Wandel an der Tübinger Straße in Stuttgart Lennart eröffnet – bleibt Loretta?

Eröffnen am  1. Februar das Lennart: Dawit Porwich, Michael Hanna und Daniel Dietel (v.li.) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 9 Bilder
Eröffnen am 1. Februar das Lennart: Dawit Porwich, Michael Hanna und Daniel Dietel (v.li.) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Wandel an der Tübinger Straße geht weiter: Am Donnerstag geht gegenüber vom Galao mit dem „Lennart“ die nächste Bar an den Start. Loretta Petti kämpft derweil für den Fortbestand ihrer Kultur-Oase. Ihre Chancen stehen gut.

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Stuttgart - Eine Stadt ist nur so unverwechselbar wie ihre Orte, die nicht austauschbar sind. In einer Stadt wie Stuttgart, die sich durch stadtplanerische Selbstironie auszeichnet, indem sie Unorte wie den Österreichischen Platz tatsächlich „Platz“ nennt, sollte man Treffpunkte wie das Alimentari da Loretta unter Kulturschutz stellen. Dieser so köstliche Ort im Stuttgarter Süden mit seinem Mittagstisch, den man in der offenen Küche bestellt, als sei man einmal im Leben richtig abgebogen und direkt in Italien gelandet, ist eigentlich viel zu gut für eine Stadt, die sich sonst nur noch über die höchste Primark- und dm-Dichte definiert. Umso lauter war der Aufschrei vor wenigen Wochen, als bekannt wurde, dass Loretta Petti, ihr Mittagstisch und die angeschlossene Kulturgarage mit ihren feinen Lesungen und Konzerten in Gefahr sind. Der (neue) Hausbesitzer wolle ihr samt ihrer Mischung aus Nahrung für Leib und Seele kündigen, hieß es.

In einer Petition für den Erhalt der Preziose kamen online und im echten Leben rund 3000 Unterschriften zusammen. „Die Unterstützung ist ermutigend“, sagt Petti, für die sich Vereine wie die Anstifter genauso einsetzen wie Theater und das italienische Kulturinstitut. „Von der Stadtverwaltung hätte ich mir mehr Engagement erhofft. Wenn die kleinen Kulturlocations verdrängt werden, geht der Stadt die Vielfalt verloren“, sagt die 67-Jährige, und betont, dass es ihr nicht nur um sich selbst geht , sondern um eine Gesamtbetrachtung des Areals rund um den superhippen Marienplatz: „Ich finde die Entwicklung der Tübinger Straße positiv. Die Stadt verliert aber das Gesamtbild aus den Augen, nämlich sprunghafte Mieterhöhungen und das Verprellen alter Mieter.“

Sehen Sie in unserer Multimedia-Reportage: Die Stadtentwicklung in Stuttgart am Beispiel Gerberviertel.

Die Tübinger Straße hat sich in einer beinahe unglaublichen Art verändert

Was Loretta Petti, diese Ureinwohnerin des Südens – sie ist seit 1996 vor Ort – meint, ist die unglaubliche Entwicklung der Tübinger Straße zwischen Marienplatz und Paulinenbrücke. Noch vor wenigen Jahren war diese Strecke eine Durchgangsstraße mit hohem Schräg­gastro-Faktor. In den vergangenen Jahren haben mit der Sattlerei, dem Café Misch Misch, dem Vintage Markt und dem Café-/Galerien-Hybrid Kernweine an der Straße viele unverwechselbare Orte eröffnet.

Am Donnerstag kommt mit der Bar Lennart ab 18 Uhr eine weitere Anlaufstelle hinzu. Dawit Porwich, Michael Hanna und Daniel Dietel, Letzterer zuletzt in der Bar an der Augustenstraße tätig, haben eine ehemalige Pinte mit Glücksspielautomaten in eine Nachbarschaftskneipe verwandelt. Kilometerlange Bar, Industrielampen darüber, im Hintergrund eine 100-Glühbirnen-Konstruktion. In wenigen Wochen soll das bestehende Fenster noch durch eines ersetzt werden, das bis zum Boden reicht und komplett geöffnet werden kann: für vertikales Cabrio-Feeling sozusagen.

Whiskey, Gin und Mezkal für die Nachbarschaft

Das Lennart, das so heißt, weil der Name laut Michael Hanna eine gute Phonetik aufweise, setzt auf gute Biere, Cocktails und ein sauberes Angebot in den Bereichen Whiskey, Gin und Mezkal. „Eine ‚Dive Bar‘“, wie Dawit Porwich (36), zuletzt Geschäftsführer im Paul & George, erklärt, wobei der Begriff „Dive Bar“ im Fachjargon eben einen unkomplizierten Nachbarschaftstreff meint. Wieder was gelernt.

Ferner sieht das Vorhaben der drei ­Betreiber wie folgt aus: „Kein Instagram, kein Facebook, kein WLAN und sicher ­keine SUVs vor der Tür“, formuliert der ­48-jährige Michael Hanna die unterstützenswerten Ziele. Die drei Betreiber sind keine Lautsprecher, sondern pflegen den selbstironischen Ton: Hanna ist neben seinem Job als Fahrstuhlprüfer auch Künstler und hat im hinteren Bereich der Bar im ­beliebten Banksy-Stil eine Ratte auf den unteren Teil einer Tür gemalt, zusammen mit einem höflichen „Fuck Lennart“.

Der Anwalt des „Alimentari-Hausbesitzers“ klingt vorsichtig optimistisch

Der Entwicklung ihrer eigenen Bar sehen die drei genauso entspannt entgegen wie dem Wandel an der Tübinger Straße, bei dem viele mittlerweile vor einer Gentrifizierung warnen, vor der Verdrängung der Alteingesessenen – siehe Loretta Petti. Vielleicht kann das Kippen der Straße in Richtung hippster Laufsteg der Stadt mit dem Signal der Erhaltung von Loretta ja aufgehalten werden.

Anwalt Roger Gabor, der die Interessen des Hausbesitzers vertritt, in dem sich das Alimentari da Loretta befindet, verrät auf Anfrage unserer Zeitung, dass sich die beteiligten Parteien in aussichtsreichen Vergleichsverhandlungen befänden. Wir hören vorsichtigen Optimismus heraus: Nach knallharter Kündigung klingt das jedenfalls nicht (mehr). Bei allem Wandel bleibt also auch die Hoffnung auf Fortbestand an der richtigen Stelle.




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