Herr Schoefer, es ist zwar Hochsaison, aber mit der Hälfte der früheren Passagierzahl. Warum gibt es dennoch Warterei und Stress?
Beim Fliegen ist man besser vor dem Virus geschützt als in Bussen und Bahnen. Hier muss jeder mindestens einen Nachweis über sein Testergebnis oder die Impfung bringen. Der Prozess, den der Passagier durchläuft, dauert daher länger als früher. Halbwegs zügig geht es nur bei innerdeutschen Flügen.
Macht das bei der Sicherheitskontrolle einen Unterschied?
Dort nicht, aber beim Check-in und am Gate beim Boarding. Da müssen die Airlines zusätzliche Dokumente kontrollieren. Doch auch an den Sicherheitskontrollen haben sich in Spitzenzeiten längere Wartezeiten aufgebaut.
Maximal zehn Minuten sollen es sein. Wie war das jetzt an den starken Tagen?
Es waren manchmal leider bis zu 30 Minuten. Dabei arbeiten alle Beteiligten mit einem sehr hohen Qualitätsanspruch und dem Willen, Schwachstellen zu beseitigen. Die Probleme rühren von der Kurzatmigkeit des Geschäfts in der Pandemie her. Der Flugplan der Airlines ändert sich alle 14 Tage. Außerdem erschweren Hygieneregeln und Maskenpflicht natürlich das Arbeiten.
Die Anpassung ist immer noch schwer?
Wir müssen lernen, was es bedeutet, wieder die Volllast zu fahren, aber unter Coronabedingungen. Man kann nicht wie früher sagen, wir haben nur 50 Prozent Passagiere, daher brauchen wir auch nur 50 Prozent des Personals und der Terminals. Wir brauchen alle Terminals und in Spitzenzeiten alle Fluggastkontrollstellen. Das Auf und Ab des Aufwands über den Tag ist aber viel ausgeprägter als früher. Das macht allen operational zu schaffen.
Und die Konsequenz?
Wir müssen die Menschen bitten, sehr rechtzeitig am Flughafen zu sein. Mindestens zwei Stunden vor dem Flug, wenn es in gefragte Urlaubsgebiete geht, sogar mehr.
Befreit die Wiederzunahme der Passagierzahl den Flughafen-Chef wenigstens von den schlimmsten Coronadepressionen?
Zufrieden können wir damit nicht sein. Das erste Halbjahr 2021 war deutlich schlechter als das erste Halbjahr 2020, denn damals gab es bis Mitte März zweieinhalb Monate noch vollen Betrieb. Dass wir nun wieder auf 50 Prozent der Vor-Corona-Zahlen kommen, ist natürlich Zeichen einer positiven Entwicklung. Wir können nur hoffen, dass der Sommer für uns nicht mit den Sommerferien endet, sondern am besten am 31. Oktober. Da läuft der Sommerflugplan aus.
Und wenn es nicht so lang gut geht?
Dann können wir 2021 mit der Passagierzahl kaum mehr in eine Größenordnung kommen wie 2020, als auch schon ein hohes Defizit von über 90 Millionen Euro entstand.
Kann man nur auf Besserung warten? Gibt es keine neuen Geschäftsmodelle?
Wir sind durchaus proaktiv tätig, erkunden mit den Airlines den Markt und spüren Trends nach. Einige strategische Weichen haben wir schon vor Jahren gestellt, wie sich nun zeigt, genau richtig: Mithilfe zur Ansiedlung der Messe, Entwicklung der Airport-City mit Büros und Entwicklung einer Verkehrsdrehscheibe mit Flughafen, Fernbahnhof, Busbahnhof und Stadtbahnanschluss. Momentan überlegen wir strategisch, was wir an Infrastruktur für die Energieversorgung noch aufbauen müssen.
Wo liegt die Herausforderung?
Wenn Wirklichkeit werden soll, was in der Koalitionsvereinbarung der Landesregierung steht, müssen wir strukturell sehr viel tun. Wir haben einen Masterplan Klima und Energie mit dem Ziel, spätestens 2050 klimaneutral zu sein. Das müssen wir auf 2040 vorziehen. Da steckt ein enormes Investitionsprogramm dahinter. In dem Zustand, in dem sich die FSG wegen der Pandemie befindet, kann sie das aus eigener Kraft nicht stemmen. Das wird eines intensiven Austausches mit den Gesellschaftern bedürfen.
Wie verändert die Pandemie das Kräfteverhältnis zwischen den Flughäfen?
Es scheint, dass sich der deutsche Luftverkehr im Moment stark auf Frankfurt ausrichtet. Vielleicht konzentrieren die schwer geforderten Airlines ihre Aktivitäten bewusst auf diesen Airport mit Mittellage in Deutschland. Es könnte aber auch daran liegen, dass die Verkehrsdrehscheibe dort sehr ausgeprägt ist. Ich fühle mich jedenfalls bestätigt in unseren jahrelangen Bemühungen um einen Fernbahnanschluss und eine Verkehrsdrehscheibe hier am Landesflughafen.
Was bleibt dem Airport hier? Langstreckenflüge wird es nicht geben, Kurzflüge sind aus Klimagründen nicht gewollt, Bahnfahrten sollen sie ersetzen.
Wo es ein vernünftiges Angebot der Bahn gibt, akzeptieren es die Menschen schon heute von sich aus. Bei Hamburg und Berlin sehe ich da Fragezeichen. Außerdem bin ich nicht sicher, ob die Menschen bei regulatorischen Eingriffen gegen Zubringerflüge noch häufiger mit dem Zug nach Frankfurt oder München fahren. Vielleicht fliegen sie dann von hier nach Paris, Amsterdam oder London und von da weiter. Die Umwelt hat dann keinen Vorteil, aber den Langstreckenflug machen die Reisenden dann nicht mit der Lufthansa. Das gefährdet dort Arbeitsplätze. Verantwortliche Politik wird das bedenken und diese Flüge deshalb kaum verbieten.
Man könnte an der Verkehrsdrehscheibe doch auch Koffer in Züge zum Frankfurter Flughafen einchecken.
Ich sehe im Moment noch niemand, der das als Geschäftsmodell begreift und es bezahlt.
In Kürze geht Ihre Kollegin. Sie stehen erst mal allein da, gehen auch bald. Endet beim Flughafen die Kontinuität?
Allein stehe ich nicht da. Das Wiederbesetzungsverfahren ist von der Personalkommission des Aufsichtsrates schon angestoßen. Außerdem haben wir eine sehr gute und eingespielte zweite Führungsebene. Und bis ich gehe, wird die Stabilisierung der FSG hoffentlich ein gutes Stück weiter sein. Aber eine längere Frist zwischen den beiden Wechseln wäre vielleicht hilfreich gewesen.
Arina Freitag und Sie waren nicht gerade ein Herz und eine Seele.
Es war bei ihr eine persönliche Entscheidung, wie ihr Berufsweg aussehen soll. Wir haben uns ganz gut zusammengefunden in den letzten eineinhalb, zwei Jahren. Und wir haben jetzt im Krisenmanagement sehr geschlossen und gut agiert. Bis hin zum Hilfeschrei nach einem Sonderprogramm, damit wir unsere Fixkosten im Lockdown bezahlen konnten. Wir erhalten für 2020 ja auch 30,9 Millionen Euro von Bund, Land und Stadt.
Dieses Jahr gibt es nichts?
Ich glaube nicht. Aber wir sind froh über den erleichterten Zugang zu Kurzarbeitsunterstützungen. Die Krise wird allerdings nicht am 31. Dezember 2021 vorbei sein, und leider kann man die FSG nicht gegen das Virus impfen. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass wir vor 2025 oder 2026 in Größenordnungen zurückkommen, wie es 2019 war. Wir stehen vor einem gewaltigen Transformationsprozess hin zum klimaschonenden Fliegen in einer neuen Normalität. Das bedeutet für uns große finanzielle Herausforderungen.
Zur Person
Vita
Walter Schoefer wurde am 11. März 1956 in Stuttgart geboren. Er ist seit September 1999, also seit rund 22 Jahren, Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) für den Bereich Non-Aviation (Immobilien, Infrastruktur und Kommunikation) sowie für Personal, Einkauf und Recht. Seit Kurzem, seit das Unternehmen dem Mitbestimmungsgesetz unterliegt, fungiert er auch als Arbeitsdirektor. Seit 2017 ist er Sprecher der Geschäftsführung, der zuvor Georg Fundel angehörte und im Moment noch Arina Freitag angehört. Schoefer ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Weissach.
Vorige Tätigkeit
Schoefer ist Jurist, ehemaliger Rechtsanwalt und ehemaliger Beschäftigter beim Land Baden-Württemberg. Von 1989 an war er Persönlicher Referent des Ministers Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU), zuerst im Ministerium für Kultus und Sport, dann im Finanzministerium des Landes. Dort fungierte er von 1994 an als Generalreferent Haushalt (Grundsätze der Haushaltspolitik), später zusätzlich als stellvertretender Abteilungsleiter Haushalt. 1998 wurde ihm die Leitung der Stabsstelle Neue Steuerung und Umwandlung von Landeseinrichtungen übertragen.