Wandern in Vorarlberg Dem Himmel ganz nah

Im Winter ist hier viel los. Doch im Spätsommer hat man den Zürsersee für sich allein. Er eignet sich für eine Pause nach dem langen Anstieg von Zürs. Hier verläuft die zweite Etappe des Wanderwegs „Grüner Ring“. Foto: Helge Bendl

Wandern, wo andere im Winter Ski fahren: In Vorarlberg führen die drei Etappen des „Grünen Rings“ über Almen und Bergkämme zu Seen und Wasserfällen. Ebenso spektakulär wie das Panorama der Natur ist eine Kunstinstallation in der hochalpinen Landschaft.

Lech - Glatt wie ein Spiegel liegt er da: Kein Windhauch kräuselt die Oberfläche des Monzabonsees. Schroffe Gipfel prägen das Panorama, viele davon hoch genug, dass in den Spalten der Schattenseiten bis in den Herbst hinein die Schneereste überdauern. Stahlblau ist der Himmel an diesem Morgen, graublau die Berge, dunkelblau der See. Dann aber blinzelt die Sonne über die 2632 Meter hohe Rüfispitze und bringt das Wasser zum Funkeln, ganz so, als habe es ein Magier in flüssiges Gold verwandelt. Die Natur bietet eines der schönsten Panoramen der Vorarlberger Alpen. Und die Menschen? Sitzen wahrscheinlich noch unten im Tal beim Genießerfrühstück. Sie wissen gar nicht, was sie hier oben alles verpassen.

 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, dichtete Hermann Hesse, der die Berge viel lieber hatte als das platte Land. Doch nicht immer ist der Start einer Wanderung derart spektakulär wie hier beim „Grünen Ring“, einer Tour rund um die Orte Lech, Zürs und Zug am Arlberg. Bergläufer und Trailrunner auf der Suche nach einer Herausforderung schaffen die knapp 25 Kilometer lange Strecke zwar in einem Rutsch. Doch die 1500 Höhenmeter im Aufstieg und 2500 Höhenmeter im Abstieg lassen sich einfach auf drei Tagesetappen verteilen – dann ist die Runde auch etwas für Familien. Ein Wanderbus fährt alle Start- und Zielorte an. So ist die Tour nicht nur entspannter: Man hat zudem Zeit, die hochalpine Landschaft zu entdecken.

Im Sommer tanken die Einheimischen Energie für die Skisaison

Los geht es also nicht mit einem Gewaltmarsch zu Fuß, sondern zur Schonung der Beinmuskeln per Seilschwebebahn. Laut Fahrplan startet der Betrieb um halb Neun, doch an der Talstation langweilt sich der Kontrolleur: Abseits der Sommerferien scheinen die Einheimischen Winterschlaf zu halten, um Energie zu tanken für die kommende Skisaison. Auch Besucher gibt es selbst am Wochenende nur wenige. So ist man völlig überraschend nur zu viert in der Gondel. In Windeseile geht es gut tausend Höhenmeter hinauf zur Bergstation auf den Rüfikopf. Den rühmen die Menschen unten in Lech als ihren Panoramaberg: Ist das Wetter perfekt wie an diesem Morgen, sind so viele Alpengipfel zu sehen, dass man sie kaum zählen kann.

Wer sich austoben will, bricht auf zu einer zackigen Gipfeltour auf die Rüfispitze, um sich dort ins Gipfelbuch einzutragen. Alle anderen Wanderer folgen dagegen der Beschilderung für den Grünen Ring hinab zum Monzabonsee. Dort haben schlaue Menschen eine Bank platziert, damit die Besucher eine Pause machen und ihre Gedanken niederschreiben. Ja, es gibt hier oben tatsächlich Stifte, Postkarten sowie einen Briefkasten, der angeblich einmal im Jahr geleert wird. Wann die Nachricht also den Empfänger erreichen wird, noch in 2020 oder erst 2021? Wie auch immer: Wer sich vorgenommen hat, im Urlaub der Hektik des Alltags zu entfliehen, kann hier anfangen, sich die Zeit dafür zu nehmen.

Rasten statt Rasen: Der Grüne Ring ist das Gegenstück zum berühmten Weißen Ring

Durchatmen, entschleunigen, innehalten: Darum geht es beim Wandern auf dem Grünen Ring. Die Tour ist der Gegenpol zum berühmten Weißen Ring: So heißt das Volksskirennen, das alljährlich im Januar auf der annähernd gleichen Route ausgetragen wird. Fünf Abfahrten und fünf Lifte im Herz von Ski Arlberg, der größten zusammenhängenden Wintersportregion Österreichs, bilden den Streckenplan der Skirunde. Wer das Rennen gewinnen will, sollte am besten schon zwei Tage zuvor beim Speed Race antreten: Hier werden die ersten hundert Startnummern an die Teilnehmer mit der höchsten Geschwindigkeit vergeben. 1000 Teilnehmer machen mit, der Rekord liegt bei 44:10:75 Minuten.

Im Sommer und Herbst lässt man es auf dem Grünen Ring deutlich ruhiger angehen – es gibt ja auch keinen Grund, beim Wandern zu hetzen. Kuchen, Kaffee und Bienenhonig statt Zucker zum Süßen serviert die freundliche Bedienung der Monzabonalpe, dann führt der Weg weiter abwärts durch das Pazüeltal. Dort gischtet ein Wasserfall, und knuffige Holzhütten säumen die Almwiesen. Eine der historischen Heuschober hat sich in eine Bibliothek verwandelt. Die Idee ist nett, die Auswahl im Regal dann aber doch arg beschränkt. Vielleicht haben inzwischen einfach zu viele Leute ihre Lektüre mitgenommen für die zweite Etappe auf dem Grünen Ring?

An diesem Wanderweg sind die Übergänge zwischen Kunst und Natur fließend

Dort gibt es nämlich den schönsten Platz zum Lesen. Erst geht es in Serpentinen zum Zürsersee, noch höher zum Madlochjoch, und schließlich über verkarstetes Gelände auf den Sattel zwischen Stierlochkopf und Zuger Mittagsspitze. Dort steht ein Biwak, das mehr ist als eine Notunterkunft für Wanderer. Lech-Zürs rühmt sich zwar als Weltgourmetdorf, weil es hier viele edle Unterkünfte mit Haubenrestaurants gibt. Doch wer sich vorher bei der Touristeninformation den Schlüssel abholt, kann in dem Kubus auf 2354 Metern eine Nacht verbringen. Wasser oder Strom gibt es nicht, sein Essen muss man sich mitbringen. Doch mit Blick auf die Aussicht und das nächtliche Himmelszelt gibt es gute Gründe, einmal nicht im Fünf-Sterne-Hotel, sondern in diesem rustikalen Viel-Sterne-Haus zu übernachten.

Wo endet die Natur, wo beginnt die Kunst? Am Grünen Ring sind die Übergänge fließend. Für den Themenweg haben sich ein Bildhauer und eine Schriftstellerin von den Flurnamen zu ziemlich witzigen Märchen über die Fabelwesen des 21. Jahrhunderts inspirieren lassen – der Wanderführer trägt den Titel „Samurai am Kriegerhorn“. Dann gab es eine Zeitlang Türen, die völlig frei mitten in der Landschaft standen.

Das Türen-Projekt ist seit letztem Herbst Geschichte, denn nun hat Lech ein neues Kunst-Highlight, der Höhepunkt der letzten Etappe des Grünen Rings. Auf der Alpe Tannegg bei Oberlech hat der Lichtkünstler James Turrell einen Skyspace eröffnet: In einem in der Erde verbuddelten Kuppelraum verändert sich die Beleuchtung langsam in Intensität und Farbe, bis die Besucher an die Grenzen ihrer Wahrnehmung geraten. Wenn das Wetter mitspielt, wird dann eine Luke im Dach geöffnet: Das Wechselspiel aus natürlichem und künstlichem Licht sorgt dafür, dass der Himmel nicht mehr blau wirkt, sondern wie von Zauberhand seine Farben wechselt.

Informationen

Anreise

Mit dem Auto (knapp 300 Kilometer) von Stuttgart über Ulm, Bregenz, Feldkirch und den Flexenpass. Oder mit dem Zug via Bregenz, Innsbruck oder Zürich. Der nächstgelegene Bahnhof ist Langen am Arlberg.

Unterkunft

Günstig kommt man in der Privatpension Haus Wöster in Lech unter. Ferienwohnung ab 78 Euro pro Nacht, www.ferienwohnung-in-lech.at. Familiär ist die Atmosphäre in der Frühstückspension Zöggeler. DZ ab 90 Euro, www.zoeggeler-lech.at. Das Vier-Sterne-Superior-Hotel Der Berghof bietet im Sommer das Arrangement „Für Bergfexe“ mit drei Übernachtungen mit Halbpension und Jause für die Wanderungen, ab 774 Euro, www.derberghof.at.

Aktivitäten

Der „Grüne Ring“ lässt sich in drei sehr entspannten Tagesetappen (sieben bis zehn Kilometer) erwandern. Mit der MyLech Card gibt es ein Freizeitticket für Bergbahnen, Ortsbus, geführte Themenwanderungen und das Waldschwimmbad. Zwei Tage 23 Euro, www.mylechcard.at. Der „Skyspace“ befindet sich auf der Alpe Tannegg und ist täglich ab einer Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang geöffnet, Eintritt frei. www.skyspace-lech.com

Allgemeine Informationen

Lech Zürs Tourismus, www.lechzuers.com, Vorarlberg Tourismus, www.vorarlberg.travel

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