petri, Ulrike C. Tscharre und Hanns Zischler (Argon Verlag, 24,95 Euro).