Erinnerungsstücke an das ehemalige Esslinger Kaufhaus Hertie wurden in einem Sammelalbum verewigt. Foto: Städtische Museen Esslingen
Hertie war einst eine Institution in Esslingen. Das Kaufhaus in der Bahnhofstraße brachte in den 60er Jahren einen Hauch von Glamour und Eleganz in die Stadt. In einem Album haben Mitarbeitende gesammelt, was irgendwie mit ihrem Arbeitgeber zu tun hatte.
Er klingt ein wenig angestaubt, hausbacken und sehr kommerziell. Nur der Refrain des Werbesongs zu der Modenschau „Jugend international“ ist schmissig, hat Ohrwurm-Qualitäten und reißt mit. Der textlich einfach strukturierte Schlager mit dem Titel „Davon träumen alle jungen Leute“ wurde auch von dem ehemaligen Esslinger Kaufhaus Hertie in der Bahnhofstraße als Reklamemasche für seine erste Modenschau am 18. März 1963 im Theaterhaus Scala genutzt. Die Promidichte war an diesem Abend mit Unterhaltungskünstlern wie Bibi Johns, Ralf Benedix, Greetje Kauffeld oder Heinz Schenk sehr hoch, und im Werbeprospekt des Kaufhauses hatte es geheißen: „Die Show informiert Sie über alles, was Twens und Teenager heute lieben.“ Der Eintritt kostete zwei Mark. Ein Ticket und die Schallplatte mit dem Werbesong befinden sich in einem Sammelalbum, das Hertie-Mitarbeitende mit Stolz und Selbstbewusstsein über ihr Haus gefüllt haben. Es wird ab Sonntag, 8. September, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen gezeigt.
Menschen, die am Strand, am Frühstückstisch, in den Bergen oder vor einer Sehenswürdigkeit selig lächelnd in die Kamera grinsen – Fotoalben können für Außenstehende unglaublich ermüdend sein. Beim Durchblättern des Erinnerungsalbums des Hertie-Teams aber bleibt ein gelangweiltes Gähnen aus. Von Februar 1962 bis Dezember 1963 haben die Mitarbeitenden in denBand alles eingeklebt, was irgendwie mit dem Esslinger Kaufhaus zu tun hat – Zeitungsausschnitte, Fotos der einzelnen Abteilungen, Aufnahmen von Veranstaltungen, Werbeflyer oder Annoncen wie „Ohne Kühlschrank geht es nicht“.
Die Esslinger Bahnhofstraße mit einer Hertie-Fahne im Hintergrund, aufgenommen in den 1990er Jahren. Foto: Kraufmann
Erinnerungsstücke an Schaufensterdekorationen und an besondere Events sind ebenfalls darin enthalten und künden von dem Fantasiereichtum der Kaufhausbetreiber: Veranstaltungen mit Titeln wie „Von Tokio bis Neu-Delhi“ oder „Mensch oder Roboter? Worauf tippen Sie?“ erklären die große Strahlkraft des ehemaligen Konsumtempels, der einen Hauch von Glamour, Exotik, Eleganz und großer Welt in die behäbigen 1960er Jahre brachte. „Großformatige Fotografien der einzelnen Abteilungen zeugen davon, dass die Entbehrungen des Krieges endgültig hinter den Stadtbewohnern lagen und wieder in Hülle und Fülle konsumiert werden konnte“, sagt Christiane Benecke von den Städtischen Museen Esslingen.
Das Selbstbewusstsein des Hertie-Teams fußte nicht auf einem übertriebenen Selbstbild – Hertie war eine Marke, eine Institution in Esslingen. Schon in den 1950er Jahren zermarterte sich der Gemeinderat nach Beneckes Recherchen das Hirn darüber, wie der lokale Einzelhandel gegen die Kaufriesen in Stuttgart bestehen könne. Die Bebauung der Bahnhofstraße sollte für den angestrebten Konkurrenzkampf genutzt werden. „Der Entschluss, das Grundstück, auf dem sich der Städtische Saalbau befunden hatte, an die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH zu verkaufen, wurde deshalb mit großer Mehrheit getroffen“, sagt Benecke. Das Kaufhaus sollte die Innenstadt beleben.
Im Jahr 2000 hängt ein Kran Hertie-Tüten an der Fassade ab. Foto: Krishna Lahoti
Das Entstehen des Gebäudes war ein mediales Spektakel. Artikel darüber finden sich gleich zu Anfang im Erinnerungsalbum. Die „Eßlinger Zeitung“ berichtete ebenfalls mit kaum verhohlener Begeisterung von Fortschritten, geschafften Bauabschnitten und dem Gedeihen „eines der höchsten Gebäude unserer Stadt“. Im Album sind auch Anzeigen zu sehen, mit denen Verkäufer, Schaufenstergestalter, Lehrlinge, Köche und anderes Personal gesucht wurde, um das neue Kaufhaus in Betrieb nehmen zu können.
Bei der Eröffnung steigerte sich die Hertie-Mania ins Uferlose. Am 1. März 1963 standen einige hundert Wartende lange vor 9 Uhr vor den noch geschlossenen Toren. Die Absperrungen allein reichten nicht mehr aus. Acht Feuerwehrleute mussten die Menge in Schach halten. Um die Mittagszeit wurde ob des großen Andrangs sogar die Polizei gerufen. Kein Wunder, denn an Vorschusslorbeeren hatte es laut Benecke nicht gemangelt. Die „Eßlinger Zeitung“ sprach von „einem der modernsten Kaufhäuser Deutschlands“, und auf der Einladungskarte für die Eröffnungsfeier am Vortag mit Ehrengästen war die Rede von einem „neuen Schmuckstück der Stadt“. Es war ein Schmuckstück mit cleveren Marketing-Gags. Bei ihrer Eröffnung verfügte die Hertie-Filiale nur über nach oben fahrende Rolltreppen. Denn das Abwärtssteigen auf den Treppen sollte Konsumenten Zeit zum Betrachten des Warensortiments geben und sie so in Kauflaune versetzen. Nur für ganz Eilige gab es Aufzüge. Das funktionierte. Während des Wirtschaftswunders hatte auch Hertie wunderbare Zeiten. „Es galt das Prinzip: Waren und Konsum für alle“, so Benecke.
Ende des Höhenflugs
Nach etwa 30 Jahren war die Euphorie abgeklungen. Die Hertie-Höhenflüge wurden von Tiefschlägen unterbrochen. In den 1980er Jahren gingen die Umsätze stark zurück und der Niedergang begann. 1993 wurde Hertie an Karstadt verkauft. „Heute hat das Konzept des Vollsortiments aufgrund eines geänderten Konsumverhaltens weitestgehend ausgedient“, sagt Christiane Benecke.
Kaufhäuser, Werbesongs und ein zeitgeschichtlicher Schatz
Kaufhaus-Geschichte Das erste Warenhaus der Kaufleute Oskar und Hermann Tietz entstand laut Christiane Benecke 1882 in Gera. In den kommenden
Jahren expandierte das Unternehmen und gründete zahlreiche Filialen. 1926 übernahm es von A. Jandorf & Co. das Kaufhaus des Westens in Berlin, das KaDeWe. 1934 wurden die Gesellschafter der jüdischen Familie Tietz im Zuge der „Arisierung“ während der NS-Diktatur gezwungen, aus dem Geschäft austreten. Nach 1945 wurden die westdeutschen Filialen wieder aufgebaut. Neue kamen hinzu.
Song Der Song, den das Esslinger Kaufhaus Hertie als Reklame für seine erste Modenschau 1963 benutzt hat, kann auf Youtube mit den Interpreten Monika Grimm und René Kollo unter dem Titel „Davon träumen alle junge Leute“ (Hertie Flexi) gehört werden (unter https://youtu.be/U3Jcuj_C6eU?feature=shared).
Exponat Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind normalerweise vom ersten Dienstag des Monats an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt zu sehen. Das Hertie-Erinnerungsalbum aber wird zum Tag des offenen Denkmals erst am Sonntag, 8. September, gezeigt. Mehr unter www.museen.esslingen.de .