Deutschland fährt den Betrieb runter. Urlaubszeit. Akku aufladen. Abstand vom Arbeitsalltag gewinnen. Oder, wie es dann immer heißt, die Seele baumeln lassen. Deutschland einig Freizeitland. Mittlerweile verstärkt sich jedoch der Eindruck, dass die Seele über dem Abgrund baumelt – so krisenhaft und perspektivlos, wie die deutsche Wirtschaft momentan dasteht.
Immer lauter wird die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten angezweifelt
Es sind vor allem Verbände, Unternehmen und ihnen nahe stehende Politiker, die auf breiter Front ihr Narrativ durchsetzen wollen. Demnach sind die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitverantwortlich für die Misere des früheren Exportweltmeisters, der in Länderrankings schlecht dasteht. Beklagt wird, dass die Deutschen bei der Jahresarbeitszeit im OECD-Vergleich auf dem letzten Platz stünden. Der Mythos von den deutschen Tugenden Fleiß, Disziplin, Pflichtbewusstsein et cetera ist nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Heute wird in Arbeitgeberkreisen vor allem die Botschaft vermittelt: Wir müssen mehr arbeiten, denn Wohlstand ohne Leistung habe es nie gegeben und werde es auch nicht geben.
Einhergehend mit den Problemen der Betriebe im Wandel wird immer offener die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten angezweifelt. Und vielfach wird davor gewarnt, dass der Staat sich keine Vollkaskomentalität mehr leisten könne. Dies geht vor allem in Richtung Gewerkschaften, die unverdrossen auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen hinarbeiten. Tatsächlich wird seit dem Ende der Coronazeit allzu oft über Arbeitserleichterungen und eine Ausweitung des Sozialstaats diskutiert: über Viertagewoche, Homeoffice, Worklife-Balance, Absicherung des Rentenniveaus, Zuwächse beim Bürgergeld und ähnliches. Auch zielt der individuelle Wunsch der Beschäftigten auf weniger statt mehr Arbeit: Teilzeit statt Vollzeit, Rente mit 63 statt 67.
Alte Gewissheiten zählen nicht mehr
Doch nun ist ein Kipppunkt erreicht. Die goldenen Zeiten sind vorbei, und es gilt, sich von alten Gewissheiten zu verabschieden. Zum Beispiel wird die deutsche Industrie nicht mehr von der Innovationsfähigkeit ihrer Ingenieure getragen, weil die Wettbewerber aufgeholt haben. Auch wächst die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen nicht mehr so stark, wie es notwendig wäre – konkurrierende Nationen haben dank modernster Technik rasant aufgeholt. Was rechtfertigt somit noch die hohen Arbeitskosten in Deutschland?
Derweil nimmt das Stressgefühl zu: Der allgemeine Personalmangel, die Digitalisierung und vor allem der massenhafte Zugang zur mobilen Arbeit führen zu einer erhöhten psychischen Belastung. Laut den Krankenkassen wächst die kollektive Erschöpfung inklusive Ausfällen der Beschäftigten.
Umgekehrt betrachtet gibt es genügend Menschen, die arbeiten wollen, aber nicht mehr arbeiten dürfen, weil sie von den Unternehmen an den Rand geschoben wurden. Und da viel über Fremde geredet wird, die das deutsche Sozialsystem vermeintlich nur ausnutzen wollen, muss zwingend ergänzt werden, dass die Arbeitsmoral von Migranten oftmals vorbildhaft hoch ist; man müsste sich diese nur zunutze machen.
Was wollen wir im globalen Wettbewerb erreichen?
Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften – eigentlich alle – sind gefordert: Wer mehr Erwerbsbeteiligung will, um die Personalknappheit zu begrenzen, muss die Arbeitsmotivation und -identifikation fördern. Ein Kulturwandel lässt sich nicht mit flotten Sprüchen wie „Mehr Bock auf Arbeit!“ herbeireden. Es bräuchte eine ideologiefreie Analyse, was in einer hochdynamischen Welt wirtschaftlich erreicht werden soll: Soll das Erreichte lediglich bewahrt werden – oder gelingt eine neue Offensive? Wie diese Zukunftsaufgabe bewältigt wird, beeinflusst tatsächlich das Wohl der Gesellschaft.