Walter Sittler wird 70 Immer der schöne, sympathische Held

Walter Sittlers Rollen: schöne, sympathische, begehrenswerte Helden und niemals der Bösewicht, den er auch gerne gespielt hätte Foto: dpa/Marijan Murat

Er ist der bekannteste Schauspieler, den Stuttgart zu bieten hat: An diesem Montag wird der Publikumsliebling Walter Sittler 70 Jahre alt. Was er sich wohl zum Geburtstag wünscht?

Gute Figur macht er auch hinterm Kinotresen. Routiniert schenkt er im Stuttgarter Atelier einen Sekt-Orange nach dem anderen aus, mit einer Sturheit und Präzision, als wäre die unermüdlich an seiner Seite werkelnde Popcornmaschine sein Vorbild. Zum Aufblicken lässt ihm der Job keine Zeit, weshalb seine Tarnung erst spät auffliegt: Hinter der Theke arbeitet Walter Sittler, als Schauspieler ein Star, mit seinen Bühnenprogrammen beliebt und als Filmproduzent ein Trouble-Shooter, wie man ihn sich nur wünschen kann. „Wenn Not herrscht, springe ich ein“, sagt er und hilft dem Personal, den Besucherandrang zu bewältigen. Popcorn ist nicht gefragt. Es läuft der Dokumentarfilm „Leonie und der Weg nach oben“.

 

Die Matinee fand am vergangenen Sonntag statt, und das zentrale Interesse galt nicht Walter Sittler. Das wird erst am kommenden Montag so sein, wenn er seinen siebzigsten Geburtstag feiert, im engsten Freundeskreis in seiner Wohnung im Lehenviertel.

70? Er sieht aus wie 50!

70? Der Best-Ager sieht aus wie 50 und ist der einzige in Stuttgart lebende Schauspieler, der bundesweit bekannt ist. Aber auf seinen Ruhm kommt es jetzt nicht an, jetzt tritt er als Produzent hinter der Regisseurin zurück. Sehr intim, aber nie indiskret hat seine Frau Sigrid Klausmann die letzten fünf Jahre ihrer Mutter mit der Kamera begleitet. 2021 ging Leonie nach oben, diese einfache, kluge Frau, die ihren berühmten, 1952 in Chicago geborenen Schwiegersohn sehr mochte – und er, umgekehrt, auch sie.

Bei Leonies ausgelassenen Familienfeiern ist Sittler immer mit dabei. Im Film beugt er sich zu der Frau hinab, lädt sie freundlich zum Tanz und führt sie sanft zurück zum Sofa. Unverstellt, nicht inszeniert. Und die Pointe dabei: Das Image, das wie Kaugummi an ihm klebt, ist kein Image, sondern echt. Der Familienmensch hat tatsächlich das Zeug, der „Schwarm aller Schwiegermütter“ zu sein. Und wer ihn kennt, weiß, woher das Zeug, der Charme, die Fürsorge kommen: von Herzen.

Leiser, bedächtiger – sittlerischer

Das klingt nach Kitsch, ist aber wahr und im vom Ehrgeiz zerfressenen Filmgeschäft eine Seltenheit. Walter Sittler hat trotzdem Karriere gemacht, als Publikumsliebling, der so hohe Quoten einfährt, dass nicht allein Schwiegermütter vorm Fernseher sitzen können. 2007 startete das ZDF die auf Gotland spielende Krimireihe „Der Kommissar und das Meer“, auf die jüngst „Der Kommissar und der See“ folgte. Seit fünfzehn Jahren gibt er die Titelfigur des Robert Anders, der auch in der alten Heimat am Bodensee anders ermittelt als die Kollegen: leiser, bedächtiger, ausgleichender. Man kann sagen: sittlerischer.

Die Rolle ist ihm auf den Leib geschnitten und doch nicht die einzige, die ihm steht. Er kann auch komisch sein. Saukomisch. Als Dr. Robert Schmidt hat er mit der RTL-Sitcom „Nikola“ zwischen 1996 und 2005 Fernsehgeschichte geschrieben – und bewiesen, dass auch Deutsche beste Comedy können.

Die mehrfach preisgekrönte Glanzleistung verschaffte Sittler den Durchbruch beim Publikum. Fortan folgte Film auf Film, der elegante Beau wandelte auf dem Boulevard und rutschte doch nie aus. Seine Rollen: schöne, sympathische, begehrenswerte Helden und niemals der Bösewicht, den er auch gerne gespielt hätte. Aber als Böser wird er nicht besetzt: „Mein Äußeres entspricht nicht dem Bild, das unsere Fernsehmenschen von Schurken haben.“

Sein Engagement gilt „Kleinen Helden“

Er nimmt’s gelassen und freut sich an den Abermillionen von Zuschauern, die er auch als Guter mit seiner Fernsehkost erreicht. Das verschafft ihm ungeheure Popularität – und den Zielen, für die er als politischer Zeitgenosse seit je mit Leidenschaft streitet, Aufmerksamkeit.

Er war das bekannteste Gesicht der Protestbewegung gegen Stuttgart 21. Dagegen zu argumentieren fällt dem Aktivisten noch immer leicht, auch wenn sein Engagement heute vorrangig „199 kleinen Helden“ gilt, dem Doku-Projekt mit gewaltigem Anspruch: Es will Kinder aus allen Ländern der Welt auf dem Schulweg begleiten und ihre Ängste, Wünsche und Hoffnungen einfangen.

38 Filme hat seine Frau Sigrid Klausmann schon gedreht, jetzt muss Geld eingeworben werden für weitere Helden-Episoden. Deshalb fährt der Netzwerker kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag noch zu den Grünen nach Berlin. Und was wünscht sich der Jubilar sonst noch zum Geburtstag? „Dass die Menschen alle Diktatoren in die Wüste schicken.“ Bösewichte liebt Walter Sittler wirklich nur im Kino.

Ein Mann im Schnee. Walter Sittler gastiert mit seinem Kästner-Programm am 22. Dezember im Stuttgarter Theaterhaus. Der Film „Leonie und der Weg nach oben“ ist am 4. Dezember nochmals im Atelier-Kino zu sehen.

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