Warren Buffetts Rat ist in der Finanzwelt gefragt – nicht nur auf den Aktionärstreffen seiner Holding Berkshire Hathaway. Foto: AFP/Johannes Eisele
Der Altmeister sitzt mit seiner Holding Berkshire Hathaway auf größeren Geldreserven denn je. Warum Buffett die Mittel nicht investiert, was er Anlegern rät, und wovor er die Finanzwelt warnt.
Der alte Mann und das viele Geld: Seit Jahren fiebern die Finanzmärkte auf den nächsten Coup von Warren Buffett hin, doch der legendäre Investor hält sich mit Übernahmen zurück. Dabei spülen die glänzenden Geschäfte seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway dem 93-Jährigen immer mehr Geld in die Kassen. Zuletzt hortete Buffett liquide Mittel im Rekordvolumen von knapp 168 Milliarden Dollar (155 Milliarden Euro). Warum der Börsenguru nicht mehr investiert, welche Tipps er Anlegern gibt, wovor er die Finanzmärkte warnt – das verriet er im Brief an seine Aktionäre.
Buffett gilt als einer der erfolgreichsten Anleger aller Zeiten. Seine Investmentholding Berkshire Hathaway, zu der an die 90 Firmen und große Aktienbeteiligungen an bekannten Konzernen wie Apple, Coca-Cola oder American Express zählen, schuf er Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus einem heruntergewirtschafteten Textilgeschäft. Mit einem Börsenwert von gut 900 Milliarden Dollar gehört Berkshire zu den zehn am höchsten gehandelten Konzernen weltweit. Seit 1965 ist die Aktie jährlich im Schnitt um knapp 20 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Die jährliche Performance des US-Leitindex S&P 500 lag in diesem Zeitraum bei rund zehn Prozent. Die mit den meisten Stimmrechten ausgestattete A-Aktie von Berkshire ist mit einem Preis von zuletzt 628 930 Dollar der teuerste Anteilsschein einer Firma weltweit.
Die wertvollste Aktie der Welt Foto: Grafik:Biwer
Sein Spitzname: das „Orakel von Omaha“
Buffett wird wegen seines geschickten Händchens für Geldanlagen und Beteiligungen „das Orakel von Omaha“ genannt. Doch derzeit sieht selbst er kaum lukrative Investitionsobjekte. „Es gibt nur eine Handvoll von Unternehmen in diesem Land, die bei Berkshire etwas Größeres bewegen könnten“, schrieb er an seine Aktionäre. Im Ausland findet der Altmeister gar keine passenden Kandidaten.
Mit spektakulären Übernahmen ist also vorerst nicht zu rechnen. Kein Wunder: Buffett hält traditionell nach unterbewerteten Firmen und Aktien Ausschau, das wird aber immer schwerer, da die Bewertungen seit Jahren fast durch die Bank weg nur steigen.
Mit der neuen Börsenwelt, die von Krypto-Glücksrittern, Hochgeschwindigkeitshandel, Handy-Apps, Finanz-Influencern und Internetforen für Hobbyanleger geprägt ist, fremdelt Buffett. „Die Märkte legen heute ein stärkeres Kasino-Verhalten an den Tag als in meiner Jugend.“ Angesichts beschleunigter Kommunikationsmittel und der „Wunder der Technologie“ sei es für die Menschen einfacher, an dieser Art des Glücksspiels teilzunehmen – das Finanzmarktkasino sei inzwischen dank Smartphones und PCs in „vielen Wohnungen daheim“ und führe die Teilnehmer „täglich in Versuchung“.
Sein Rat: Tippgeber aus der Finanzwelt ignorieren
Buffett rät Anlegern, im turbulenten Marktumfeld kühlen Kopf zu bewahren, und warnt sie, der Finanzindustrie nicht auf den Leim zu gehen. An der Wall Street, wo Banken und Finanzdienstleister an Handelsgebühren verdienen, gehe es weniger darum, dass die Kunden an der Börse Geld machten, sondern vielmehr darum, dass dort „fieberhafter“ Betrieb herrsche. „Jede Torheit, die vermarktet werden kann, wird energisch vermarktet werden.“ Tippgeber aus der Finanzwelt sollten prinzipiell ignoriert werden – wenn wirklich jemand voraussehen könne, wohin sich die Aktienkurse entwickelten, werde er es ohnehin niemandem verraten.
Im derzeitigen Marktumfeld, wo die Börsen trotz aller Krisen, Kriege und Konflikte ein Rekordhoch nach dem anderen erklimmen, sind Buffetts kritische Töne ein mahnendes Kontrastprogramm. Trotz Allzeithochs am Aktienmarkt und einem Rekordjahresgewinn von 96,2 Milliarden Dollar bei Berkshire Hathaway versprüht der Aktionärsbrief keine Euphorie. Die gedrückte Stimmung mag auch ein Stück weit dem Tod von Buffetts langjährigem Stellvertreter Charlie Munger geschuldet sein, der im November kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben war. Munger sei der wahre Architekt von Berkshire Hathaway gewesen, so Buffett.
Angesichts seines eigenen fortgeschrittenen Alters stellt sich bei Berkshire auch die Frage, wie es nach Warren Buffett einmal weitergeht. „Ich plane zu arbeiten, bis ich über 100 bin“, versprach dieser einst. Tatsächlich ist sein Nachfolger längst bestimmt – Berkshire-Topmanager Greg Abel wird ihn eines Tages beerben, wie Buffett noch einmal bekräftigte.
Altersmüde ist Buffett noch nicht. So machte er deutlich, dass Berkshire Hathaways Stunde in der nächsten Finanz- und Wirtschaftskrise schlagen könnte. Denn das Konglomerat habe die Möglichkeit, sofort mit großen Summen auf Markterschütterungen zu reagieren. Und die nächste Krise werde kommen. „Denkt zurück an den September 2008“, erinnerte Buffett an die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers und den damaligen Beinahe-Kollaps des Finanzsystems. „Solche Paniken werden nicht oft passieren, doch sie werden passieren.“ Für solche Fälle sei seine Holding gerüstet. „Berkshire ist für die Ewigkeit gebaut“, verkündete Buffett. Seine Investmentgesellschaft könne selbst einem „Finanzdesaster nie gesehenen Ausmaßes“ standhalten.