Wandern in Baden-Württemberg Wie nachhaltig ist der Wanderboom?

Beliebt: Wandern mit dem Partner oder mit Freunden Foto: picture-alliance/dpa

Die Pandemie hat das Wanderverhalten und den Tourismus auch in Baden-Württemberg verändert. In manchen Kommunen gab es einen regelrechten „Besucher-Tsunami“. Die Tourismusexperten haben zwei Trends ausgemacht.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Wandern im Ländle stand während der Pandemie bei vielen Menschen hoch im Kurs. Vereine und Tourismusverbände wollen sich jetzt darauf einstellen.

 

Was ist der Deutsche Wandertag?

Einmal im Jahr treffen sich bis zu 30 000 Gäste zum Deutschen Wandertag, jedes Mal in einer anderen Region. Ausrichter ist der Deutsche Wanderverband als Dachorganisation von 70 Gebirgs- und Wandervereinen mit zusammen 600 000 Mitgliedern. Im vergangenen Jahr fiel der Wandertag coronabedingt aus; er wird nun vom 30. Juni bis zum 4. Juli in Bad Wildungen bei Kassel mit reduziertem Programm nachgeholt. Nächstes Jahr wird das Remstal Gastgeber des Wandertages sein.

Gab es durch die Pandemie einen Wanderboom?

Manche Verantwortliche in den Kommunen sprechen sogar von einem „Besucher-Tsunami“ – und auch Umfragen deuten ganz klar auf einen Boom hin. So hat der Deutsche Wanderverband Städte und Tourismusverbände befragt: 92 Prozent der Befragten sagten, der Andrang habe zugenommen. Die Websites aller Tourismusverbände wurden wie verrückt geklickt: Etwa beim Tourismusverband Schwäbische Alb (SAT) stiegen die Zugriffe 2020 um 130 Prozent gegenüber dem Vorjahr, so Sprecherin Miriam Gairing. Beim Schwäbischen Albverein wurden 81 Prozent mehr Wanderkarten verkauft.

Wie nachhaltig ist der Boom?

Natürlich war oft nicht eine neu erwachte Wanderleidenschaft der Grund für die hohe Frequenz, sondern schlicht der Mangel an anderen erlaubten Freizeitbeschäftigungen in der Pandemie. Trotzdem sind die Touristiker optimistisch, dass ein größerer Teil der neuen Wanderer dabei bleibt. Martin Roscher, der Leiter des Amtes für Kultur und Tourismus in Albstadt, ist sich sicher: „Viele haben die Schönheit der Heimat entdeckt und werden wiederkommen.“

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Nun haben überall Überlegungen begonnen, wie man das Interesse verstetigen könnte. Eine Idee: das Wandern noch erlebnisreicher zu machen. Klaus Erber vom Deutschen Wanderinstitut sagt, dass die Kommunen Pakete rund um das Wandern stricken müssten. Dazu gehöre die Verknüpfung von Wanderangeboten, Unterkunft und Gastronomie.

Wie groß waren die Probleme wegen des Andrangs wirklich?

Stephan Seyl vom Schwarzwaldverein berichtet von Konflikten zwischen Wanderern und Mountainbikern, von zugeparkten Waldwegen und Feldrändern, von mehr Müll und in Einzelfällen auch von zertrampelten Wiesen. Andere nennen die Störung der Tiere oder unerlaubtes Campen. Aber die Probleme konzentrierten sich laut vielen Verantwortlichen vor allem auf die sonnigen oder schneereichen Wochenenden und auf touristische Hotspots. SAT-Sprecherin Miriam Gairing: „Bei neun von zehn Begegnungen gab es keine Probleme.“

Profitieren die Wandervereine vom neuen Boom?

Das ist aus Sicht der Vereine das Bittere: Sie haben wenig vom neuen Boom, denn der Trend zur individuellen und verpflichtungslosen Freizeitgestaltung ist auch beim Wandern sichtbar. Der Albverein und der Schwarzwaldverein bestätigen beide, dass es keine Zuwächse gegeben habe. Manche Mitglieder hätten sogar gekündigt, weil alle Veranstaltungen ausfielen, sagt Ute Dilg vom Albverein. Stephan Seyl vom Schwarzwaldverein verweist aber auf eine Kampagne, mit der man dafür wirbt, die Arbeit der Vereine für die unzähligen Wanderwege besser wertzuschätzen.

Langfristig gesehen verlieren die Wandervereine Mitglieder, Ortsgruppen sind oft überaltert. Der Schwarzwaldverein hat 60 000 Mitglieder. Beim Albverein sind es noch 91 000 – der Höchststand lag einmal bei 118 000 Personen. Klaus Erber weiß aus langjährigen Befragungen, dass es am beliebtesten ist, mit dem Partner oder mit Freunden zu wandern. Daran werde sich nichts ändern.

Was wollen die Tourismusverbände künftig besser machen?

Die Kommunikation mit den Gästen und Interessierten müsse man weiter verbessern, sagt SAT-Sprecherin Miriam Gairing. Und zwar nicht nur online: In Albstadt etwa nehmen in diesen Tagen zwei Traufgänge-Scouts ihre Arbeit auf, die draußen Fragen der Besucher beantworten und bei Problemen weiterhelfen.

Darüber hinaus sehen viele Kommunen und Verbände Investitionsbedarf in die touristische Infrastruktur: Es habe sich etwa gezeigt, dass mehr Wohnmobilstellplätze benötigt werden, so Gairing. Albstadt wird Parkplätze vergrößern und mancherorts ein Klo aufstellen.

Daneben hat Ute Stegmann von der Deutschen Bodenseetourismus GmbH festgestellt, dass im vergangenen Jahr klar ein Trend zum Urlaub in der Natur und auch zu nachhaltigen Tourismusangeboten erkennbar war. Das sieht auch Michael Gilg von der Schwarzwaldtourismus GmbH so. Nachhaltigkeit, umweltbewusstes Verhalten und Rückbesinnung auf die eigenen Werte seien vielen Menschen sehr wichtig; das gelte es, bei den touristischen Angeboten zu stärken. Insofern gibt es beide Trends: die „Eventisierung“ des Wanderns und die Rückbesinnung auf das Ruhige, Regionale und Ursprüngliche.

Als konkrete Lehre aus der Pandemie halten Wanderexperten künftig eine bessere Besucherlenkung für entscheidend. Ein Instrument dafür könnte die landesweite „Freizeitampel“ sein, die gerade entwickelt wird: Auf der Website www.freizeitampel-bw.de kann man nachschauen, wo es zu einem bestimmten Zeitpunkt voll werden könnte. Die Botschaft ist klar: lieber ein anderes Ziel aussuchen.

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