Wanderboom wegen Corona Immer mehr Menschen gehen wandern – und gefährden die Natur

Auch im Herbst noch sind vielerorts Wanderer unterwegs – wie hier in den Allgäuer Alpen. Foto: imago/B/runo Kickner
Auch im Herbst noch sind vielerorts Wanderer unterwegs – wie hier in den Allgäuer Alpen. Foto: imago/B/runo Kickner

Viele Menschen zieht es gerade in der Corona-Pandemie raus ins Grüne. Doch die massiv zunehmende Wanderlust hat auch Schattenseiten – vor allem für die Natur. Wie lassen sich Probleme vermeiden?

Volontäre: Sebastian Xanke (xan)
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Stuttgart - Eigentlich ist es eine positive Entwicklung, dass sich immer mehr Deutsche für einen Urlaub in der Region entscheiden und beim Wandern die Natur erkunden – vor allem für die lokale Wirtschaft, sagt Ute Dicks, Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbands. Eigentlich. Denn der durch die Coronavirus- Pandemie ausgelöste Wanderboom in Deutschland hat auch Schattenseiten. Viele Wanderwege sind überlaufen.

Die Folgen laut Ute Dicks: mehr Reibereien zwischen Natursportlern, zunehmende Müllverschmutzung auf und abseits der Wege und viel mehr Autos auf den Straßen. „In manchen Wanderregionen nahe den Ballungsräumen war der Landschaftsraum so stark nachgefragt, dass es bis hin zu Sperrungen von Wegen kam“, sagt die Geschäftsführerin des Wanderverbands.

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Einer, der das Geschehen aufmerksam verfolgt, ist Martin Schwenninger. Er arbeitet als Ranger im Naturschutzgebiet Wutachschlucht. Die Wutachschlucht gilt als eines der beliebtesten Wanderziele in Baden-Württemberg. Mit Ende der ersten strengen Corona-Verordnungen im Frühsommer seien die Besucherzahlen in der Schlucht stark gestiegen, sagt Schwenninger. „Die Parkplätze waren massiv überfüllt. Die Autos standen bis auf die Straße.“ Gekommen seien die Menschen aus der nahen Umgebung, aber auch aus Städten wie Stuttgart und Konstanz.

Wilde Camper stören die Natur

Wildes Campen mit dem Wohnmobil an Waldrändern und auf Waldparkplätzen nahm in der Folge stark zu, erzählt der Ranger. Das beunruhige die Natur: „Wenn zum Beispiel Menschen früh und spät rausgehen, um eine Runde mit ihren Hunden zu drehen.“ Viele wüssten nicht, dass Wildtiere große Angst vor dem Menschen haben. „Dann wird an den Steinen am Flussufer gewandert, wo man eigentlich nicht langlaufen darf.“ Tiere wie Eisvögel, Biber oder Wasseramseln störe das massiv.

Naturschützer wiederum ärgerten sich insbesondere im Sommer verstärkt über Wildcamper, die sich gerne einen beliebigen Platz auf Weiden oder in Wäldern aussuchen, um dort die Nacht zu verbringen. Wildcampen ist in Deutschland verboten. Vom Deutschen Albverein heißt es dazu: „Erlaubt ist lediglich das sogenannte Notbiwak.“ Das bedeutet: Wanderer dürfen am Berg übernachten, wenn sie von der Dunkelheit überrascht wurden oder sich verletzt haben.

„Unglaubwürdig wird dieses Argument, wenn Camper sehr gut ausgestattet in naher Lage zum Tal ihre Zelte aufbauen und vielleicht auch einen Grill und Bier dabeihaben“, teilt der Albverein mit. Besonders ärgerlich ist es, wenn Camper etwa durch laute Musik Tiere stören, Müll liegen lassen und ihre Fäkalien nicht vergraben.

Auch Ranger Martin Schwenninger beobachtet gänzlich abstruse Geschehnisse, wenn es etwa um die Notdurft von Campern oder Wanderern geht – und um fehlende Sanitäranlagen. „Viele haben nichts Eigenes dabei und verrichten ihr Geschäft im Wald.“ Im schlimmsten Fall lägen Reihen von Fäkalhaufen hinter Spielplätzen.

Weg von den Touristen-Highlights

Auch die Müllverschmutzung in der Wutachschlucht habe proportional zur Menschenmenge zugenommen. Das Problem: Selbst ein Taschentuch ist noch ein Jahr lang auf dem Waldboden sichtbar. Bananenschalen brauchen sogar bis zu fünf Jahre, um zu verschwinden. Auch Äpfel, die häufig mit Pestiziden durchsetzt sind, gehören nicht in die Natur. Bewusst ist sich dessen kaum jemand. Grundsätzlich seien die Menschen verständnisvoll, wenn er sie auf ihre Fehler hinweise, sagt der Ranger. In den meisten Fällen liege das Fehlverhalten an der Unwissenheit der Leute. „Bei manchen Menschen hat man aber schon den Eindruck, dass die Natur zur bloßen Kulisse verkommt.“

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Damit sich die Wandermassen entzerren, empfiehlt der Deutsche Wanderverband, „für den Herbst das gesamte Wegenetz einer Region stärker zu erwandern“. Konkret bedeute das, einen Abstecher in weitflächige Gebiete – etwa den Frankenwald, das Zweitälerland, das Spessart Räuberland oder die Sauerländer Wanderdörfer – zu unternehmen. Unter der Adresse www.wanderbares-deutschland.de bestehe die Möglichkeit, neue Wanderwege in Abhängigkeit von Schwierigkeitsgrad und Entfernung zum Wohnort zu entdecken.




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