1400 Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsdienste haben am Donnerstag gestreikt, am kommenden Montag sind die Sozialen Dienste in Stuttgart und einigen Landkreisen zum Warnstreik aufgerufen, am Mittwoch, 4. Mai, erneut die Kita-Fachkräfte.

Lokales: Barbara Czimmer (czi)

Im Biergarten des Kursaals in Bad Cannstatt herrschten am Donnerstag kämpferische Töne. „Gebt mir ein S, gebt mir ein T, gebt mir ein R“, intonierte Cuno Brune-Hägele von Verdi vor den Erziehungs- und Sozialdienstlern. Wie seinerseits Country Joe McDonald beim Woodstock-Festival war ihm bei der Streikversammlung der Jubel sicher, als das Wort Streik vollendet war. Denn so stehen die Zeichen – auch in der kommenden Woche.

Weitere Streiks nicht ausgeschlossen

Rund 1300 Beschäftigte aus Stuttgarter Kitas, aus Sozialdiensten sowie 100 Mitarbeiter der Jugendhausgesellschaft haben sich am Warnstreik beteiligt. Der Geschäftsführer des Stuttgarter Bezirks nimmt in der Klangmuschel am Kursaal kein Blatt vor den Mund: „Wer war während Corona durchgängig in den Kitas? Ihr! Jetzt seid Ihr die Ersten, bei denen die Auswirkungen der Flüchtlingskrise ankommen – und dafür bietet man uns Massage in der Mittagspause!“, sagt er in Anspielung an die jüngsten Tarifgespräche mit dem Verband der kommunalen Arbeitgeber. Er könne nicht so recht an ein schnelles Ergebnis glauben und schließt weitere Streiks nicht aus: „Der Sommer steht vor der Tür – und wir!“

Während der Ausgang der dritten Verhandlungsrunde am 15./16. Mai in Potsdam noch offen ist, steht jetzt schon der Fortgang der Proteste in den nächsten Tagen fest. Am Montag, 2. Mai, finden Warnstreiks in den Sozialen Diensten bei der Stadt, im Klinikum und in den Landratsämtern Ludwigsburg, Rems-Murr und Böblingen sowie eine Aktion vorm Stuttgarter Rathaus statt. Am Mittwoch, 4. Mai, ruft Verdi erneut alle Kita-Fachkräfte in Stuttgart und in den Landkreisen Ludwigsburg, Rems-Murr und Böblingen zum Warnstreik auf. Geplant ist eine Demonstration zum Stuttgarter Rathaus. Dezentral sind Aktionen in den Landkreisen geplant. Am 12. Mai findet ein landesweiter Streiktag in Stuttgart statt.

Die Konkurrenz schläft nicht

„Wenn die öffentliche Verwaltung keine attraktiveren Arbeitsbedingungen schafft, laufen unsere Fachkräfte in die Wirtschaft über“, sagt Personalrätin Ulrike Eggle. Das wüssten die Verwaltungen. „Ich bin deshalb zuversichtlich, dass sich die Organisationsstruktur in den Einrichtungen ändern wird und Mitarbeiter von Hausmeister- und Verwaltungstätigkeiten entlastet werden.“

„Dieser Tarifkonflikt lässt sich wohl nicht so schnell lösen“, sagt Elisabeth Reuter, die Sprecherin des Stuttgarter Gesamtelternbeirats (GEB). Deshalb verhandle man mit der Stadt momentan, ob an Streiktagen die Kinder in den Kitas von Eltern betreut werden können. Dass Verdi vor allem auf monetäre und nur wenig auf organisatorische Verbesserungen dränge, dafür fehle in der Elternschaft das Verständnis.

Spätfolgen für Grundschulkinder

Auch die Schulkindbetreuung wird bestreikt, weshalb der GEB der Stuttgarter Schulen an die Stadt appelliert: „Machen Sie den Sozial- und Erziehungsdienst nachhaltig attraktiv!“ Die Sprecherin Manja Reinholdt sagt: „Wir haben auch in den Grundschulen überdeutlich gespürt, wie sich der Fachkräftemangel auf Qualität und Quantität in der Betreuung auswirkt. Besondere Förderbedarfe gehen durch den Personalmangel unter oder werden nicht erkannt.“

Was die Stadt Stuttgart übertariflich leistet

Bezahlung über Tarif
Seit 2014 gibt es die Zulage Tarif-Plus in Höhe von 100 EUR brutto für Personal im Gruppendienst. Seit 2020 werden die Kita-Leitungen teils höher eingruppiert, indem nicht mehr die tatsächliche Zahl der betreuten Kinder für die tarifliche Eingruppierung zugrundegelegt wird, sondern die Zahl der Kleinkinder (unter drei Jahren) mit dem Faktor 1,8 berücksichtigt wird. Damit kann für die Leitungen ggf. eine übertarifliche höhere Eingruppierung erreicht werden. Seit 2022 werden Absolventen der praxisorientierten Ausbildung (PiA) beim Berufseinstieg bereits in Erfahrungsstufe 2 eingestuft. Beschäftigte in der Kinderpflege werden nach interner Qualifizierung in S8a eingruppiert.

Benefit
Zusätzlich gibt es verschiedene Unterstützungssysteme für die Stuttgarter Kita-Beschäftigten, zum Beispiel die Sprachförderkräfte, Anleitung für Anleiter, eine höhere Leitungsfreistellung als vom Gesetzgeber vorgegeben, ein umfangreiches Fortbildungs- und Qualifizierungsangebot mit bis zu zehn Tagen Freistellung, Supervision und Fachberatung für die Beschäftigten, Personalzimmer für Azubis und Berufseinsteiger und das JobTicket. czi