Warnung vor extremen Diäten Vorzeitige Wechseljahre durch vegane Rohkost?

Die vegane Influencerin Yovana (links) promotete über Jahre Fruchtdiäten, bis ihre Monatsblutung ausblieb. Die Rohveganerin Freelee the Banana Girl (rechts) wollte durch Rohkost ihre Periode loswerden. Foto: freeleethebananagirl/yovana/instagram

Extreme vegane Ernährung kann zum Ausbleiben der Periode führen. Experten erklären das Phänomen und warnen vor den Gefahren von strengem Veganismus.

Stuttgart - Als Rohveganer isst man weder tierische noch gekochte Mahlzeiten. Gegessen wird lediglich Rohkost: Obst, Trockenobst und Gemüse. Nüsse, Samen und Sprossen gehören auch dazu. Mediziner und Ernährungsexperten warnen davor, durch Ernährung die Periode zum Stillstand zu bringen. Gesundheitliche Probleme können die Folge sein.

 

Wie berichten extreme Veganerinnen vom Ausbleiben der Periode?

Die Influencerin „Rawvana“, die eigentlich Yovana Mendoza heißt, hatte zuletzt im Internet für Aufsehen gesorgt. Auf Instagram ist sie für ihre roh-veganen Ernährungstipps und Fitnessvideos bekannt. Seit mehreren Jahren propagiert Mendoza die (positiven) Auswirkungen dieser Ernährungsweise auf ihren Körper, gibt Ratschläge zu Fastenkuren. Dann plötzlich der Radikalwandel, der ihre 1,2 Millionen Abonnenten schockte. Sie isst seit Kurzem wieder Fisch und Eier und erklärte das in einem Video mit gesundheitlichen Problemen wie dem Ausbleiben ihrer Periode. Die Rohveganerin Freelee the Banana Girl, die auf Youtube über 780 000 Follower hat, wollte dagegen ihre Monatsblutungen stoppen – mit einer streng veganen Diät. In dem Video „Wie ich meine Menstruation durch vegane Rohkosternährung losgeworden bin“, erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Bekommen Veganerinnen keine Periode mehr?

Es komme darauf an, ob man mit der jeweiligen Ernährung sein Gewicht halten kann oder nicht. Wenn es ernährungsbedingt zu einer Gewichtsabnahme kommt, können im Körper bestimmte Stresssignale entstehen, die dazu führen, dass der Zyklus abgeschaltet wird. „Wenn man zehn Prozent seines Gewichtes abnimmt, dann beginnen solche Stressreaktionen“, sagt Ulrich Karck, Direktor der Frauenklinik am Klinikum Stuttgart. Und wenn Essen zum Stress wird wie etwa bei Ess-Brechsüchtigen. Diese halten zwar ihr Gewicht, denken aber den ganzen Tag ans Essen – was sie essen und wie viel. Durch diesen konstanten Stress und die Belastungsreaktionen kann es zu Zyklusstörungen kommen. Wenn der BMI unter 16 oder 17 fällt, dann bleibt die Periode aus. Zum Krankheitsbild von Magersüchtigen gehört die ausbleibende Periode dazu. Es hängt also davon ab, ob man es schafft, genügend Nährstoffe und Kalorien zu sich zu nehmen. Das ist bei einer veganen Ernährung schwieriger.

Verliert man als Veganer und Rohkostveganer mehr Gewicht?

Aus der Gießener Rohkoststudie von 1998, die immer noch von Ernährungsexperten zum Thema vegane Ernährung zitiert wird, geht hervor, dass die Teilnehmer nach einem Jahr mit Rohkost-Ernährung einen geringeren BMI hatten sowie einen geringeren Fett- und Proteinanteil im Körper, weil sich auch die Muskelmasse verringerte. Dafür hatte sich der Wasseranteil erhöht. „Trotz großer Lebensmittelmengen, die Rohköstler und Veganer aufnehmen, nehmen sie wenig Energie zu sich“, sagt Ernährungsexperte Peter Grimm von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. 70 bis 90 Prozent ihrer Energie nehmen sie aus Obst und Gemüse auf, die stark wasserhaltig sind. Fleisch- und Proteinprodukte haben einen hohen Nährwert, damit kann dem Körper schneller und leichter Energie zugeführt werden als es über rein pflanzliche Kost möglich ist. „Man muss sich als Veganer intensiv mit Lebensmitteln auseinandersetzen und sich ausgewogen und fettreich ernähren“, sagt der vegane Frauenarzt Oliver Dib. Viele Veganerinnen ernährten sich aber seiner Erfahrung nach sehr fettarm und unausgewogen.

Wenn die Periode ausbleibt, kommen dann die Wechseljahre?

Der Eierstock wird durch Hormone gesteuert, die von der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet werden: LH und FSH. Diese gelangen mit dem Blut zum Eierstock und dieser reagiert mit einer entsprechenden Hormonproduktion und Zyklustätigkeit. Bei bestimmten körperlichen Belastungen werden diese Botenstoffe nicht mehr ausgeschüttet, die LH- und FSH-Hormonspiegel fallen. Wenn eine Frau in die echten Wechseljahre kommt, dann versucht das Gehirn, den Eierstock weiter durch Hormone anzutreiben, LH- und FSH-Spiegel steigen, doch die Eizellen sind aufgebraucht. Bei jungen Frauen, bei denen durch Stress oder mangelhafte Ernährung der Zyklus ausbleibt, sind LH und FSH aber niedrig. Das Gehirn steuert den Eierstock nicht an, deswegen tut dieser auch nichts. Das sind also keine echten Wechseljahre: Der Eierstock könnte also aktiv werden, wenn ihm jemand sagen würde, „tu etwas.“ Aber es sagt keiner was.

Kehrt die Periode wieder zurück?

Sobald das Gewicht wieder normalisiert wird, springt der Zyklus wieder an. Die Eierstöcke gehen also nicht in die komplette Funktionsruhe, erklärt Karck. Die Periode komme meist wieder, wenn das Gewicht zehn Prozent über dem Wert liegt, bei dem die Menstruation ausgesetzt hat. Eine 1,70 Meter große Frau nimmt beispielsweise ab und wiegt nur noch 50 Kilogramm. Mit 49 Kilogramm verliert sie ihre Periode. Diese kommt oft erst wieder, wenn die Frau 54 Kilogramm erreicht. Die Gründe für dieses Phänomen seien noch unbekannt, so Karck.

Welche Risiken hat extremer Veganismus?

„Rohkosternährung ist eine Mangelernährung und damit grenzwertig“, sagt Experte Grimm. Je höher der Obst- und Gemüseanteil, desto kritischer wird es mit der Zufuhr von Nährstoffen. Die Vitamine D und B12 sowie Zink, Kalzium und Jod werden zu wenig aufgenommen. Die Anfälligkeit für Infekte steigt. Wenn die Periode über längere Zeit ausbleibt, kann es zum starken Abfall der Östrogenspiegel kommen. Dadurch wird die Knochengesundheit gefährdet. Für den Erhalt einer ausreichenden Knochendichte und -festigkeit brauchen Frauen – und auch Männer – Östrogene. Langfristig erhöht sich bei Östrogenmangel das Risiko einer Osteoporose: Die Knochen werden brüchig.

Ist vegane Ernährung in der Schwangerschaft problematisch?

„Rohkost und Schwangerschaft passen nicht zusammen“, sagt Grimm. Rohvegane oder vegane Ernährung kann in der Schwangerschaft zu einem reduzierten Wachstum des Fötus führen und später zu einer schlechteren kognitiven Entwicklung. Außerdem steigt das Risiko eines Schwangerschaftsabbruches. Vegane Ernährung könne in der Schwangerschaft funktionieren, sei aber schwierig umsetzbar, so Frauenarzt Dib. „Wenn man sich nicht genug auskennt oder die Einnahme von Vitaminpräparaten ablehnt, rate ich meinen Patientinnen für die Zeit der Schwangerschaft, den veganen Weg zu verlassen.“ Veganer, die sich ausgewogener ernähren und viel Soja und Hülsenfrüchte zu sich nehmen, haben in der Regel weniger Probleme, so Grimm. Sie müssten vor allem das Vitamin B12 substituieren. Wenn der Nährstoffbedarf steigt, zum Beispiel durch eine Schwangerschaft, dann werde es aber kritisch.

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