Tarifauseinandersetzungen treiben üblicherweise einen Keil zwischen Unternehmensführung und Belegschaft – bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) ist davon bisher nichts zu erkennen. Auf dem SSB-Betriebsgelände in Möhringen stehen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter am Freitagmorgen trotz des ganztägigen Verdi-Warnstreiks einträchtig beisammen; die Begrüßung fällt überaus freundlich aus. Der enge Draht soll eine Eskalation im Tarifkonflikt des Nahverkehrs verhindern helfen.
Die zweite Verhandlungsrunde der Gewerkschaft Verdi mit den kommunalen Arbeitgebern in Baden-Württemberg findet am 5. und 6. Februar statt, eine dritte am 5. und 6. März. Ob dazwischen eine weitere Blockade droht, da legt sich Verdi-Verhandlungsführer Jan Bleckert nicht fest. „Das hängt davon ab, wie der Arbeitgeber unsere Forderung bewertet und welche Gegenforderungen er unter Umständen aufstellt.“ Dies sei nach der ersten Verhandlungsrunde noch nicht klar. „Aus der Erfahrung heraus würde ich sagen, dass mit weiteren Streiks zwischen den beiden Terminen zu rechnen ist.“
Verdi will sorgsam mit dem Streikrecht umgehen
Dann bleiben Busse und Bahnen – wie bei sechs weiteren kommunalen Verkehrsbetrieben im Land – eventuell mehr als einen Tag lang im Depot stehen. Überziehen will Verdi nicht: Man habe „in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überlegter mit dem Streikrecht umgehen, als das andere tun“, sagt Bleckert, was als Seitenhieb auf die Lokführergewerkschaft GDL zu verstehen ist. „Wir müssen das Verständnis in der Bevölkerung, von dem wir in Tarifrunden ein Stück weit getragen werden, genau im Blick behalten, damit uns nicht eine Welle der Ablehnung entgegenschlägt.“ Verdi wolle die Verkehrswende durch gute Arbeitsbedingungen befördern. „Wir können es uns nicht leisten, die Bevölkerung gegen die Beschäftigten oder den ÖPNV aufzubringen“, so Bleckert, der die Streikbeteiligung auf 60 Prozent schätzt.
Die Arbeitnehmerseite sieht diese Tarifrunde insofern auch als Programm gegen die Überlastung der Fahrer infolge des allgemeinen Personalmangels – Verdi zufolge sollen nicht noch mehr Beschäftigte den Fahrdienst quittieren, weil zum Beispiel die Wechselschichten ihre Spuren hinterlassen. Die Löhne werden diesmal nicht verhandelt, und es soll auch nicht um eine generelle Verkürzung der Wochenarbeitszeit von derzeit 39 Stunden gehen. Eine solch plakative Forderung will Verdi im Südwesten vermeiden.
Eher sollen konkrete Entlastungen erreicht werden. So soll die Verspätungsregelung im Tarifvertrag, also unbezahlte Arbeitszeit, entfallen, und die innerbetrieblichen Wegezeiten sollen als Arbeitszeit anerkannt werden. „Wenn wir das zusammenrechnen, sind wir schon bei einer Verkürzung bis zu anderthalb Stunden“, sagt Bleckert. Arbeitszeitregelungen seien „ganz dicke Bretter“ – daher macht er ein „großes Fragezeichen“, ob an den ausstehenden vier Verhandlungstagen eine Lösung möglich ist.
Zwei Vorstandsmitglieder gut gelaunt im Streiklokal
Sorge um eine Politisierung der Tarifrunde in einer protestreichen Zeit treibt die SSB-Arbeitsdirektorin Annette Schwarz und den Vorstandssprecher Thomas Moser um. „Der Vorstand zeigt Präsenz“, betonen sie im Streiklokal – wo sie sich wie Streikende Kaffee in Pappbecher füllen und permanent Arbeitnehmervertreter und andere Beschäftigte begrüßen. „Selbstverständlich wollen wir ins Gespräch kommen“, sagen sie. Die direkte Ansprache werde geschätzt. „Wir zeigen, was wir an ihnen haben“, so Moser über die fast 3500 Beschäftigten aus 50 Nationen.
Dies kann der Betriebsratsvorsitzende Platon Karipidis prinzipiell bestätigen: „Obwohl wir uns manchmal fetzen und die inhaltlichen Unterschiede groß sind – wenn es um eine Verbesserung für die Kolleginnen und Kollegen geht, dann ziehen wir an einem Strang“, sagt er. Dann bemühe man sich um Kompromisse. Beispielsweise habe der Betriebsrat gerade erst mit dem Arbeitgeber eine Vereinbarung zur schnelleren Gewinnung von Fachkräften abgeschlossen.
Zuversichtlich, dass eine gute Lösung gelingt
Den Tarifkampf wollen die Personalvorständin und der Technische Vorstand nicht überbewerten. Ein Streik sei „ganz normal“. Statt an einer Verschärfung zeigen sie sich „am guten Miteinander“ interessiert. Denn „es gibt immer ein Rückspiel“, sagt Schwarz, die vor ihrem SSB-Einstieg beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) tätig war. Auf KAV-Seite gehört sie als Vertreterin des größten Unternehmens zu den Verhandlungsführerinnen. Sie sei „zuversichtlich“, dass sich für die insgesamt rund 6500 Beschäftigten im Land eine „gute Lösung“ finden lasse, sagt sie.