Rund um Tübingen Vier neue Premiumwanderwege führen in das Reich der Stückle

Von Wolfgang Albers 

Wandern zwischen Obstbaumwiesen, Feldern und Wäldchen: Expeditionen in die vielfach unbekannte Nähe sind mit den neuen Premiumwegen im Landkreis Tübingen möglich.

Eine reizvolle Kulturlandschaft rund um Tübingen. Foto: Wolfgang Albers
Eine reizvolle Kulturlandschaft rund um Tübingen. Foto: Wolfgang Albers

Tübingen - Gibt es die legendären weißen Flecken auf der Erde noch? Es mag seltsam anmuten, mit dieser Frage auf den Landkreis Tübingen zu lenken. Definitiv keine unerforschte Wildnis, sondern ein intensiv genutztes Gebiet. Und doch sind manche Streifen für viele eine terra incognita. Es ist das Reich der Stückle, der Obstbaumwiesen, Felder, Wäldchen, der grasbewachsenen Pfade und schmalen Wege, die sich vielfach verzweigen oder sich windungsreich durch das Gelände schlängeln. Die Locals – wie man im Outdoor-Jargon die Einheimischen nennt – kennen sich natürlich aus.

Der Wanderer aber, der hier bisher so gut wie keine Wegweiser gesehen hat, muss schon ziemlich versiert mit der Karte sein, um die Orientierung nicht zu verlieren. Dabei ist dieses Fast-Niemandsland alles andere als eine langweilige Zwischenstation zu den bekannteren Zielen, sondern eine Kulturlandschaft, die für viele das Optimum an Natur darstellt: abwechslungsreich hinter jeder Wegecke, ein Rausch an Farben, mit Durch- und Fernblicken, auf Pfaden, die das sprichwörtliche g’mähte Wiesle sind – und nicht allzu sehr fordern. Mit anderen Worten: eine Steilvorlage für alle Premiumweg-Planer, die ja genau das suchen – und im Landkreis Tübingen fündig geworden sind. In Kooperation von Kreis und Kommunen sind in Mössingen und Ammerbuch unter der Dachmarke Früchteparadies vier neue Premiumwege ausgeschildert worden. Die Mössinger Runden starten hinter dem Ortsrand, in ein Gebiet mit rund 40 000 Obstbäumen, mit einem Boden, der hier, an den Ausläufern des Farrenberges, zu karg war, um als Acker genutzt zu werden. Aber als Obstwiese war er doppelt ertragreich: Auf den Wiesen rupfte das Vieh, vom Baum bediente sich der Mensch.

Kombination mit bestehenden Premiumwegen

Deshalb heißen sie Streuobstwegle und Leisawegle (nach den Linsen, die früher dort angebaut wurden). Das Wegle im Namen ist Programm: Die beide Runden sind kurz (3,6 und 4,8 Kilometer) und eher gemütlich. Aber sie lassen sich auch koppeln (6,3 Kilometer) und mit den bestehenden Premiumwegen Dreifürstensteig und Firstwaldrunde verbinden – das gäbe ein tagesfüllendes Unternehmen. Weil die Mössinger schon Erfahrung im Wegekonzipieren haben, haben sie die Verhandlungen mit Naturschutz und Eigentümern nicht gescheut und auch neue Wegpassagen geschaffen. Eine führt über eine bisher abgesperrte Weide mit Limousin-Mutterkühen, die dort mit ihren Kälbern grasen.

Bevor man den Elektrozaun passiert, gibt eine Tafel Unterricht im richtigen Umgang mit diesen Tieren. Die klare Ansage: „Eine Viehweide ist kein Streichelzoo.“ Also: Abstand halten, keine Streicheleinheiten. Und wenn jetzt die Kühe mit Kopfsenken, Schnauben, Brüllen eine eher ungute Kommunikation einleiten? Auf jeden Fall nicht den Rücken zuwenden, sondern – so rät die Tafel – im Notfall dem Tier einen gezielten Faustschlag auf die Nase geben. Was man nicht so alles lernt im Früchteparadies . . .

Wandern in der schwäbischen Toskana

So dramatisch geht es auf den zwei Runden, die am Friedhof des Ammerbucher Ortes Breitenholz beginnen, nicht zu. Die kleinere ist der 4,8 Kilometer lange Gigeleswegle (der sich mit der acht Kilometer langen Schönbuchspitzrunde kombinieren lässt). Gigele, so lernt der Zugereiste, heißt Ausschau halten. In die schwäbische Toskana, wie man die Schönbuchseite des Ammertals auch gerne nennt. Und wenn die Sonne die Steinmauern an den Rebenhängen aufheizt, wenn die Reihen der Obstbäume im Gegenlicht sich zum Himmel recken - dann ist die Assoziation gar nicht mehr so weit hergeholt. Diese Ecke ist tatsächlich verdammt schön. Und wenn man dann auf der Flanierpassage hoch über den Gärten und Hütten am Pfaffenberg schreitet, denkt man sich: Premium geht auch ohne Berge, rauschende Wasserfälle, trutzige Burgen. Es geht auch mit der schwäbisch-schaffigen Gütleskultur.

Infos unter:

https://www.moessingen.de/fruechtetrauf

www.tourismus-bw.de/Media/Touren/Fruechtetrauf-Schoenbuchspitzrunde

www.tourismus-bw.de/Media/Touren/Fruechtetrauf-Ammerbucher-Gigeleswegle