Jürgen Rist muss dieser Tage oft an ein vollbepacktes Kamel denken. Das Telefon des Pilgerbeauftragten der evangelischen Landeskirche steht nicht still. Erst gerade eben hat er einen Bekannten beraten, der unter Depressionen leidet und jetzt auf den Jakobsweg gehen will. „Es ist wie bei dem biblischen Gleichnis. Wer so lange vollgepackt wird, der bricht am Ende unter einem Strohhalm zusammen.“
Drei Jahre Pandemie, Energiekrise, dazu ein Krieg, der nicht so schnell enden wird – viele Menschen veranlasst das offenbar, einen Rucksack zu packen und loszulaufen. Ein paar Tage lang nichts weiter machen zu müssen, als immer nur einen Fuß vor den anderen zu setzen – das klingt verlockend, wenn einem das Leben zu viel wird. Also los!
Heute muss auch keiner mehr sein Leben komplett aufgeben, um den Jakobsweg kennenlernen zu können. Stattdessen kann man sich bequem mit der Bahn auf den Weg machen. Von Stuttgart aus ist man in einer guten halben Stunde in Murrhardt. Von dort führt der Jakobsweg über Oppenweiler nach Winnenden und von dort über den Hanweiler Sattel, Strümpfelbach und Stetten nach Esslingen (siehe Karte). Eine bessere Route durch den Rems-Murr-Kreis gibt es nicht.
Und glaubt man Pilgerbegleiter Geoffrey Schwegler, der von Jürgen Rist ausgebildet wurde, ist das Pilgern tatsächlich nicht die schlechteste Methode, seine Gedanken zu sortieren. Schwegler, der als Sozialarbeiter in Backnang lebt, geht seit Jahren auf dem Jakobsweg wandern. Allein dreimal ist er den spanischen Teil des Weges gelaufen. Nach wie vor begleitet er Gruppen, manche davon in Etappen über Jahre hinweg.
Aber warum Pilgern? Was ist beim Pilgern denn nun anders als beim Wandern? Wichtig sei die Bereitschaft, sich auch innerlich auf einen Weg zu begeben, sagt Geoffrey Schwegler. Jakobspilger nehmen sich zum Ziel, das Grab des Heiligen in der spanischen Stadt Santiago de Compostela zu erreichen. Von Winnenden aus sind das knapp 2400 Kilometer. Aber Ziele haben auch andere Wanderer, das allein ist es also nicht. Wer wirklich pilgert, sagt Schwegler, der nimmt einen Stab in die Hand, hängt eine Muschel an den Rucksack und lässt sich einen Segen mit auf den Weg geben.
Beim Wandern durch den Rems-Murr-Kreis begegnet man etlichen Menschen, die den Weg gut kennen. In Aichelbach am Brunnen beispielsweise: Wanderer finden dort einen überdachten Sitzplatz, sogar mit Aschenbecher. Nur leider verrät kein Schild, ob der Brunnen Trinkwasser führt. „Einfach am nächsten Haus klingeln und die Flasche auffüllen lassen“, rät Susanne Pfitzenmaier. Jeder im Ort würde einem Wanderer diesen Gefallen tun, sagt sie. Sie tut es jedenfalls – und erzählt nebenher davon, wie die vielen Pilgerer, die schon an ihrem Haus vorbeigezogen sind, sie schließlich dazu brachten, sich selbst auf den Jakobsweg zu machen.
Santiago de Compostela rückt in die Nähe
Mit ihrem Mann und Freunden aus Australien wandert sie nun jedes Jahr eine Woche. So haben sie es inzwischen bis ins französische Besançon geschafft. Und das ferne Ziel Santiago de Compostela, das zunächst absolut unerreichbar schien, rückt jetzt allmählich doch in greifbare Nähe. Was fasziniert sie am meisten am Jakobsweg? „Die Begegnungen, die man unterwegs hat“, sagt Susanne Pfitzenmaier wie aus der Pistole geschossen.
An der Murr entlang geht es nach Zell idyllisch weiter. Und obwohl der Pfad hier ganz nah an Backnang verläuft, ist er so märchenhaft wild wie sonst nirgends auf der gesamten Strecke. Würden die Schüler von Hogwarts um die Ecke biegen, man müsste sich nicht wundern. Danach zieht der Weg bei Weissach eine gerade Linie durch weite Streuobstwiesen. Den Dresselberg hinunter gibt es Apfelbäume zu bestaunen, die wie Christbäume aussehen – dicht behangen mit fast schon unecht wirkenden, glänzend roten Kugeln. Nach einem steilen Anstieg zum Stöckenhof krönt ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch in Bürg den Tag.
Auch Birgid Weller schätzt die Begegnungen, die der Jakobsweg ihr schenkt. Die 77-Jährige, die früher als Ärztin auf einer Suchtstation des Klinikums Schloß Winnenden arbeitete, bietet allein reisenden Pilgerinnen seit vielen Jahren ein Bett für eine Nacht. An diesem Abend hat sie Kürbissuppe gekocht, zum Nachtisch gibt es Vanilleeis mit selbst gemachter Quittensoße. Am nächsten Morgen wird es ein nicht minder üppiges Frühstück mit frisch gepresstem Saft, Avocado, Trauben, Käse und drei verschiedenen Marmeladen geben. Obendrein packt Weller sogar noch eine Vesperbox für den Gast.
Bereitschaft für Veränderung
Damals, als sie noch gearbeitet hat, ist auch sie mit ihren Patienten mehrere Male auf dem Jakobsweg gewandert. Sie sagt, das habe seine Wirkung nicht verfehlt, auch wenn sich diese schwer in Worte fassen lässt. Einer ihrer Patienten drückte es so aus: „Wisset Se, Frau Doktor“, wandte er sich abends nach der Wanderung an sie, „jetzt ben i scho so lang bei Ihne, ond heut isch zom erschta Mol ebbas nore ganga in mir.“ Es hatte sich also auf gut Schwäbisch etwas bewegt. Aber der Wanderer muss auch bereit sein, sich verändern zu lassen – genau so, wie Geoffrey Schwegler es gesagt hat. Nicht der Weg ist das Ziel, wie es so oft heißt – sondern das Unterwegssein.
Tipps für den Wochenendtrip
Die Route
Eine der Hauptrouten in Deutschland führt über Rothenburg nach Rottenburg – und dabei auch durch den Rems-Murr-Kreis. Die Beschilderung ist so detailliert, dass man sich im Prinzip auch ohne Wander-App und Karten zurechtfindet. Es gibt aber zwei Baustellen, die nicht ganz einfach zu umgehen sind. An beiden Stellen hat das Jakobsweg-Team von Hans-Jörg Bahmüller eine Umleitung ausgeschildert.
Wochenendtrip
Wer von Stuttgart kommt, kann beispielsweise mit der Bahn nach Murrhardt anreisen, von dort bis Allmersbach wandern und auf dem Campingplatz der Gemeinde in einem Holzfass übernachten. Von Allmersbach wandert man dann entweder bis Endersbach und nimmt dort die S-Bahn – oder übernachtet in Weinstadt und wandert bis Esslingen weiter.