Wanderaktion eines Stuttgarters Künstler will 3000 Kilometer in einem Jahr wandern – ohne zu sprechen

Daniel Beerstecher will schweigend durch Deutschland wandern und dabei anderen zuhören. Foto: Beerstecher

Der Stuttgarter Künstler Daniel Beerstecher startet am 20. Juni zu einer Schweigewanderung durch Deutschland. Er will dabei ein Jahr lang nicht sprechen.

Neben Installationen, Collagen und Videos hat der Künstler Daniel Beerstecher in den vergangenen Jahren diverse Fortbewegungsprojekte realisiert, viele davon zu Fuß. Bei seiner einjährigen Wanderung durch Deutschland will der 45-Jährige zuhören, ohne zu sprechen. Ohne die üblichen Einwürfe könne eine Verbindung viel tiefer werden, findet er. Für die dennoch notwendige Kommunikation nimmt er Zettel mit – aus denen später Kunst werden könnte.

 

Herr Beerstecher, was hat Sie dazu bewogen, ein Jahr lang durch Deutschland wandern zu wollen?

Ich bin 2004 mal ohne Geld durch ganz Deutschland gelaufen und habe dabei festgestellt, dass man in unterschiedlichen Abschnitten des Landes zu unterschiedlichen Jahreszeiten auf ganz verschiedene Menschen trifft, was wiederum sehr unterschiedliche Erfahrungen bedeutet.

Weshalb haben Sie sich für rund 3000 Kilometer Wegstrecke in Deutschland entschieden und für Ihr Wanderprojekt nicht eine klimatisch mildere und architektonisch womöglich reizvollere Route im Ausland gewählt?

Obwohl ich selbst ein Jahr lang nicht sprechen werde, hat diese Entscheidung viel mit Sprache zu tun: Denn um den Leuten wirklich zuhören zu können und in Verbindung mit Ihnen zu treten, möchte ich verstehen, was sie mir erzählen.

Warum wollen Sie auf Ihrer Wanderung nicht sprechen?

Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der die Polarisierung immer mehr zunimmt. Mir geht es darum, dieser Entwicklung als Kontrast die Stille gegenüberzustellen.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Sie hat einen Künstler geheiratet. Ich plane das Projekt seit anderthalb Jahren und habe sie sehr früh in die Planung einbezogen und sie gefragt, ob es okay sei. Sie hat Ja gesagt, aber es gibt trotzdem viele Diskussionen.

Wie erfahren eigentlich unterwegs Menschen, dass Sie ihnen zuhören möchten, wenn Sie Ihnen das nicht sagen?

Zunächst mal gibt es Veranstaltungen wie die am 20. Juni in der Kirche St. Maria. Ansonsten werde ich ein kleines Kärtchen mit einer kurzen Projektbeschreibung dabei haben: Das werde ich Personen reichen und ihnen so vermitteln, dass ich zwar schweige, aber ihnen gerne zuhöre. Wahrscheinlich werde ich auch einen Aufdruck auf dem Hemd tragen, auf dem sinngemäß steht: Ich bin ein Jahr am Schweigen, aber ich höre Ihnen gerne zu.

Daniel Beerstecher Foto: Leah Giardin

In Ihrer Pressemitteilung ist davon die Rede, dass Sie Menschen bei „spontanen Begegnungen“ einladen möchten, „die Kraft des echten Zuhörens zu spüren“. Aber entfaltet „echtes Zuhören“ seine Kraft nicht gerade durch – im Idealfall empathische – verbale Reaktionen des Zuhörers?

Ich werde empathisch reagieren – aber eher durch Mimik und Gestik. Wenn wir beim Zuhören immer gleich Ratschläge erteilen, geben wir dem Sprechenden gar nicht mehr den erforderlichen Raum. Wenn einer schweigt, kann die Verbindung viel tiefer werden als mit den üblichen Einwürfen und Bewertungen

Aber worin unterscheidet es sich dann für den Sprechenden, Ihnen während Ihrer Wanderung etwas zu erzählen, statt gegen eine Wand zu reden?

Der Unterschied besteht darin, dass da ein wirklicher Zuhörer sitzt, und im Wissen, dass ich verstehe und annehme, was jemand sagt. Durch meine Reaktionen – ein Lächeln etwa – fühlt sich der andere verstanden. Wenn man ein Gegenüber hat, wird einem ganz anders bewusst, was man erzählt, als wenn man seine Gedanken alleine durch rattert. Und ich werde ein wirklich präsenter Zuhörer sein, auch weil ich mir nicht ständig überlegen muss, wie ich mich zum Gesagten äußern kann. Wenn man zum Beispiel einem Arzt erzählt, wie es einem geht, und der tippt das sofort in einen Computer rein, dann ist der nicht mehr wirklich präsent, und man hat hinterher das Gefühl, dass einem nicht zugehört wurde.

Falls Sie während Ihrer Schweigewanderung mit schmerzenden Füßen zum Arzt müssen – schreiben Sie Ihre Beschwerden dann auf einen Zettel?

Ja, ich würde versuchen, das schriftlich zu machen. Es ist Teil des künstlerischen Konzeptes, dass ich kleine Blöcke dabeihabe und dass die Zettel mein Archiv sind, welche Kommunikation wirklich nötig ist. Diese Zettel könnten später auch Teil einer Kunstinstallation werden.

Werden Sie für sich allein unter der Dusche singen, damit Ihre Stimmbänder nicht einrosten?

Wahrscheinlich werde ich beim Wandern manchmal ein kleines Liedchen vor mich hin singen, aber das hat dann nichts mit der verbalen Kommunikation mit anderen Menschen zu tun.

Sie haben mal die Marathon-Distanz von 42 Kilometern im Extremzeitlupen-Tempo innerhalb von 60 Tagen zurückgelegt, und Sie sind mit einem Vogel im Käfig auf dem Rücken 90 Kilometer durch Brasilien gewandert. Was fasziniert Sie am Gehen?

Zunächst mal ist es die Entschleunigung. Und viele Studien belegen, dass es uns schnell besser geht, wenn wir einen Spaziergang in der Natur machen. Wenn man länger unterwegs ist, passt sich die Atmung immer mehr dem Gehen an. In einer schnelllebigen Welt wirkt das sehr beruhigend. Die Sehnsucht, Ruhe im Kopf zu kriegen, erfüllt sich im Gehen. Dies mit künstlerischen Projekten zu verbinden, finde ich sehr spannend.

Andererseits sind Sie auch mal in einem Segelboot auf Rädern durch Patagonien gefahren . . .

. . . das Unterwegs-Sein und die damit verbundene Ungewissheit ist ein großes Thema für mich. In all meinen Projekten liegt auch die Möglichkeit des Scheiterns. Das Segelboot war eine wahnsinnige logistische, technische und finanzielle Herausforderung. Das Wanderprojekt jetzt ist eine große persönliche Herausforderung.

Der schweigende Wanderer

Künstler
Daniel Beerstecher wurde 1979 in Schwäbisch Hall geboren und lebt – wenn er nicht gerade auf Reisen ist – in Stuttgart, wo er auch an der Kunstakademie studiert hat. Seine Performances führten ihn unter anderem mit einem Grill in eine Baumkrone im Amazonas, mit einem Anzug in den Sarek-Nationalpark nördlich des Polarkreises und mit goldener Farbe in einen Käfig, der an einem Baum hing.

Wanderung
Seine 3000 Kilometer lange Route führt Beerstecher in den Nordosten Deutschlands bis nach Greifswald und in den Südwesten bis nach Freiburg. Auf seiner „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“ betitelten Wanderung will er vor allem zuhören. Man kann ihn unterwegs auch für ein paar Tage zu sich nach Hause einladen. Inspiriert von seiner Reise sollen danach unter anderem ein Buch und eine Installation entstehen. Mehr Informationen zur Schweigewanderung unter www.ich-hoere-zu.com.

Abschied
Direkt von einem Künstlergespräch am Freitag, 20. Juni, aus will Beerstecher zu seiner Wanderung aufbrechen. In der Stuttgarter Kirche St. Maria (Tübinger Straße 36) stellt er sich an diesem Tag von 19 Uhr an den Fragen des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich. Der Eintritt ist frei.

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